Wo Schimmel ein Produkt in den Himmel trug

Da sag noch einer, Faulsein könne nichts Gutes sein

Vor 250 Jahren am Johannisberg im Rheingau: Der Kellermeister des Fuldaer Fürstbischofs merkt, dass eine ursprünglich dicke Panne doch noch zu etwas Gutem geführt hat. Zu etwas epochal Gutem sogar. Der Rest ist Weingeschichte.

Ein Sommelier prüft Wein inmitten voller Weinregale (shutterstock)
Ein Sommelier prüft Wein inmitten voller Weinregale / ( shutterstock )

“Mon Dieu, wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte, der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe”, schrieb einst der Dichter Heinrich Heine (1797-1856). Der Johannisberg im hessischen Rheingau: ein sonnenverwöhnter Landstrich, in dem beste Weine entstehen. Die Gründe dafür: ein guter Untergrund, hohe Handwerkskunst - und dass sich der Rhein hier sein Bett besonders günstig hingestellt hat.

Dass an diesem Fleckchen vor genau 250 Jahren, im Spätwinter 1775/76, ein epochal guter Wein im Entstehen begriffen war, das war die Folge einer ziemlich dicken Panne. Im vorigen Herbst hatte man gewartet und gewartet, dass der Fürstbischof von Fulda und Schlossherr von Johannisberg, Heinrich VIII. von Bibra, endlich seine Erlaubnis zur Traubenlese schickt - denn der Bischof musste damals immer erst den Zustand der Trauben durch eine Probelieferung persönlich begutachten. Längst schon hatten die Nachbargüter auf Geheiß der Ortsgemeinden ihre Ernte eingebracht.

Ins Weinfass gefallen?

Doch der berittene Bote des Bischofs mit der Freigabe blieb aus, 14 Tage schon. Eine Version der Geschichte besagt, Ihro Exzellenz sei auf der Jagd, also nicht erreichbar gewesen. Andere lauten, der Kurier sei an ein hübsches Mädchen geraten oder unter die Räuber oder selbst in ein Weinfass gefallen. Wie dem auch sei: Die Mönche auf dem Johannisberg warteten Tag um Tag mit dem Beginn der Lese und mussten quasi zusehen, wie die Trauben an den Weinstöcken einen Schimmelpilz ansetzten und zusammenschrumpften.

Als endlich der Bote das bischöfliche Go mit Brief und Siegel überbrachte, schien alles schon buchstäblich im Eimer. Doch es half kein Murren: Gewissenhaft holten die Mönche die offenbar verdorbenen, schrumpeligen Trauben ein und pressten sie noch aus. Auch der Kellermeister, Johann Michael Engert, versuchte, seinen Job zu machen. Recht frustriert, so lässt sich denken, ging die Mannschaft danach in die Winterpause.

“Außerordentlich der Güte halber”

Am 26. Februar 1776 dann die Überraschung! Zwar sei der neue Wein noch trüb und von “einer gewissen Süßigkeit”, notiert Engert; und doch erhoffe er “etwas außerordentliches der Güte halber”. Und die Sache nimmt ihren Lauf: Mitte April jubiliert der Kellermeister, solche Weine habe er “noch nicht in den Mund gebracht”. Der neue Jahrgang sei so gut, dass frühere Jahrgänge sogar schon deutlich im Preis fielen.

Was war passiert? Die Antwort lautet: die Entdeckung der Edelfäule. Der Schimmelpilz “Botrytis cinerea” bildet sich bei warmem Herbstwetter auf den reifen Beeren der Weintraube. Der Pilz zersetzt nach und nach die Außenhaut der Weinbeeren; die Flüssigkeit im Inneren tritt bei Wärme aus und verdunstet; der Saft wird konzentriert - und durch die chemische Wirkung des Pilzes weiter veredelt. Morgentau und Wärme müssen sich die Waage halten, um die reifen Beeren zwischen feucht und trocken zu halten.

Ein solches Klima gibt es nur in wenigen Weinregionen, etwa beim Sauternes im Südwesten Frankreichs, dem Tokajer in Ungarn oder am Neusiedlersee im Burgenland. Und eben im Rheingau: Zwischen Rüdesheim und Eltville, am nördlichen Rheinufer, stehen die Reben in idealer Südlage.

Der Mut zahlt sich aus

Auf dem Johannisberg wurde bald die späte Lese zur Pflicht, von anderen nachgeahmt - wobei sich nun der unternehmerische Mut der Macher durch den Zufall der Entdeckung von 1776 auszahlte: Denn wenige Jahre zuvor hatte man den Fuldaer Fürstbischof bewegt, den Quarzitboden des Johannisbergs mit Hunderttausenden neuen Reben zu bepflanzen; und man wählte - damals eine außergewöhnliche Entscheidung - die widerstandsfähige, weil tief im hartem Taunus-Quarzit wurzelnde Rebsorte Riesling aus.

Vom Rheingau aus setzte der Riesling - mit seiner filigranen Mineralität und vor allem in seiner eleganten Spätlese-Variante - zu seinem Siegeszug an. Wer auf eine späte Lese setzt, der muss gleichwohl ein bisschen Poker-Instinkt haben. Denn er verliert zunächst bei der Menge an Rebensaft und setzt zugleich auf mehr Qualität für das Endprodukt - und also einen höheren Preis.

Auch der Eiswein stammt aus dem Rheingau

Zum Maskottchen der fast märchenhaften Geschichte vom Johannisberg wurde der “Spätlesereiter”, wie man den unpünktlichen Dienstleister bald nannte. Er wurde nicht nur im Schloss, sondern auch am Ortseingang und am Ende sogar in Fulda als Denkmal verewigt. Als “Spätlesereiter Karl” gibt es ihn inzwischen auch als Comic.

Übrigens: Auch der Eiswein stammt aus dem Rheingau. 1829, gut 50 Jahre nach dem “Spätlesereiter”, wurden die ursprünglich für schlecht gehaltenen Trauben des Jahrgangs gar nicht erst geerntet und blieben draußen hängen. Als man sie nach dem Frost dann doch pflückte, um sie dem Vieh zu verfüttern, erwiesen sie sich als sehr schön. Wieder so ein süßer Irrtum ...

Messwein

Als Messwein wird der aus Trauben gewonnene Wein bezeichnet, der in der katholischen Eucharistiefeier, beim Abendmahl der Protestanten oder in der Heiligen Liturgie der Ostkirchen Verwendung findet. Ausgehend vom letzten Abendmahl Jesu werden nach katholischer und orthodoxer Lehre in der Liturgie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt. Die katholische Kirche stellt seit Jahrhunderten strenge Anforderungen an die Qualität dieses Weines. Im Kirchenrecht heißt es: "Der Wein muss naturrein und aus Weintrauben gewonnen sein und darf nicht verdorben sein." (Canon 924).

Eine Flasche Messwein bei der Messvorbereitung / © Martin Jehnichen (KNA)
Eine Flasche Messwein bei der Messvorbereitung / © Martin Jehnichen ( KNA )
Quelle:
KNA