Nahezu jeder muss ab dem 18. Lebensjahr am letzten Samstag im Monat für die Gemeinde arbeiten, zum Beispiel Straßen kehren oder Wege bepflanzen. Der Staat spart sich so Einnahmen für die Daseinsvorsorge und nutzt das gemeinsame Arbeiten für patriotische Einschwörformeln – Arbeiten für den Aufschwung des als Musterstaat Afrikas geltenden Landes.
Ein ganz normaler Umuganda-Tag
Es ist sieben Uhr morgens im Gasabo District, einem der drei Bezirke von Ruandas Hauptstadt Kigali. Etwa 50 Männer und Frauen haben sich an einem leeren Straßenrand versammelt. Hier soll heute das Haus einer Überlebenden des Völkermords aufgepäppelt werden. Das ist auch nötig. Denn die Wand der einfachen Lehmhütte an der Straße, die aus der Stadt herausführt, scheint schon dem Boden entgegen hinab zu sinken.
Umuganda, Arbeit an der Gemeinde, das findet an diesem Tag im ganzen Land statt. Das Wort Umuganda lässt sich aus der Landessprache Kinyarwanda als Einigkeit oder Gemeinsinn übersetzen. Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr müssen alle Ruandaer, Männer, Frauen und Jugendliche sich beteiligen. Viertel werden von Müll befreit, Wege gebaut, Häuser renoviert. Während dieser Zeit dürfen keine Autos fahren und die Geschäfte sind geschlossen. Polizeikontrollen säumen an einem solchen Tag die Straßen. Fahren darf nur, wer eine Sondergenehmigung hat.
Zuständig für den Umuganda-Tag ist das Governance Board der Regierung. Die Arbeit organisieren die Menschen in den Vierteln aber selbst. Einer aus der Gemeinde überwacht die Arbeit, der sogenannte Umudugudu. Das ist hier Albert Nzamukwereka. Er erklärt, was für den heutigen Tag geplant ist: "20 Jahre nach dem Völkermord gibt es immer noch Überlebende, die keine ausreichenden Wohnmöglichkeiten haben. Heute sind wir bei der ärmsten Frau hier im Viertel. Sie ist eine Witwe. Gerade in der Regenzeit haben sie und ihre Kinder es schwer. Für die Arbeit heute haben wir junge Menschen mobilisiert."
Die jungen Leute sind motiviert. Sie graben Erde um, mischen sie mit Wasser und formen daraus neue Ziegel für die Lehmhütte. Außerdem soll eine neue Toilette gebaut und ein Zaun im Garten neben der Hütte gebaut werden. Bei der Arbeit feuern sich die Menschen mit Liedern an.
Schwänzen geht nicht
Viele von ihnen sind Studenten wie Erneste Tsansamare. Der 23-Jährige kniet am Boden und schneidet Pflanzen aus der Erde. "Ich schneide diese Pflanzen, um sie mit der Erde und Wasser zu vermischen, um daraus Steine zu bauen." Erneste studiert Projektmanagement in Kigali. Er hat in fünf Jahren noch nie daran gedacht, einen Arbeitseinsatz am Samstagmorgen zu schwänzen. Er nutzt ihn auch, um etwas zu lernen: "Ich mag Umuganda sehr. Es ist Teil unserer Harmonie in Ruanda. Wir tun es, um unser Land voran zu bringen. Ich mag es auch, weil es eine Gelegenheit ist, Leute zu treffen, sich auszutauschen und sich auch gegenseitig etwas beizubringen. Wie zum Beispiel Ziegel herzustellen, Straßen zu bauen und so etwas."
Schon nach einer Stunde sind etwa zwanzig Ziegel fertig. Auch der Zaun nimmt Gestalt an. Trotzdem wird die Truppe mit den vorgenommen Arbeiten am heutigen Tage nicht fertig, schätzt der verantwortliche Umudugugu Albert. Weitergearbeitet werden muss am nächsten letzten Samstag im Monat.
Durch Kolonialzeit, Völkermord und Aufschwung
Etabliert wurde der Tag der verpflichtenden Arbeit in Ruanda noch vor der Kolonialzeit. Ein düsteres Kapitel erlebte er während des Völkermordes 1994. So wurde das Töten von Tutsi im als "Hate Radio" bekannten Propagandasender RTLM auch als Dienst an der Gemeinschaft bezeichnet. Heute wird das Mithelfen als Zusammenarbeit am Aufschwung und der Entwicklung des Landes propagiert. Mit Wettbewerben und Preisen für die erfolgreichste Gemeindearbeit soll die Motivation aufrecht erhalten werden.
Im Kawesa-Viertel, ebenfalls im Gasabo District gelegen, kommt die Arbeit langsam zum Erliegen. Die Bewohner des Viertels haben den ganzen Vormittag damit verbracht, einen Abhang von Pflanzen zu befreien. Geoffrey Ndashimye ist der Umudugudu hier. "Wir bauen eine größere Straße, um besser verbunden zu sein. Das ist ein Schlüssel zur Entwicklung unseres Viertel", erklärt er.
