Zauberhafte Mistel

Vom Himmel

Es ist eine außergewöhnliche Pflanze und sie wurde außergewöhnlich verehrt: die Mistel. Ein scheuer Schmarotzer, der hoch oben meist in den Laubbäumen wächst und nur im Winter sichtbar wird, wenn das Laub der Bäume gefallen ist. Umso mehr wurde die Mistel zum grünen Symbol der Wintersonnenwende und des Lichtes und nur mit der goldenen Sichel durften sie die Druiden der Kelten schneiden.

 (DR)

"Für die Druiden ist nichts heiliger als die Mistel und der Baum, auf dem sie wächst, so es denn eine Eiche ist. (…) Sie glauben nämlich, was auf diesen Bäumen wächst, sei vom Himmel und es sei ein Zeichen, dass der Baum vom Gott erwählt sei."

...schreibt der Römer Plinius der Ältere im letzten Jahrhundert vor Christus nach einem Besuch bei den Kelten. Neuere Forschungen zeigen allerdings, dass die Mistel eher auf gestressten denn auf auserwählten Bäumen wächst. Trotzdem: für die Nachfahren der Kelten, egal ob Briten oder Bretonen ist die Mistel noch heute heilig, sie schmücken zu Weihnachten mit Mistelzweigen ihre Räume. Sehr zum Missfallen der anglikanischen Kirche, die die Mistel als heidnisches Symbol verboten hat. Aber ohne Mistel wird das neue Jahr eben nix, sie gilt wie vor 2000 Jahren als Zauberpflanze, Alles-Heiler, Glücksbringer.  

Ein Kuss unterm Mistelzweig

Steht in England zu Weihnachten eine junge Frau unter einem Türrahmen, an dem ein Mistelzweig befestigt ist, darf sie auf der Stelle an dieser Stelle geküsst werden. "Ohne Mistel kein Glück" heißt das passende Sprichwort dazu. Zudem soll die Mistel die Fruchtbarkeit fördern.

In Frankreich wird zu Neujahr ein Mistelzweig über die Tür gehängt und es dürfen dann alle unter der Tür geküsst werden, Verwandte und Freunde. "Au gui, l'an neuf" heißt es dazu: "Mit der Mistel kommt das Neujahr".

Die Deutschen haben ein eher gespaltenes Verhältnis zur Mistel, denn schließlich wurde ihr germanischer Sommergott Balder oder Baldur mit einem Mistelzweig getötet, Glück und Schönheit verschwanden.

Klebrige Frucht

Die Römer und ihre Nachfahren waren hingegen ganz die Pragmatiker: sie nutzten den klebrigen Schleim der Mistelbeeren und machten Leim daraus für den Vogelfang, damit diese ihnen eben auf den Leim gingen. Der lateinische Name für die Mistel „Viscum“ bedeutet genau dies: Vogelleim.

Spechte und Eichelhäher vor allem verbreiten die Mistel. Sie scheiden den Samen unverdaut aus, der bleibt am Gezweig der Bäume kleben. Er keimt und es dauert dann über zwei Jahre bis der Mistelkeim seine Wurzeln tief genug ins Holz des Baumes getrieben hat, um zu wachsen. Aber vom ersten Keimen an betreibt die Mistel Photosynthese und kann so überleben. Sind ihre Wurzeln in die Leitungsbahnen des Baumes eingedrungen, wächst sie scheinbar schwerelos zu einem kugeligen Busch bis zu einem Meter Durchmesser heran.

Die Geheimnisse der Mistel sind längst nicht zur Gänze erforscht, auch nicht ihre tatsächliche Heilkraft für diverse Therapien. Aber der Anbau im eigenen Garten ist durchaus möglich: einfach den klebrigen Samen oben in einen Baum kleben. Doch Vorsicht: dieser kann an der Mistel wie einst Balder zugrunde gehen. Von einem Mistelzweig oben am Türrahmen droht keine Gefahr – höchstens ein überraschender Kuss zu Neujahr. Da hätte der Mistelzweig ja schon einen schönen Zweck erfüllt.  (St.Q.)

neuere Forschungsergebnisse zum Thema Mistel

Wissenswertes zur Symbolik der Mistel im TB "Symbolik der Pflanzen" von Marianne Beuchert