Wenn Kinder auf der Flucht sind

Anna und Kevin allein unterwegs

Weltweit steigen die Zahlen der Flüchtlinge - und damit auch der Kinder und Jugendlichen, die allein unterwegs sind. Sie fliehen vor Krieg, Terror und häuslicher Gewalt. In diesem Jahr sind es schon 4.398. Zwei Beispiele.

Autor/in:
Peter Klein
Anna hat eine Freundin gefunden (KNA)
Anna hat eine Freundin gefunden / ( KNA )

Versunken schaut Anna (alle Namen geändert) auf das kleine silberne Kreuz. Eine Halskette ist das einzige, was sie von daheim mitnehmen konnte. Sie ist katholisch und ging zu Hause oft in die Kirche. Anna kommt aus Tirana in Albanien, ging dort auf eine höhere Schule. Kurz vor ihrem 17 Geburtstag wollte ihr Vater sie verheiraten, so wie es schon mit ihrer älteren Schwester geschehen war. "Ich kannte den Jungen gar nicht, aber das ist bei uns so Tradition", erzählt sie. Ihre Mutter half ihr, zu fliehen. Mit einem Visum für drei Monate stieg sie in einen Bus nach Frankfurt. Hier meldete sie sich bei der Polizei.

Zuständig sind für unbegleitete Minderjährige immer die Jugendämter. Da in Frankfurt und Gießen besonders viele jugendliche Flüchtlinge ankommen, die allein unterwegs sind, gibt es hier bei den Jugendämtern sogenannte Clearingstellen, die die Jugendlichen an passende Jugendhilfeeinrichtungen weiter vermitteln. Da sie noch nicht volljährig ist, bekommt Anna einen Vormund vom Jugendamt und wird einem Heim rund 100 Kilometer nördlich von Frankfurt zugewiesen.

Auf einem Schlauchboot über das Mittelmeer

Ungleich weiter ist die Reise, die Kevin hinter sich hat. Er kennt das unsichere Gefühl, auf einem Schlauchboot über das Mittelmeer zu flüchten. "Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass die Luft raus geht", berichtet er. Kevin kommt aus Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Seit über 20 Jahren herrscht dort Bürgerkrieg. Die radikal islamistischen Al-Shabaab-Milizen beherrschen weite Teile des Landes. Als Kevin 15 war, klopften die Milizen bei seinen Eltern an die Tür. Sie wollten den Sohn. Er sei alt genug, um zu kämpfen und solle sich ihnen anschließen. Andernfalls müssten die Eltern Al Shabaab Geld geben.

Kevins Vater wusste jedoch, dass es bei einer einmaligen Geldzahlung nicht bleiben würde. Die Milizen würden wiederkommen. So schickte er seinen Sohn schweren Herzens weg. Über Kenia, den Sudan und durch die Sahara nach Libyen. Bis zum Sudan begleitete ihn ein Freund des Vaters, dann musste er selber sehen, wie er weiter kam. Schließlich landet er bei der hessischen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Gießen. Da er erst 15 ist, ist auch hier das Jugendamt zuständig. So kommt auch Kevin in die Jugendhilfeeinrichtung nördlich von Frankfurt; seine Wege und die von Anna kreuzen sich.

Die Jüngsten sind 13

Weltweit steigen die Zahlen der Flüchtlinge - und damit auch der Kinder und Jugendlichen, die allein unterwegs sind. Sie fliehen vor Krieg, Terror und häuslicher Gewalt. Kamen 2008 noch 763 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland, waren es 2014 bereits 4.398, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Der größte Teil sei 16 bis 17 Jahre alt, die jüngsten aber gerade einmal 13, berichtet Manuelle Skotnik, Pressesprecherin des Sozialdezernats in Frankfurt.

In Tirana war Anna viel mit Freundinnen unterwegs, beschäftigte sich am Computer, malte und spielte Volleyball. Hier macht sie viele Fotos mit dem Handy und geht gerne spazieren. Da es in ihrer Wohngruppe nur einen Computer gibt und sich meist die Jüngeren daran drängeln, lässt sie denen den Vortritt. Anna ist froh, zwei Freundinnen gefunden zu haben. "Tirana, das ist meine Heimat, aber wenn mein Vater mich findet, bringt er mich um", sagt der Teenager.

Dauerhafte Duldung möglich

Kevin hört Hip-Hop und kocht gerne. Über sein Heimatland möchte er nicht reden, auch wenn er manchmal seine Familie vermisst. Kevin und Anna haben beide einen Asylantrag gestellt und eine "Aufenthaltsgestattung" erhalten. Da in Deutschland das Kindeswohl vorrangig ist, werden Minderjährige nicht abgeschoben. Auch wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird, besteht die Möglichkeit, eine dauerhafte Duldung zu erlangen, wie aus einem Papier des BAMF hervorgeht. Voraussetzung ist, dass sie nicht straffällig werden und "sich in die Lebensrealität in Deutschland einfügen können und beispielsweise eine Schul- oder Berufsausbildung abschließen".

Anna absolviert einen Deutschkurs und ist für eine berufsbildende Schule angemeldet. Sie möchte ihr Fachabitur machen und Informatikerin werden. Auch Kevin hat erst einmal Deutsch gelernt und macht dieses Jahr seinen Hauptschulabschluss. Aber er möchte noch die mittlere Reife schaffen und eine Berufsausbildung machen. Fragt man ihn nach seinen ersten Eindrücken von Deutschland, dann sagt er ohne zu zögern: "Endlich Frieden." Er erzählt, dass er das erste Mal in seinem Leben gründlich untersucht worden ist, lächelt und deutet auf seinen Mund: "Ich habe sogar eine Zahnspange bekommen." Mit Somalia hat er abgeschlossen. "15 Jahre nur Krieg sind genug. Ich will in Frieden leben und zur Schule gehen."


Sozialarbeiterin im Jugendheim hilft Kevin (KNA)
Sozialarbeiterin im Jugendheim hilft Kevin / ( KNA )
Quelle:
KNA