Während manche Männer noch mit ihren Harken Pflanzen abschneiden, haben die meisten sich schon an den Seiten niedergelassen. Frauen, Männer und Kinder suchen Schutz vor der prallen Sonne am Rand des neuen Weges. Hier wirken die Menschen nicht so motiviert wie die Studenten.
Ein Viertel hilft sich selbst
Teilnehmen muss jeder ab 18 Jahren, der als arbeitsfähig gilt. Wer fehlt, muss eine Strafe zahlen. 5000 Ruandafranc, umgerechnet etwa fünf Euro, die für viele schon eine Menge Geld sind. Wer wiederholt nicht teilnimmt, kann sogar im Gefängnis landen. Zwischen 70 und 90 Prozent aller Verpflichteten nehmen im Schnitt am Umuganda teil.
Das Kontrollsystem ist mal strenger, mal lockerer geregelt. In manchen Vierteln muss jeder bei Betreten der auserkorenen Arbeitsstelle einen Teilnahmezettel abgeben, der erst zum Schluss wieder ausgeteilt wird. In anderen Viertel, wie in Geoffrey Ndashimyes Einheit geht es weniger streng zu. Hier spielen die Umudugudus wie er eine zentrale Rolle. Sie sind es, die ihren Leuten einen Besuch abstatten, wenn sie nicht zur Arbeit erschienen sind. Ihnen sagen auch die Familien Bescheid, wenn ein Mitglied krank oder verreist ist. Die Umudugudus kennen ihre eingeteilten Mitarbeiter meist sehr genau. Auch wird mal ein Auge zugedrückt. So drücken sich manche Studenten aus der Mittelschicht, die in Kigali ein modernes Leben führen vor der Arbeit. Dann reicht es oft, wenn die Mutter oder der Vater mitarbeitet.
Die Umudugudus tun sich mit Respektpersonen der Viertel zusammen. Geoffrey deutet auf einen älteren Mann, der eine Machete über der Schulter trägt, neben sich.
"Er zum Beispiel ist einer unserer Dorfältesten. Sie sind Ratgeber bei den Diskussionen, was gut für das Viertel ist. Die Älteren beraten auch die Umudugudus."
In Geoffreys Bezirk ist die Arbeit inzwischen beendet. Etwa 70 Leute ziehen vom bearbeiteten Abhang zu einer benachbarten Wiese im Schatten. Auf diesen Treffen wird besprochen, wie die Arbeit gelaufen ist. Was nicht geschafft wurde und aufs nächste Mal vertagt werden muss. Und welchen weiteren Projekten sich die Nachbarschaft annehmen will. Der Staat ist hier nicht vertreten. Die Bewohner entscheiden selbst in Diskussion, was für den nächsten Monat geplant wird. Auch die Treffen sind verpflichtend.
Sparen für den Staat
Etwa 18 Milliarden Ruandafranc, also umgerechnet etwa achtzehn Millionen Euro erwirtschaften die Ruander jedes Jahr mit der gemeinnützigen Arbeit. Peter Banigye vom Governance Board erklärt: "Die Regierung kann nicht alle Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Die Leute entlasten also das Staatsbudget, sie leisten einen Beitrag zur Entwicklung. Eine weitere Auswirkung ist sozioökonomischer Respekt. Leute entwickeln sich selbst. Wenn sie zum Beispiel hier selbst eine Straße bauen, haben sie Zugang zur Hauptstaße."
Die Regierung bewirbt den Tag mit Appellen an den Patriotismus. Auch im Kleinen könne jeder am rasanten Wirtschaftsaufwung mithelfen. Kritik ist in dem Land, das laut "Reporter ohne Grenzen" zu einem der Länder mit der geringsten Pressefreiheit gehört, nur schwer möglich. So nutzt auch der Präsident den Tag für die eigene PR. Prestigeträchtige Fotos vom Staatsoberhaupt, das mit den einfachen Leuten mit anpackt gibt es zu nahezu jedem Umuganda. Pikant: Im Internet tauchten Fotos von der Stelle im Regeriungsviertel in Kigali auf, an der der Präsident im März in Stoffhose und und Arbeitsweste noch medienwirksam sich hatte mit Harke ablichten lassen. Drei Monate später hatte sich dort nichts verändert.
Der Mann an der Basis, Geoffrey Ndshaymine, beschwört dennoch die Wirksamkeit des Umugandas. "Der Staat überwacht zwar, aber die Menschen schaffen selbst etwas. An einem solchen Tag sehen wir das Ergebnis. Dass wir nicht darauf warten, dass der Staat kommt und hilft. Die Bürger sagen selbst: Wir wollen das schaffen."
Reporterin: Anna Kusserow