Woher Vorurteile kommen und was sie so gefährlich macht

"Wir haben diesen ganzen Quatsch im Kopf"

In der Weltwoche der interreligiösen Harmonie stellen wir Initiativen vor, die Vorurteile gegenüber Religionen abbauen wollen. Zunächst stellt sich aber die Frage: Woher kommen Vorurteile überhaupt? Ein Experte gibt Antworten.

Autor/in:
Hannah Krewer
Symbolbild Vorurteile, Ausgrenzung, Ungleichheit, Rassismus / © Vitalii Vodolazskyi (shutterstock)
Symbolbild Vorurteile, Ausgrenzung, Ungleichheit, Rassismus / © Vitalii Vodolazskyi ( shutterstock )

Frauen, die nicht einparken können, Christen, die Wasser predigen und Wein trinken oder Hauptschüler, die dümmer sind als andere Menschen: Vorurteile stecken in jedem von uns, im einen mehr, im anderen weniger. Und oft sind sie nicht nur falsch, sondern auch richtig verletzend.

Wie kommt das Vorurteil in unseren Kopf?

Aber warum stecken sie trotzdem so tief in unseren Köpfen? Darauf hat Jürgen Schlicher eine Antwort, Mitbegründer und Geschäftsführer von "Diversity Works" und seit 15 Jahren im Trainingsbereich zu Diversity Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung tätig: "Wenn wir irgendwie eine Erfahrung gemacht haben und auch schon mal etwas über Situationen gehört haben, speichern wir das ab. Und dann vergleichen wir, ob das, was uns da gerade begegnet, in der Realität irgendwas damit zu tun hat, was wir schon abgespeichert haben. Das ist also erst mal ein ganz wichtiger und hilfreicher Mechanismus, der aber, und das ist das Heikle daran, ganz häufig zu Pauschalisierungen neigt."

Jürgen Schlicher / © Diversity Works
Jürgen Schlicher / © Diversity Works

Das Problem ist also, dass wir den Menschen gegenüber nicht mehr als Individuum wahrnehmen, sondern uns auf unsere Vorerfahrungen beschränken. Und das kann im schlimmsten Fall richtig gefährlich werden, sagt Jürgen Schlicher: "Vorurteile sind nicht nur irgendwas, was so nett in der Gegend rumschwimmt und was wir jetzt bekämpfen, sondern es hat mit unsäglichem Leid zu tun, das Leuten angetan worden ist aufgrund von Vorurteilen."

Vorurteile prägen die Gesellschaft

Von diesen Vorurteilen steckt mehr in unseren Köpfen, als wir vielleicht denken: "Wie stark bestimmte Vorurteile und bestimmte Bilder über Gruppen von Menschen in unserer Gesellschaft vorhanden sind, darüber müssen wir reden", so Schlicher. "Wir müssen darüber reden, dass wir in vielen Dingen sehr, sehr sexistisch nach wie vor sind, dass wir sehr, sehr rassistisch sind, weil wir unsere eigene koloniale Vergangenheit weitaus weniger als unsere nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet haben."

Jürgen Schlicher

"Wir haben diesen ganzen Quatsch im Kopf, die ganze Zeit."

Um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken, bietet Schlicher ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen an. Dabei werden derartige Parolen und Vorurteile erst einmal gesammelt – und Schlicher findet es erschreckend, wieviel dabei zusammenkommt: "Ich hatte einmal ein Seminar, da haben wir wirklich 17 Flipcharts voll geschrieben. Auf jeder standen acht oder neun Parolen", erzählt er. "Also wir haben diesen ganzen Quatsch im Kopf, die ganze Zeit."

Diversity Works

Ob Argumentationstraining gegen Stammtischparolen oder der „Blue Eyed Workshop“, in dem die Teilnehmer die Auswirkungen von Diskriminierungen selber erleben können: In öffentlichen und staatlichen Einrichtungen, Konzernen, Hochschulen und anderen Einrichtungen ist das internationale, multikulturelle und mehrsprachige Team von Diversity Works tätig. Es will Interkulturelle Kompetenzen fördern und setzt sich für Nicht-Diskriminierung ein und dafür, Diversität zum Beispiel am Arbeitsplatz als Chance zu sehen.

Symbolbild Diversität / © Rawpixel.com (shutterstock)

Warum halten Vorurteile sich so hartnäckig?

Dem entgegenzuwirken sei oft gar nicht so einfach, sagt Schlicher. Das merkt er bei dem Argumentationstraining immer wieder, wenn es dann darum geht, diese Parolen auszuprobieren: "Wir setzen drei Leute, die eine Stammtischparole vertreten, mal drei Leuten gegenüber, die dagegen argumentieren", erklärt er. "Und dann stellen wir relativ schnell fest, wie super simpel und einfach es zu sein scheint, auf der Seite derjenigen zu sitzen, die diese Stammtischparolen raushauen. Das ist einigermaßen erschreckend. Das versuchen wir so ein bisschen aufzudröseln: Woran liegt das eigentlich, dass die den - in Anführungsstrichen - systemischen Vorteil haben? Weil sie an Vorurteilen andocken können, weil sie daran andocken können, dass ganz viele den Unfug schon mal gehört haben."

Irgendein Einzelbeispiel, dass das eigene Vorurteil bestätigt, finde man immer, sagt Schlicher. Mit Wissenschaftlichkeit oder Fakten käme man da oft nicht weiter. Deswegen übt er mit seinen Teilnehmern Strategien, wie es trotzdem funktionieren kann, solchen Behauptungen entgegenzutreten.

"Wir üben Strategien, wie man sich angucken kann, an welchen Stellen wir vielleicht mit der anderen Person zusammen eine konstruktive Lösung hinkriegen. Das ist das Eine. Das andere ist, rauszubekommen, welche Ängste eigentlich bei Leuten dahinterstecken, die beschlossen haben, sich in ihren Vorurteilen einzurichten." Das diene letztendlich dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, denn die Frage sei: "Wie kommen wir dahin, dass Leute anfangen können, aus dieser Empathielosigkeit herauszukommen und sich wieder Gedanken darüber zu machen, wie wir als globale Gesellschaft in diesem kleinen globalen Dorf, das wir hier haben, zusammenleben?" Die ganze Gesellschaft müsse sich immer wieder vor Augen halten: "Vorurteile in Gesellschaften sorgen dafür, dass wir Menschen gegeneinander aufhetzen können. Kein Krieg wäre je möglich gewesen, wenn wir nicht angefangen hätten, Menschen zu entmenschlichen, dadurch, dass wir Vorurteile über eine andere Gruppe gesprochen haben."

Quelle:
DR