Kanadas Indigene klagen katholische Kirche an

Wut nach Gräberfunden

Die Funde von sterblichen Überresten hunderter Kinder in der Erde nahe früheren Internaten sorgen für Empörung bei Kanadas indigener Bevölkerung. Sie verlangt nun Rechenschaft - insbesondere von der katholischen Kirche.

Kanada: Gedenkstätte für Massengrab indigener Kinder / © Susan Montoya Bryan (dpa)
Kanada: Gedenkstätte für Massengrab indigener Kinder / © Susan Montoya Bryan ( dpa )

Jason Louie nimmt kein Blatt vor den Mund. "Lasst es uns als das bezeichnen, was es ist: ein Massenmord an indigenen Menschen," sagte der Häuptling der indigenen Gemeinschaft Lower Kootenay jüngst im kanadischen Nachrichtensender CBC.

Nach den Gräberfunden mit den sterblichen Überresten von rund 1.000 Kindern in der Nähe verschiedener ehemaliger Umerziehungsheime innerhalb weniger Tage, bricht sich in Kanada die Wut über die Behandlung der indigenen Bevölkerung Bahn.

Wut gegen die katholische Kirche in Kanada

Diese richtet sich insbesondere gegen die katholische Kirche in Kanada, die viele der 130 Einrichtungen betrieb, in denen mehr als 100.000 Kinder indigener Mütter - wie es hieß - "an die christliche Zivilisation herangeführt" werden sollten.

Die erhobenen Vorwürfe zeichnen jedoch ein anderes Bild: Neben den seelischen Grausamkeiten und dem oft ausgesprochenen Verbot, die Muttersprache zu sprechen, soll es in einer unbekannten Zahl von Fällen auch zu körperlicher und sexueller Misshandlung gekommen sein.

Woran die etwa 1.000 Kinder starben, deren sterbliche Überreste in den vergangenen Wochen in Gräbern auf Grundstücken ehemaliger kirchlicher Internate entdeckt wurden, muss noch genau untersucht werden. Für den Leiter der Gemeinschaft Lower Kootenay steht jedoch schon fest, dass die damaligen Betreiber der Internate für den Tod der Kinder verantwortlich sind. "Die Nonnen und Pater müssen zur Rechenschaft gezogen werden".

Mehrere Kirchen gingen in Flammen auf

Wie groß der Zorn auf die Kirche ist, zeigt sich auch daran, dass seit den Funden mehrere katholische Kirchen in indigenen Gebieten in Flammen aufgingen - die Feuerwehr geht von Brandstiftung aus. Der Rat des Lower Similkameen Indian Band zeigte sich schockiert über die Zerstörung, äußerte aber auch Verständnis für die heftige Reaktion. Die Nachfahren litten unter einem "generationsübergreifenden Trauma", hieß es in einer Mitteilung.

Der jüngste Fund liegt nur wenige Tage zurück. Mithilfe eines Bodenradars entdeckte eine Gruppe kanadischer Indigener in der Nähe von Cranbrook in British Columbia 182 unmarkierte Gräber mit sterblichen Überresten auf dem Grundstück der Saint Eugene's Mission School. Das Internat stand bis in die frühen 1970er-Jahre unter katholischer Leitung.

In derselben Provinz wurden auf dem Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School zuvor 215 nicht markierte Gräber von mutmaßlich Indigenen entdeckt. Nahe der Marieval Indian School in Saskatchewan waren es 751 Gräber. Beide Internate hatten katholische Betreiber.

Erinnerungen an Erziehungsmethoden

Florence Sparvier von der indigenen Gemeinschaft Cowessess hat ihre persönliche Erinnerung an die Erziehungsmethoden der Oblaten im Marieval-Internat. "Sie ließen uns glauben, dass wir keine Seelen haben", wirft sie den Ordensleuten in einer vor kurzem veröffentlichten Videobotschaft vor. Es ist eines von zahlreichen persönlichen Zeugnissen, die die kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission von 2008 bis 2015 zusammengetragen hat.

Laut Befund der Kommission wuchsen die von ihren Eltern zwangsweise getrennten Kinder in den Internaten unter drakonischen Bedingungen auf. Rund 6.000 Kinder sollen demnach in den Einrichtungen ums Leben gekommen sein, etwa 4.100 weitere "verschwanden". Der Verdacht steht nun im Raum, dass viele der Vermissten in den kürzlich entdeckten Gräbern lagen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

"Wir hatten hier Konzentrationslager", so der Vorsitzende der Federation of Sovereign Indigenous First Nations, Bobby Cameron, in der "Washington Post". Die Funde seien Beweise für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Kanada an der indigenen Bevölkerung begangen habe. "Das einzige Verbrechen, das diese Kinder begangen hatten, bestand darin, als Indigene geboren zu sein." Die Kommission sprach 2015 von einem "kulturellem Völkermord". Dafür hatten sich Parlament und Regierung seinerzeit entschuldigt.

Die katholischen Bischöfe Kanadas warten bislang ab und wollen zunächst die Fakten geklärt wissen. Und sie setzen ihre Hoffnung auf das für Dezember angesetzte Treffen von Papst Franziskus mit einer Delegation kanadischer Indigener. Dadurch soll es zu einer "gemeinsamen Zukunft in Frieden und Harmonie zwischen der indigenen Bevölkerung und der katholischen Kirche in Kanada" kommen. Die Indigenen verlangen vom Papst vor allem eine Entschuldigung.

Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA