Weltethos-Institut besteht seit zehn Jahren

Initiative geht auf Hans Küng zurück

"Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem andern zu": Was der Theologe Hans Küng für das Zusammenleben der Religionen formulierte, übersetzt das Weltethos-Institut in Wirtschaftsethik.

Hans Küng im Jahr 2015 / © Harald Oppitz (KNA)
Hans Küng im Jahr 2015 / © Harald Oppitz ( KNA )

Die Idee lebt weiter: Das Weltethos-Institut an der Universität Tübingen, das auf die Ideen des Schweizer Theologen Hans Küng (1928-2021) zurückgeht, feiert in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen.

Das Institut überträgt Küngs Ansatz, laut dem ein alle Religionen und Kulturen verbindendes Weltethos Grundlage des Zusammenlebens sein muss, in die Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ausgangspunkt sind Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben, Solidarität und Gerechtigkeit, Toleranz und Wahrhaftigkeit sowie die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.

Rechtlich selbständig

Träger der Einrichtung mit rund einem Dutzend Mitarbeitenden sind die Weltethos-Stiftung, die Karl-Schlecht-Stiftung sowie die Universität. Als sogenanntes An-Institut ist es zwar rechtlich selbstständig, aber trotzdem organisatorisch, personell und räumlich mit der Hochschule verbunden.

Als Forschungs- und Bildungseinrichtung will das Institut laut Eigenbeschreibung Werteorientierung und Vertrauen in Wirtschaft und Gesellschaft oder "ethische Sprach- und Handlungsfähigkeit im Zeitalter der Globalität" fördern. Verfolgt wird dabei ein interdisziplinärer Ansatz, der praxisnah aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht Geistes- und Sozialwissenschaften einbindet.

Ulrich Hemel

"Es geht nicht nur um kurzfristige Gewinnmaximierung"

"Der Ansatz funktioniert", sagt Ulrich Hemel, der das Institut seit 2018 als Direktor leitet. Ethische Fragestellungen spielten heute in Firmen eine immer wichtigere Rolle. "Es geht nicht nur um kurzfristige Gewinnmaximierung". Schon in der Gründungsphase von Unternehmen, bei Planung und Auslegung von Geschäftsmodellen, würden ethische Themen berücksichtigt.

Ulrich Hemel, BKU-Vorsitzender / © Harald Oppitz (KNA)
Ulrich Hemel, BKU-Vorsitzender / © Harald Oppitz ( KNA )

Grundsätzlich gilt für Hemel: "Das gute Zusammenleben aller ist als Balance aus der eigenen Karriere und der Weltverantwortung zu sehen. Und das kann erlernt werden" - als "Lernprogramm der Selbst- und Weltverantwortung", so der Wirtschaftswissenschaftler.

Das Institut liefere dazu das passende Handwerkszeug. Immer häufiger bestehe in Unternehmen die Überzeugung, dass Ethik wichtig sei, aber es fehle an Wissen, um sich den jeweiligen Fragen richtig zu nähern. "Die Nachfrage ist inzwischen erheblich", so der Professor.

Befriedigt wird die beispielsweise durch das Weltethos-Ambassador-Programm für junge Führungskräfte zwischen 25 und 35 oder das Social-Innovation-Programm, das ethische Gestaltungs- und Managementkompetenzen vermitteln will. Im vergangenen Jahrzehnt besuchten laut Hemel einige tausend Studenten die Veranstaltungen, zu denen je Semester auch rund ein Dutzend Seminare gehört.

Welche Rolle spielt die Frage nach Gott und Religion heute?

Darüber hinaus kümmert sich das Institut, das über einen Zeitraum von 30 Jahren von der gemeinnützigen Karl-Schlecht-Stiftung finanziert wird, im Sinne seines Geldgebers neben der Forschungstätigkeit auch um Praxistransfer. Etwa im Tübinger Cyber Valley, dem laut Universität größten europäischen Forschungskonsortium im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) oder in der Stadtgesellschaft. Hemel beschreibt das Institut als "interessierten und interessanten Kooperationspartner".

Hans Küng / © Daniel Naupold (dpa)
Hans Küng / © Daniel Naupold ( dpa )

Aber was hat das alles mit Hans Küng zu tun, der am 6. April vor einem Jahr starb? Welche Rolle spielt die Frage nach Gott und Religion heute? Hemel räumt ein, dass die Arbeit des Instituts "nur für Kenner unmittelbar und direkt auf Küngs Wirken zurückgeht". In der jungen Generation sei der Theologe "kaum noch präsent"; gerade einmal zehn Prozent der Studierenden könnten mit seinem Namen noch etwas anfangen.

Für Hemel, einen habilitierten Religionspädagogen, steht aber außer Frage, dass "Wirtschaftsethik, Unternehmensethik, Globalisierungsethik und die Frage nach einem Weltethos miteinander verbunden bleiben". Hemel selbst setzt sich dafür ein, dass den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ein 18. hinzugefügt wird: gute religiöse Praxis. Hans Küng würde es begrüßen.

 

Autor/in:
Michael Jacquemain
Quelle:
KNA