Wie Ratzinger Kardinal Frings päpstliche Lorbeeren eintrug

Schlüsselerlebnis im Audienzzimmer

Als "elder statesman" beim Zweiten Vatikanischen Konzil gelangte der Kölner Kardinal Frings zu weltkirchlicher Bedeutung. Schon bei den ersten Vorbereitungskommissionen versuchte er eine einheitliche Linie des Konzils mitzugestalten. Zu seinen persönlichen Konzilsberatern gehörte damals ein junger Bonner Fundamentaltheologen namens Joseph Ratzinger. Über den Beginn guter Beziehungen.

 (DR)

"Hängen Sie mir noch mal das rote Mäntelchen um; vielleicht ist es das letzte Mal" Da wurde der Kölner Kardinal schon ein wenig nervös. Mitten in der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der Sitzungswoche der theologischen Zentralkommission, wurde Josef Frings am Morgen des 23. Februar 1962 zu Papst Johannes XXIII. einbestellt. In seinen Erinnerungen berichtete er später: "Ich wusste nicht weshalb. Ich sagte scherzhaft zu meinem Sekretär Luthe: "Hängen Sie mir noch mal das rote Mäntelchen um; wer weiß, vielleicht ist es das letzte Mal."" Als aber Frings das Audienzzimmer des Papstes betrat, stürmte dieser auf ihn zu, umarmte ihn und sagte: "Ich habe diese Nacht Ihren Vortrag von Genua gelesen und wollte Ihnen meinen Dank sagen für diese schönen Ausführungen." Sekretär Hubert Luthe, später Bischof von Essen, berichtete, wörtlich habe der Papst zu Frings gesagt: "Welche schöne Überstimmung unserer Gedanken!" Den volksnahen Kölner Erzbischof Frings zeichnete Zeit seines 27-jährigen Amtes (1942-1969) unter anderem dreierlei aus: dass er sich mit guten Beratern umgab; dass er ihrem Rat häufig folgte - und dass er sich deren Ergebnisse nicht selbst ans Revers heftete. Gelobter Vortrag aus der Feder Ratzingers So räumte er auch gegenüber dem Papst freimütig ein, dass der so gelobte Vortrag keineswegs aus seiner eigenen Feder stamme, sondern aus der eines jungen Fundamentaltheologen in Bonn, Joseph Ratzinger. Johannes XXIII., so Luthe, habe lakonisch geantwortet, auch er müsse sich Texte von anderen verfassen lassen. Es komme darauf an, gute Mitarbeiter zu finden und ihre Vorarbeiten unterschreiben zu können. Dieses Schlüsselerlebnis, das vor 50 Jahren im päpstlichen Audienzzimmer stattfand, war der Beginn guter Beziehungen: Johannes XXIII. hatte im späteren Konzilspräsidenten Frings einen Verbündeten und Verwandten im Geiste erkannt: konservativ und fromm in seiner theologischen Grundhaltung, aber aus Einsicht in die Realitäten trotz seines hohen Alters bereit für die gewaltigen Reformaufgaben, die er sich für das Konzil vorgenommen hatte. Und für Frings wird das päpstliche Lob Ermutigung genug gewesen sein, den erst 34-jährigen Ratzinger kurz darauf zu seinem ständigen Konzilsberater zu machen. Deutsches Duo trifft sich zunächst im Kölner Gürzenich Das deutsche Duo, das beim Zweiten Vatikanum gemeinsam Theologiegeschichte schreiben sollte, war bei einer Aufführung von Händels "Messias" im Kölner Gürzenich zusammengetroffen. Kurz zuvor hatte ein Jesuitenpater aus Genua, Angelo d"Arpa, für einen Vortragszyklus im Vorfeld des Konzils mehrere Kardinäle als Referenten angefragt. Frings sollte den Part übernehmen, über den zeitgenössischen Kontext des Konzils im Unterschied zum Ersten Vatikanum (1870/71) zu sprechen. "Das Thema reizte mich, und ich sagte zu", erinnerte sich Frings 1973: "Aber ich sah, das ich allein nicht in der Lage sein würde, dieses Thema grundlegend zu besprechen." Er holte sich Hilfe bei Ratzinger; und der lieferte ihm bald einen Entwurf, den Frings "so gut fand, dass ich nur an einer Stelle eine Retuschierung vornahm". Die Vorlesung im Teatro Duse in Genua am 20. November 1961 machte "erheblichen Eindruck", so Frings. "Als ich ihn [dem Münchner] Kardinal Döpfner zeigte, sagte er: "Tja, ein historisches Dokument"; er wollte damit sagen: Das sind schöne Zukunftsträume ...". Er, Frings, glaube dagegen, "dass sehr Vieles von dem, was hier niedergelegt war, im Konzil verwirklicht worden ist". Der Stern Joseph Ratzingers leuchtete beim Zweiten Vatikanum hell auf. Man wird vielleicht sagen können: Sein Entwurf für den Vortrag von Genua brachte ihn zum Konzil und so am Ende bis auf den Stuhl Petri. Hinweis: Die maßgebliche Biografie von Frings, der in diesem Monat 125 Jahre alt geworden wäre, hat der Kölner Domkapitular Norbert Trippen in zwei Bänden vorgelegt: Josef Kardinal Frings (1887-1978), Band 2: Sein Wirken für die Weltkirche und seine letzten Bischofsjahre (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B, Bd. 104), Schöningh Verlag, Paderborn 2005. Zur Person: Kardinal Josef Frings Der Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1978) gehört zu den prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegskirche. Als volksnaher Fürsprecher der Not leidenden Bevölkerung, Flüchtlinge und Kriegsgefangenen gegenüber den Besatzungsbehörden hatte er eine außergewöhnliche Rolle in der Zeit des Wiederaufbaus. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gestaltete er wichtige Vorgänge entscheidend mit. Geboren am 6. Februar 1887 als Sohn einer wohlhabenden Neusser Fabrikantenfamilie, erhielt Frings bereits 1910 mit Sondergenehmigung die Priesterweihe. Nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Religionslehrer und Pfarrseelsorger, in der er auch den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer betreute, wurde der sozial engagierte Geistliche 1937 zum Rektor des Priesterseminars ernannt. Dieses leitete er unter den Repressalien der Nationalsozialisten bis zu seiner Ernennung zum Kölner Erzbischof 1942. Nach dem Krieg machte ihn Papst Pius XII. zu seinem Beauftragten für Flüchtlingsfragen und 1946 zum Kardinal. Von 1945 bis 1965 war Frings Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz. Er begründete die Partnerschaft der Diözesen Tokio und Köln sowie die katholischen Hilfswerke "Misereor" (1959) und "Adveniat" (1961). Beim Zweiten Vatikanum zog er unter anderen den jungen Theologen Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, zu Rate. 1969 nahm Paul VI. den altersbedingten Rücktritt des beliebten Kölner Erzbischofs an. Zuletzt völlig erblindet, starb Frings am 17. Dezember 1978 mit 91 Jahren in Köln.

Autor/in:
Alexander Brüggemann