Zeitverzögert warnt der Vatikan vor einigen Thesen Jon Sobrinos - Ein Kommentar von KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel

Ein Befreiungstheologe als Abweichler im Glauben

Das Timing scheint zu bestätigen, dass die katholische Kirche in Jahrhunderten denkt und die vatikanischen Mühlen im Zeitlupentempo mahlen: Mehr als ein Jahrzehnt nach der Welle kommunistischer Umsturzversuche in Lateinamerika hat die frühere Inquisitionsbehörde am Mittwoch den Befreiungstheologen Jon Sobrino gemaßregelt und Thesen des Jesuiten öffentlich als "abweichend vom Glauben der Kirche" eingestuft.

 (DR)

Das Verfahren begann offiziell 2001 und dauerte bis Oktober 2006. Dann verging nochmals ein halbes Jahr bis zur Veröffentlichung durch den vatikanischen Pressesaal. Inoffiziell hatte es im Jesuitenorden sogar schon in den späten 1970er Jahren Hinweise gegeben, dass Sobrino Ansichten vertrete, die nicht mit dem Credo der Kirche übereinstimmten. Doch führten sie damals nicht zu einer förmlichen Überprüfung.Ausdrücklich betont die Glaubenskongregation, dass es bei dem nun abgeschlossenen Verfahren nicht um das Engagement des Befreiungstheologen für die Armen gehe, sondern um dogmatische Fragen. Diese sind bei näherem Hinsehen für Nicht-Gläubige nur schwer zu begreifen. Im Zentrum steht, wie schon so oft in der Kirchengeschichte, die Doppelnatur Jesu Christi, der nach dem Glauben der Christen "wahrer Mensch und wahrer Gott" ist. Wie viele sozial engagierte Theologen vor ihm betonte auch Sobrino in seinen Büchern die menschliche Natur des leidenden und hingerichteten Jesus als Bruder der Unterdrückten - und vernachlässigte dabei wesentliche Aspekte der kirchlichen Lehrtradition.Nach der Veröffentlichung des Ergebnisses - das, wie der vatikanische Pressesprecher und Jesuit Federico Lombardi betont, keine kirchenrechtliche Verurteilung seines Ordensbruders Sobrino darstellt - bleiben Fragen offen. Unklar ist, was aus der amtlichen Feststellung der Abweichung praktisch folgt. Denn eine ausdrückliche Aufforderung zur Korrektur fehlt in dem Schreiben ebenso wie eine Androhung von Disziplinarstrafen.Ungeklärt bleibt auch, warum das Verfahren so lange dauerte. So wurde wegen der weiten Verbreitung der Schriften Sobrinos an Priesterseminaren und Hochschulen das "Dringliche Lehrprüfungsverfahren" gewählt. Es räumt im Gegensatz zum "Ordentlichen" Verfahren dem Autor weniger Reaktionsmöglichkeiten ein und soll den Prozess beschleunigen. Dennoch dauerte es fast sechs Jahre, bis der Fall Sobrino abgeschlossen wurde.Gründe für die Verzögerung gab es viele. So ließ sich Sobrino ein halbes Jahr Zeit, um auf ein Schreiben der Kongregation zu antworten. Von Rechts wegen standen ihm nur zwei Monate zu. Wenig später kam der Wechsel von Kardinal Joseph Ratzinger ins Papstamt. Dessen Nachfolger als Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, erbte das Dossier und musste es nun rasch zum Abschluss bringen. Warum aber danach nochmals ein halbes Jahr bis zur Veröffentlichung verstrich, ist offen.Durch die Verzögerung gerät die Verurteilung von Sobrinos Thesen in einen brisanten Zusammenhang: Sie fällt ins Vorfeld der Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, der im Mai im brasilianischen Aparecida tagt. In der Vergangenheit war die Befreiungstheologie und die von ihr propagierte "Option für die Armen" stets eines der heißesten Eisen dieser Treffen, deren Daten von engagierten Linkskatholiken bis heute als historische Meilensteine einer "Kirche der Armen" aufgezähltwerden: Medellin 1968, Puebla 1979 und - wenn auch mit einigen Abstrichen - Santo Domingo 1992.Nun könnte dank des Falls Sobrino auch Aparecida 2007 wieder zu einem Diskussionsforum für die von manchen bereits totgesagte Befreiungstheologie werden. Dafür spricht auch die allgemeine politische Konjunktur in Lateinamerika, die seit einigen Jahren von einem Wiedererstarken linker politischer Kräfte geprägt wird. Nicht ganz zufällig machen deren Wortführer in ihrer Rhetorik nicht selten Anleihen bei der Befreiungstheologie. Eine Wiederbelebung des alten Streits um die Revolution und das Reich Gottes könnte da fast schon wieder zeitgemäß wirken.