Weihbischof Schwaderlapp verrät Lieblingsort im Kölner Dom

"Überall wo Gott ist, bin ich zuhause"

Jeder, der im oder am Dom arbeitet, betrachtet Kölns Kathedrale aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Er entwickelt oft eine besondere Vorliebe für einen bestimmten Platz. Für Weihbischof Schwaderlapp ist es die Sakramentskapelle.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Ins Gebet vertieft: Weihbischof Schwaderlapp an seinem Lieblingsort, in der Sakramentskapelle des Doms / © Beatrice Tomasetti (DR)
Ins Gebet vertieft: Weihbischof Schwaderlapp an seinem Lieblingsort, in der Sakramentskapelle des Doms / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Um eine anschauliche Sprache ist er nicht verlegen. Im Gegenteil: Spricht Weihbischof Dominikus Schwaderlapp über das, was ihn trägt, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. So geht es ihm auch mit seinem Lieblingsort im Kölner Dom. Ohne Zögern hat er ein passendes Bild parat, das mehr sagt als 1000 Worte: "Die Sakramentskapelle ist das Herz des Doms – wie Christus das Herz der Kirche ist. In diesem Raum kann man es schlagen hören." Denn hier, im ausgesetzten Sakrament, in der Gestalt des Brotes, sei Christus wirklich. "Auch wenn wir ihn nicht sehen, ist Gott gegenwärtig." Das mache diesen Ort, wo das Allerheiligste aufbewahrt werde, für ihn zur Lebensader seines Glaubens, betont Schwaderlapp. "Hier tanke ich Kraft."

Für viele Menschen ist die Sakramentskapelle im Dom ein Zufluchtsort für das persönliche Gebet / © Beatrice Tomasetti (DR)
Für viele Menschen ist die Sakramentskapelle im Dom ein Zufluchtsort für das persönliche Gebet / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Ganz unerwartet ist er mitunter in diesem Andachtsraum des Doms anzutreffen; selbst dann, wenn er gerade keine Messe oder Beichtzeit hat. Dann heißt es schon mal in der Sakristei: Den Weihbischof finden Sie in der Anbetung. In Terminpausen vor der Monstranz in der Kirchenbank niederzuknien, in der geschäftigen Betriebsamkeit des Alltags innezuhalten für ein kurzes Gebet, angesichts der vielen Herausforderungen, mit denen sich Kirche aktuell konfrontiert sieht, den Draht "nach oben" nicht zu verlieren – das ist ihm wichtig. Seine Gottesbeziehung verorten – das kann Schwaderlapp am besten hier. Denn er liebt die Atmosphäre dieser Kapelle.

Das Staunen über die Größe des Doms bleibt

Besonders in aller Herrgottsfrühe, wenn er mittwochs und freitags den Tag mit einem der ersten Gottesdienste beginnt. "Weil man dieses Herz dann pulsieren hört, ihm auf die Spur kommt", begründet er. Zu dieser Zeit nämlich sei es im Dom noch ganz ruhig. "Nur die Texte der Liturgie zu sprechen – das ist erholsam, aufbauend, friedvoll, berührend." Da kämen Menschen jeden Alters. Kennen würde er die wenigsten. "Im Anschluss gehen sie raus zu ihrer Arbeit", sagt er, "versuchen ihr Christsein im Alltag zu leben; da, wo Christus immer mit seinen offenen Armen wartet."

Weihbischof Dominik Schwaderlapp bei der Predigt / © Beatrice Tomasetti (DR)
Weihbischof Dominik Schwaderlapp bei der Predigt / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Den Dom habe er immer schon toll gefunden: die dichten Weihrauchschwaden und vielen Messdiener an den Sonn- und Feiertagen, die festliche Musik. "Beeindruckend und überwältigend. Auch weil einen diese himmelwärts strebenden Linien der gotischen Architektur automatisch nach oben ziehen. Außerdem wurde ich in dieser Kirche zum Priester geweiht." Das schaffe ohnehin eine starke Identifizierung – zeitlebens. "Selbst wenn ich mich an diese Größe nicht gewöhnen kann – das Staunen über diesen unglaublichen Raum nutzt sich nicht ab."

