Würzburg erhält Reliquie des Aquilin

Ein Heiliger und seine Rippe

Das Würzburger Bistum erhält eine Reliquie des heiligen Aquilin. Doch was sind eigentlich Reliquien? Die Antwort darauf führt zum Tag des Jüngsten Gerichts - und zur Rekonstruktion eines Verbrechens im Mittelalter.

Autor/in:
Bastian Benrath
Offizielle des Erzbistums Mailand an der Mumie des heiligen Aquilin / © Pietro Madaschi (dpa)
Offizielle des Erzbistums Mailand an der Mumie des heiligen Aquilin / © Pietro Madaschi ( dpa )

Es ist eine Rippe. Eine Rippe eines vor 1000 Jahren gestorbenen Mannes, der in Würzburg geboren wurde, in Köln Bischof werden sollte und in Mailand gewaltsam zu Tode kam. Diese Rippe des heiligen Aquilin wird von einer Delegation des Mailänder Erzbistums an diesem Sonntag nach Würzburg gebracht - wo sie künftig von Gläubigen verehrt werden wird. Aber warum? Was hat ein 1000 Jahre alter Knochen dem Betrachter heute noch zu sagen?

Es gibt zwei Antworten auf diese Fragen, eine theologische und eine weltliche. Erstere geht zurück auf das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Darin gibt es eine Stelle, an der von den christlichen Märtyrern die Rede ist: "Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten."

Die Reliquien unter dem Altar

"Die Ortsangabe "unter dem Altar" ist hier sehr wichtig", sagt der Würzburger Dompfarrer Jürgen Vorndran. Denn deshalb liege unter fast jedem Altar einer katholischen Kirche eine Reliquie. Vorndran hat die Reliquienübergabe aus Mailand organisiert und sich deshalb umfassend mit dem Thema beschäftigt.

Das Wort "Reliquie" stammt vom lateinischen Verb "relinquere" ab, was "zurücklassen" bedeutet. In der katholischen Vorstellung enthalten die Gebeine eines Menschen, der so überzeugt von seinem Glauben war, dass er dafür zu sterben bereit war, etwas von seiner Heiligkeit.

Verehrung von Gräbern in allen Weltreligionen

Doch was bringt es, in der Nähe eines solchen - wenn auch heiligen - Knochens zu sein? Vorndrans weltliche Erklärung: "Stellen Sie sich vor, Ihre geliebte Großmutter stirbt. Was tun Sie, um sich an sie zu erinnern?" Zum Beispiel ein Bild von ihr betrachten. Oder: Ihr Grab besuchen. "Wenn Sie sie spüren wollen, gehen Sie da hin."

"Wir Menschen suchen Erinnerungsorte", sagt der Theologe. "Das ist urmenschlich." In allen Weltreligionen gebe es deshalb eine große Verehrung von Gräbern. Da Aquilins Grab aber in Mailand ist, bekommt seine Geburtsstadt Würzburg ein Stück von ihm - eine Rippe.

Von Kamm, Umhang oder dem T-Shirt von Michael Jackson

Auch Dinge, die Heilige berührt haben, oder mit denen sie arbeiteten, werden als Reliquien verehrt - beispielsweise ein Gebetsbuch, ein Umhang oder ein Kamm. Das wiederum ist der säkularen Welt nicht besonders fern: "Denken Sie nur an ein T-Shirt von Michael Jackson", sagt Vorndran. Im Prinzip sei das nichts anderes als eine Reliquie - nur eben von einem Pop-"Heiligen".

Nicht überraschend also, dass mit Reliquien ähnlich viel Schindluder getrieben wird, wie mit T-Shirts von Michael Jackson. "Es gibt Heilige, von denen gibt es 28 Beine", sagt der Kölner Kirchenexperte Manfred Becker-Huberti. Manchmal würden auch Reliquien geschaffen, indem man den Knochen eines Toten neben den eines Heiligen lege und hoffe, dass die Heiligkeit übergehe. "Die Vorstellungen, die sich da entwickelt haben, sind zum Teil abenteuerlich."

"Man hat ihm einen Dolch in die Kehle gestoßen."

Wenn jemand - als Vorstufe zur Heiligsprechung - seliggesprochen wird, werde heutzutage deshalb genau geschaut, welche Knochen es von ihm gebe, erklärt Becker-Huberti. Der Handel mit Reliquien sei verboten, nehme aber gerade in Europa zu, weil viele Klöster aufgegeben würden. Ihre Reliquien fielen manchmal in falsche Hände.

Die Aquilins-Reliquie hingegen hatte das Würzburger Bistum vom Mailänder Erzbistum erbeten. Offizielle des Erzbistums öffneten den Sarg und entnahmen der mumifizierten Leiche Aquilins die Rippe. Vorndran fuhr nach Mailand und konnte sich den einbalsamierten Körper ansehen. Rechts im Hals klafft immer noch ein Loch - Beleg seiner Ermordung. "Man hat ihm einen Dolch in die Kehle gestoßen."

Statue mit Fehler

Vor der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Würzburg, in deren Pfarrei Aquilin wahrscheinlich geboren wurde, steht eine Statue des Heiligen. Dorthin wird auch seine Rippe kommen. Doch die Statue habe einen Fehler, sagt Vorndran: Der Dolch steckt in der linken Seite seines Halses. "Das ist falsch. Wenn ein rechtshändiger Attentäter ihn von hinten erdolcht hat, ist die Wunde natürlich rechts im Hals." Auch das Altarbild der Kirche zeigt denselben Fehler. Die Künstler der Zeit waren anscheinend keine Kriminalisten.


Quelle:
dpa