Kirchenhistoriker erforscht erstmals systematisch Papstmedaillen

Wie der Vatikan mit Münzen Propaganda macht

Vor knapp 600 Jahren gab Nikolaus V. als erster Papst eine Medaille aus, seit 400 Jahren tun die Kirchenoberhäupter dies regelmäßig. Ein Experte deckt auf, worüber die Medaillen schweigen und wie Papst Franziskus sie revolutioniert hat.

Symbolbild Sammlermünzen (shutterstock)

KNA: Bis heute wurden die Gedenkmünzen in Gold, Silber und Bronze noch nie systematisch erschlossen. Sie haben daher zusammen mit Kay Ehling von der Staatlichen Münzsammlung München das Buch "Glänzende Propaganda" herausgebracht. Papstmedaillen sind zwar nicht zum Bezahlen da. Trotzdem: Welche Summe könnte man mit der wertvollsten begleichen?

Jörg Ernesti (Augsburger Kirchenhistoriker): Sicherlich eine vierstellige. Aber der kirchenhistorische Wert der Medaillen ist viel höher.

KNA: Warum?

Ernesti: Weil wir auf ihnen regelmäßig Großes im Kleinen betrachten können, nämlich das jeweils wichtigste Ereignis eines "katholischen" Jahres oder gleich das ganze Programm eines Pontifikats auf engstem Raum von gerade mal gut vier Zentimetern Durchmesser. Wohlgemerkt handelt es sich stets um eine Abbildung aus Sicht des Papstes. Diese Best-of-Events sind immer auf der Rückseite abgebildet, auf der Vorderseite sieht man den aktuellen Pontifex selbst.

KNA: Ihr Buch heißt "Glänzende Propaganda". Ist das Medium Papstmedaille also ein fragwürdiges?

Ernesti: Ein Kollege hat mich für den Titel schon scherzhaft getadelt, da der Begriff Propaganda negativ klinge. Das muss er aus vatikanischer Perspektive aber nicht. Eine der ältesten Kurienbehörden heißt schließlich Congregatio de Propaganda Fide, also Kongregation für die Ausbreitung des Glaubens. In dem Sinne machen Päpste seit jeher Propaganda, und zwar eine aus Christensicht begrüßenswerte. Der Buchname spielt aber freilich darauf an, dass die Päpste auf ihre Medaillen nur für sie Positives haben prägen lassen.

KNA: Wie muss man sich den Entstehungsprozess vorstellen?

Ernesti: Wir wissen von vielen Päpsten, dass sie die Themen vorgegeben und auf die Auswahl der Künstler Einfluss genommen haben, dass sie sich die Entwürfe haben zeigen lassen. Paul VI. etwa, der von 1963 bis 1978 amtierte, hatte einen starken Bezug zur zeitgenössischen Kunst und in diesem Metier Freunde, die er dann verpflichtet hat, Medaillen als Ausdrucksmittel seiner Bejahung der modernen Formensprache zu schaffen.

KNA: Welche Themen zeigen die Medaillen?

Ernesti: Die Bandbreite reicht von der Verlegung neuer Wasserleitungen bis zur Mahnung zum Weltfrieden. Bis zum Verlust des alten Kirchenstaats 1870 spiegelten die Gedenkmünzen neben dem päpstlichen Mäzenatentum besonders die Tatsache, dass der Papst nicht nur Kirchenoberhaupt, sondern auch Landesherr eines Staats in Mittelitalien war. So erinnert eine Medaille Pius' IV. an den Neubau der Porta Pia, eines Stadttors in der Aurelianischen Mauer (1561).

Pius V. ist mit einer siegreichen Seeschlacht der Heiligen Liga gegen eine Türkenflotte zu sehen (1571). Und Pius VI. wird für die Sanierung eines Teilstücks der antiken Via Appia gerühmt (1788).

KNA: Und nach 1870?

Ernesti: Rückten vier andere Felder in den Fokus. Erstens der Ausbau der päpstlichen Lehrgewalt. Unter Pius IX. hält eine Medaille zum Beispiel die Verkündung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis fest (1854). Zweitens der Wandel der Papstrolle weg vom Staatsmann hin zum neutralen Friedensvermittler, etwa in der Karolinenfrage, bei der sich Deutschland und Spanien um Südseeinseln stritten und Leo XIII. als Mediator auftrat (1887). Drittens die Förderung von Kunst und Wissenschaft, etwa bei der Prägung Pius' XI. zum Neubau der Vatikanischen Pinakothek (1932). Viertens pastorale Motive wie das erste Weltgebetstreffen von Assisi unter Johannes Paul II. (1987).

KNA: Wurden auch Themen ausgespart?

Ernesti: Ja. Man erfährt nichts davon, dass der Vatikan in der Geschichte mehrfach am Rande des Staatsbankrotts stand.

KNA: An wen richten sich die Medaillen?

Ernesti: Sie wurden und werden bis heute unter Herrschern und Staatsoberhäuptern ausgetauscht. Sie sind also ein Medium für Entscheider, die einander damit das eigene Wirken präsentieren. Daneben sind sie seit jeher bei Sammlern sehr beliebt.

KNA: Haben die Papstmedaillen auch mal eine Wirkung gezeitigt?

Ernesti: Mir ist nicht bekannt, dass sich ein Beschenkter etwa bekehrt hätte. Aber die Medaillen haben nach 1870 in bescheidenem Maße dazu beigetragen, den päpstlichen Anspruch auf staatliche Souveränität aufrechtzuerhalten. 1929 wurde der Kirchenstaat tatsächlich neu gegründet.

KNA: Springen wir in die Gegenwart. Franziskus gilt als Erneuerer - auch bei seinen Medaillen?

Ernesti: Er hat 2014 das erste Mal eine Medaille prägen lassen, auf deren Vorderseite nicht allein der Papst zu sehen war, sondern dazu ein farbiges Kind. Ein Hinweis auf die wachsende Rolle Afrikas in der Kirche und die Bedeutung des Kindes in der christlichen Familie.

Womöglich wollte Franziskus zudem ein Zeichen gegen papstbezogenen Personenkult setzen. Dafür spricht, dass seit 2015 gar kein Papst mehr zu sehen ist.

Das Interview führte Christopher Beschnitt.


Jörg Ernesti / © Christopher Beschnitt (KNA)
Jörg Ernesti / © Christopher Beschnitt ( KNA )
Quelle:
KNA