Weihbischof Dominik Schwaderlapp

"Wenn ich den ganzen Dom als die Stadt Gottes betrachte, dann ist die Sakramentskapelle mittendrin das Zentrum: ein vertrauter Zufluchtsort, ein Zuhause. Denn hier begegne ich der Gegenwart Gottes."

Die beiden Kölner Weihbischöfe Schwaderlapp und Steinhäuser beim Einzug in den Dom / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die beiden Kölner Weihbischöfe Schwaderlapp und Steinhäuser beim Einzug in den Dom / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Richtig ans Herz gewachsen sei ihm dieses Gotteshaus allerdings erst in seiner Zeit als Domkapitular; als er begonnen habe, regelmäßig im Dom Beichte zu hören und hier auch als Seelsorger heimisch zu werden. Das war 2004, als ihn Kardinal Meisner für acht Jahre zu seinem Generalvikar ernannte und zeitgleich ins Domkapitel berief. "Mittlerweile ist der Dom, vor allem aber die Sakramentskapelle, zu meinem erweiterten Zuhause geworden. Auch weil es von meiner Wohnung nur ein paar Schritte dorthin sind." Und dann bemüht Bischof Schwaderlapp noch einmal dieses einprägsame Bild, das zugleich ein Stück weit seine Theologie skizziert: "Wenn ich den ganzen Dom als die Stadt Gottes betrachte, dann ist die Sakramentskapelle mittendrin das Zentrum: ein vertrauter Zufluchtsort, ein Zuhause. Denn hier begegne ich der Gegenwart Gottes. Und überall wo Gott ist, bin ich zuhause." Heimat haben bei Gott, geborgen sein in Gott – das gehört für den gebürtigen Westerwälder ganz wesentlich zu seinem Selbstverständnis als Priester.

Trotz wirtschaftlicher Not ansteckende Freude und Herzlichkeit

Zehn Monate lang war Erzbischof Martin Kivuva Musonde aus Mombasa der Vorgesetzte des Kölner Weihbischofs Schwaderlapp / © Beatrice Tomasetti (DR)
Zehn Monate lang war Erzbischof Martin Kivuva Musonde aus Mombasa der Vorgesetzte des Kölner Weihbischofs Schwaderlapp / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Erst vor ein paar Wochen ist Dominikus Schwaderlapp von seinem zehnmonatigen Aufenthalt im kenianischen Mombasa zurückgekehrt. Seitdem hat der Begriff der Beheimatung noch einmal eine ganz neue Bedeutung für ihn gewonnen. Noch nie zuvor sei er so lange von Zuhause weg, von seiner großen Familie getrennt gewesen, erzählt der 55-Jährige. Von Erzbischof Martin Kivuva Musonde wurde er in einem Vorort der Millionenstadt, in Changamwe, als Kaplan eingesetzt, um in der Gemeinde St. Mary das Caritas-Team zu unterstützen, aber auch täglich die Messe zu feiern: an jedem Werktag zwei, sonntags sogar fünf. Denn zum Leben der 400.000 Katholiken in diesem ostafrikanischen Bistum gehöre ein handfester, im Alltag praktizierter und authentisch gelebter Glaube dazu, erklärt der Kölner Weihbischof.

Treffen zum Tee mit einer kleinen christlichen Gemeinschaft nach der heiligen Messe in Changamwe (privat)
Treffen zum Tee mit einer kleinen christlichen Gemeinschaft nach der heiligen Messe in Changamwe / ( privat )

"Jesus Christus ist selbstverständlich immer mit dabei. Keine Tasse Tee, ohne vorher zu beten. Das Bekenntnis zu Christus ist kein frommer Zuckerguss, sondern Grundlage eines echten christlichen Lebens, das vom Gebet zur Tat führt", sagt er. Die Kirche diene dabei als Gemeinschaft, die Christus in die Welt bringe. "Man ist stolz, dazu zu gehören, und überall rund um die Kirche gibt es quirliges Leben – trotz großer wirtschaftlicher Not und der täglichen Sorgen um die Ernährung der Familie. Dennoch nimmt das diesen Menschen nichts von ihrem Strahlen, ihrer ansteckenden Freude und Herzlichkeit." Sie lebten nach dem Prinzip: Musik und Tanz – gerade auch in den Gottesdiensten – machen Leib und Seele froh.

Weihbischof Dominik Schwaderlapp

"Hier bekennen sich Menschen ganz selbstverständlich zu ihrem Glauben, auch wenn jeder Tag eine eigene Herausforderung und die Bitte um das ‚tägliche Brot’ wörtlich zu nehmen ist."

