Morgenimpuls von Schwester Katharina

Zorn, Verzweiflung und unermessliche Trauer

Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, wissen wir nicht, wo wir unsere Trauer und unsere Wut abladen können. "Was kann man sagen, wenn die Worte fehlen?", fragt sich auch Schwester Katharina und findet Antwort in einem Psalm.

Symbolbild: Einsamkeit / © FotoDuets (shutterstock)

Vor einigen Wochen hat ein tragischer Todesfall die Menschen in unserem Städtchen erschüttert. Eine Frau Mitte 30 ist mit der Urlaubsvorbereitung beschäftigt und erleidet mittendrin einen schweren Herzinfarkt und stirbt einige Tage später daran. Sie hinterlässt ihren Mann und drei Kinder im Alter von vier Monaten, zwei und sieben Jahren. Was das Ganze noch dramatischer macht, ist die Tatsache, dass vor drei Jahren ihr zweitgeborenes Kind nach wenigen Tagen gestorben ist. "Da fehlen die Worte", waren die am meisten gesagten Worte von mittragenden Menschen auf Beileidskarten in Briefen.

Die einen in der Familie können nach den ersten todestiefen Wochen wieder Hoffnung sehen und erkennen: Der Tod ist das Ende des Lebens, aber nicht der Liebe. Die Liebe bleibt und Gott ist die Liebe. Und manche können sogar schon das Lied von Bonhoeffer zitieren: "Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Ein anderer aber hatte es nach dem Tod des Kindes schon fast aufgegeben, an einen liebenden Gott zu glauben, und suchte jetzt dringend jemanden, bei dem er seine Wut, seinen Zorn auf Gott, seine unermessliche Trauer abladen konnte, und landet bei uns Schwestern, weil er sagt: "Zu einem Priester kann ich nicht gehen, aber ihr seid näher am Leben. Kann ich kommen?"

Was kann man sagen, wenn die Worte fehlen? Das Einzige, was möglich war, war der Psalm 88, in dem heißt es unter anderem: "Herr, du Gott, meine Rettung. Am Tag und in der Nacht schreie ich vor dir. Lass mein Bittgebet vor dein Angesicht kommen, neige dein Ohr meinem Rufen, denn mit Leid ist meine Seele gesättigt. Mein Leben berührt die Totenwelt. Schon zähle ich zu denen, die hinabsteigen in die Grube. Bin wie ein Mensch, in dem keine Kraft mehr ist. Ausgestoßen unter den Toten wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst. Abgeschnitten sind sie von deiner Hand." Und dann plötzlich zu spüren, in allen Jahrtausenden haben Menschen in ausweglosem Leid und tiefster Trauer zu ihrem Gott geschrien, ihn angebrüllt und von ihm Rechenschaft gefordert und eine Antwort eingeklagt. Wer so alle seine Not vor Gott schreien kann, der ist ihm nicht fern. Glaube ich.

Quelle:
DR