UNICEF fordert Stopp von Angriffen auf Wasser- und Sanitäranlagen

"Widerspricht dem Völker- und Menschenrecht"

Wenn Wasser zur Waffe wird, hat das gravierende Folgen für die Zivilbevölkerung, insbesondere Kinder. Der UNICEF-Report „Wasser unter Beschuss“ nennt mögliche Maßnahmen und nimmt auch die Regierungen in die Pflicht.

Ein Mädchen transportiert Wasserkanister auf einer Schubkarre. / © Riccardo Mayer (shutterstock)
Ein Mädchen transportiert Wasserkanister auf einer Schubkarre. / © Riccardo Mayer ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Angriffe auf Wasser- und Sanitäranlagen, darunter können sich viele gar nichts vorstellen. Was heißt das genau?

Rudi Tarneden (Pressesprecher UNICEF Deutschland): In praktisch allen Krisenländern, in denen UNICEF Kindern und Jugendlichen und ihren Familien hilft, sind Angriffe auf die Infrastruktur – zum Beispiel auf Wasserleitungen oder das Abdrehen von Wasserpumpen, teilweise sogar Wasser vergiften oder sogar gezielte Angriffe auf Mitarbeiter, Techniker; die Anlagen reparieren - leider eine traurige Realität.

Das sind ganz furchtbare Entwicklungen, die wir seit vielen Jahren beobachten. Die sind absolut verwerflich. Sie widersprechen dem Völkerrecht und dem Menschenrecht. Denn Menschen brauchen sauberes Wasser, insbesondere die Kinder.

DOMRADIO.DE: Was sind die Folgen?

Tarneden: Die Auswirkungen, besonders auf Kinder in Krisengebieten, sind gravierend, sind insbesondere, dass Krankheiten sich ausbreiten. Beispielsweise herrscht im Jemen seit vielen Jahren eine schlimme Cholera-Pandemie. Aber auch andere Durchfallerkrankungen breiten sich aus. Die Kinder werden dadurch, weil sie häufig Durchfall haben, schlecht ernährt. Sie können die Nahrung nicht bei sich behalten und der Hunger wächst.

DOMRADIO.DE: Am vergangenen Dienstag hat das UN-Kinderhilfswerk seinen neuen Report "Wasser unter Beschuss" veröffentlicht. Was ist durch diesen Report deutlich geworden?

Tarneden: Der Bericht nennt eine ganze Reihe von ziemlich klaren Beispielen. Zum Beispiel aus der Ostukraine, die uns in diesen Tagen sehr beschäftigt. Dort herrscht seit Jahren ein Bürgerkrieg oder ein kriegsähnlicher Zustand, jedenfalls kein Friede. Seit 2017 wurden dort über 380 Angriffe auf eine Infrastruktur verzeichnet, die ohnehin schon schwach und unzureichend war. Mit der Folge, dass immer wieder Wasser unterbrochen wurde, dass die Wasserversorgung sehr, sehr schlecht ist. Schon heute ist es so, dass viel Trinkwasser versickert, weil die Rohre sehr alt und kaputt sind.

Es kam auch immer wieder dazu, dass zum Beispiel Chlor, das an Wasserwerken zur Wasseraufbereitung benutzt wird, getroffen wurde, womit eine erhebliche Explosions- und Vergiftungsgefahr verbunden ist. Das ist wirklich eine gravierende Entwicklung. In dem betroffenen Gebiet sind dadurch etwa 3,2 Millionen Menschen gefährdet, nicht direkt durch Bomben und Raketen, aber weil ihnen die Lebensgrundlagen entzogen werden.

DOMRADIO.DE: Der Leiter der weltweiten UNICEF-Nothilfe, Manuel Fontaine, hat es klar ausgedrückt: "Der Zugang zu Wasser ist überlebenswichtig und darf auch niemals als Kriegswaffe eingesetzt werden." Wo passiert das denn und in welchem Rahmen?

Tarneden: Das passiert eigentlich immer wieder. Ich habe ein Beispiel, das auch der Bericht nennt. In Syrien, auf dem Höhepunkt der Kämpfe, kam es im Vorfeld bei Damaskus in 2016/2017 zu erheblichen Konflikten und Auseinandersetzungen. Dort liegt auch ein Wasserreservoir, das ganz wichtig für die Versorgung der Millionenstadt ist. Das wurde dann bombardiert mit der Folge, dass als Gegenreaktion Benzin ins Wasser gekippt wurde und dass kurzfristig Millionen Menschen kein sauberes Wasser mehr hatten.

DOMRADIO.DE: Was macht UNICEF, um aktiv dieses Problem langfristig zu lösen?

Tarneden: UNICEF hat seit 2019 eine internationale Kampagne zusammen mit vielen Partnern gestartet, um eben diesen Missstand, dass in Konfliktgebieten die Wasserinfrastruktur so wichtig ist, anzugehen. Wir machen darauf aufmerksam, aber wir versuchen auch Unterstützung zu finden zum Beispiel bei Regierungen. Dass, etwa wenn Nothilfesituationen eintreten oder Konflikte, dass dann gezielt im Rahmen der Nothilfe die Wasserinfrastruktur als Erstes gestärkt wird, weil die Folgen eben so gravierend sind. Und das Dritte ist, dass man auch Präventionsmaßnahmen trifft und versucht, diese Infrastruktur besser zu schützen.

DOMRADIO.DE: Sie fordern, dass solche Angriffe auf Wasser und Sanitäranlagen gestoppt werden. Was sind aus Ihrer Sicht die ersten wichtigen Schritte vonseiten der Politik, die Sie für ganz dringend nötig halten, um das umzusetzen?

Tarneden: Ich denke, ganz wichtig ist, dass dieses Thema auf die internationale Agenda kommt, wie alle anderen Menschenrechtsverletzungen, die leider in Konfliktgebieten passieren. Wir dürfen das einfach nicht als eine Normalität hinnehmen, dass es im Krieg furchtbar zugeht. Sondern wir müssen uns dagegen wehren und zum Beispiel Verantwortliche benennen. Und dann, wenn sie identifiziert werden können, auch öffentlich ächten. Das ist ganz wichtig. Das ist auch ein Thema des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

Das Zweite ist, dass die Regierungen Mittel bereitstellen. Die deutsche Bundesregierung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Partner für UNICEF. Zum Beispiel engagiert sich Deutschland in der Ukraine, aber auch in anderen Ländern im Rahmen der humanitären Hilfe sehr, um die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser und das Aufrechterhalten der Wasserinfrastruktur sicherzustellen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Rudi Tarneden / © UNI282009/Chiolo (Unicef)
Rudi Tarneden / © UNI282009/Chiolo ( Unicef )
Quelle:
DR