"Sonntagsschule" für die Kleinsten der Gemeinde St. Mary (privat)
"Sonntagsschule" für die Kleinsten der Gemeinde St. Mary / ( privat )

In Changamwe hat der Kölner Weihbischof erlebt, dass die fast 30.000 katholischen Christen meist kleinen Gemeinschaften angehören, die aus je 15 Familien bestehen, sich nach Straßenzügen zusammentun und einmal wöchentlich zu Rosenkranzgebet oder Schriftlesung einladen. Begrüßen würde man einander immer mit "Gelobt sei Jesus Christus!" oder "Gott ist gut – wow!", was stets aus tiefstem Herzen komme. "Wenn dieses ‚Wow’ dann auch noch von Hunderten von Kindern in der Schulmesse gerufen wird, geht das richtig unter die Haut", lacht er. "Hier bekennen sich Menschen ganz selbstverständlich zu ihrem Glauben, auch wenn jeder Tag eine eigene Herausforderung und die Bitte um das ‚tägliche Brot’ wörtlich zu nehmen ist. Man hilft sich eben gegenseitig in der Not, steht einander bei und packt mit an, wo es nötig ist." Eine solche Kirche, in der die Menschenfreundlichkeit Gottes im Zentrum stehe, mache Mut. "Nicht zuletzt, weil alle an einem Strick ziehen." Große pastorale Konzepte dagegen gebe es in der kenianischen Kirche nicht, stellt Schwaderlapp fest. Geschweige denn, dass in Swahili ein Wort für "Kirchenpolitik" existiere.

Zu keinem Zeitpunkt einsam oder fremd gefühlt

Prozession mit dem Allerheiligsten durch die Straßen von Changamwe, einem Vorort der Millionenstadt Mombasa (privat)
Prozession mit dem Allerheiligsten durch die Straßen von Changamwe, einem Vorort der Millionenstadt Mombasa / ( privat )

"Afrika – das war eine Reise ins Ungewisse, ein Abenteuer mit vielen Unbekannten, raus aus der eigenen Komfortzone", resümiert er. "Alles war am Anfang fremd – die Sprache, die Kultur, die große Armut, die die Menschen dort zusammenschweißt, auch ihre Art, die Liturgie zu feiern." Und dennoch habe er sich zu keinem Zeitpunkt einsam oder nicht dazu gehörig gefühlt. "In Changamwe konnte ich spüren, was das heißt, wenn die Menschen auf ihre ganz eigene Weise darum ringen, Gott und den Nächsten zu lieben, und ein Zeugnis ihres Glaubens geben. Das hat mich als Seelsorger sehr gestärkt."

Weltkirche zu erleben bedeute immer auch, einen neuen Blick auf die eigene Kirche zu bekommen. Wenn er jetzt in der Sakramentskapelle des Kölner Doms bete, sehe er jedenfalls stets vor seinem geistigen Auge auch die Monstranz von St. Mary. "Von nun an trage ich auch Afrika in meinem Herzen und werde dorthin bestimmt immer wieder zurückkehren."

Die Anbetungskapelle der Kirchengemeinde St. Mary in Changamwe: Für Weihbischof Schwaderlapp ein Grund, sich nicht fremd zu fühlen (privat)
Die Anbetungskapelle der Kirchengemeinde St. Mary in Changamwe: Für Weihbischof Schwaderlapp ein Grund, sich nicht fremd zu fühlen / ( privat )

Wie in Köln gebe es in Changamwe eine ‚Adoration-Chapel’, die 24 Stunden am Tag zum Gebet offen stehe. "Wer sie betritt, zieht sich die Schuhe aus und küsst den Boden. Das entspricht der einheimischen Glaubenspraxis." Dass er sich in seiner kenianischen Gemeinde zu keiner Zeit wie ein Fremder vorgekommen sei, erklärt Schwaderlapp, habe ganz wesentlich auch mit dieser Kapelle zu tun. "Als ich diesen Raum zum ersten Mal betreten habe und das Allerheiligste ausgesetzt sah, wusste ich sofort: Hier bin ich zu Hause. Denn Gott ist da. Ja, Gott ist gut, allezeit – wow!"

 

Quelle:
DR