Weihbischof Jaschke kritisiert das Grass-Gedicht

"Ziemlich verquast"

Mit seinem israelkritischen "Gedicht" hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass viel Ärger eingehandelt. Kritik kommt von fast allen Seiten. Auch der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, bei der Deutschen Bischofskonferenz zuständig für den interreligiösen Dialog, zeigt sich im domradio.de-Interview enttäuscht von Grass und ruft zu Schweigen auf.

Hamburgs Weihbischof Hans-Jochen Jaschke (KNA)
Hamburgs Weihbischof Hans-Jochen Jaschke / ( KNA )
domradio.de: Sie haben das Gedicht von Günter Grass gelesen. Welchen Eindruck haben Sie davon? Weihbischof Jaschke: Ach, ich fand es schrecklich, das Gedicht. Lang und ungeformt, ungestalt mit einem selbstgerechten Anspruch und auch ziemlich verquast. Also das ist kein gutes Gedicht schon rein literarisch. Ich bin kein Fachmann, aber ich kann das so in meinem ungeschützten Urteil sicherlich auch so sagen. So ein Gedicht ist nicht das Zeugnis eines großen Dichters. domradio.de: Meinen Sie denn, dass das Grundanliegen von Günter Grass gerechtfertigt ist?   Weihbischof Jaschke: Wir Älteren lieben ja alle Günter Grass, sind mit ihm irgendwie groß geworden, mit "Katz und Maus" und der "Blechtrommel". Aber wir haben auch immer wieder erlebt, wie er sich vor ein politischen Karren spannen lässt, und dann überschätzt er sich gewaltig. Der Künstler wird dann zum Ideologen. Und ich meine, er selber steht ja auch für ideologische Verirrungen, die man einem Künstler dann durchaus auch vor Augen halten muss.   domradio.de: Was meinen Sie denn inhaltlich zu diesem Gedicht? Verschiebt Grass damit nicht deutlich Ursache und Wirkung des gesamten Konflikts zwischen dem Iran und Israel? Weihbischof Jaschke: Der eigentliche Skandal besteht darin, dass im Iran - ich nehme jetzt nur den Iran - Ayatollahs, gebildete Menschen, auch geistliche Menschen - ich will gar nicht reden von einem verrückten Ministerpräsidenten - das Existenzrecht Israels grundlegend bestreiten. Und zwar nicht nur irgendwie, sondern mit härtesten Tönen. Und wenn so was geschieht, muss darauf hingewiesen werden. Das ist unerträglich in unserer gemeinsamen Welt. Und Günter Grass verbrämt jetzt mit Bedenken und so weiter. Er übersieht die Verrücktheiten und das Unmögliche, was im Iran und in anderen Ländern geschieht. Wir müssen auf der Seite Israels stehen. Natürlich haben wir große Sorge, dass da unüberlegtes Handeln eintreten kann. Aber alle haben ja auch gute Kontakte zu Israel und tragen mit Sorge dafür, dass es nicht solche Reaktionen gibt. Aber man wird nicht in der Weise eines Günter Grass dafür Sorge tragen können, dass die Lage entspannt wird. domradio.de: Hat Grass mit diesem Gedicht in typischer Weise das Trauma seiner Generation bearbeitet? Was würden Sie dazu sagen? Weihbischof Jaschke: Ich will nicht psychologisieren, aber er verbündet sich mit denen, die klamm heimlich sagen: "Naja, mit den Juden ist das ja auch immer ein Problem". Damit verbündet er sich. Das will er eigentlich nicht. Wahrscheinlich nein, sicherlich will er das nicht. Diese moralisierende Attitüde, mit der er auftritt, führt dazu, dass solche Stimmungen durch ihn unterstützt und gestärkt werden. Am besten wäre es, man würde darüber schweigen.   domradio.de: Der Zeitpunkt der Veröffentlichung in der Karwoche kann man als unsensibel bezeichnen, wenn man das Ganze historisch sieht, und das darf man ja bei einem wie Grass. Würden Sie das auch so sehen? Weihbischof Jaschke: Das ist mir gar nicht so aufgegangen, aber ich stimme Ihnen völlig zu: Die Karwoche, Karfreitag, Kreuzigung Christi, Juden und dann so ein Gedicht, das solche alten Ressentiments vielleicht auch nochmal neu schüren und fördern kann. Das ist furchtbar. domradio.de: Was würden Sie Günther Grass jetzt raten, nachdem dieses Gedicht veröffentlicht ist und ein Sturm der Entrüstung sozusagen darüber ausgebrochen ist? Weihbischof Jaschke: Er wollte wohl diesen Sturm entfachen. Und das muss er jetzt aushalten. Ich denke, er sagt jetzt erstmal gar nichts und dann sieht man, wie die Dinge sich weiterentwickeln. es gibt ja andere vernünftige Leute, die das richtig einordnen können. Das er jetzt eine große, öffentliche Entschuldigung vornimmt, das wäre auch nicht gut. Es sind Worte genug gesagt. Ich denke, jetzt solte man schweigen. Das Interview führte Christian Schlegel. Hintergrund Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit einem israelkritischen Gedicht zum Iran-Konflikt harsche Kritik hervorgerufen. Der Zentralrat der Juden warf Grass vor, Israel zu "dämonisieren". Das Gedicht sei ein "ein aggressives Pamphlet der Agitation". Empört reagierte auch die israelische Botschaft in Berlin: "Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will", erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Der Publizist Henryk M. Broder warf Grass vor, er sei "der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint". "Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem "Gedicht" hat er es noch nie artikuliert." Grass wirft Israel in seinem knapp 70-zeiligen Werk eine Gefährdung des Weltfriedens vor. In dem Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss", das die "Süddeutsche Zeitung", die "New York Times", die italienische "La Repubblica" und die spanische "El Pais" am Mittwoch abdruckten, schreibt Grass: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." Und weiter: "Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten." Grass fordert Israel auf, seine eigene atomare Bewaffnung offenzulegen und appelliert an die Bundesregierung keine weiteren Atom-U-Boote mehr dorthin zu liefern. Broder wirft dem 84-jährigen Grass unterdessen vor, die politische Situation komplett auf den Kopf zu stellen, indem er im Zusammenhang mit dem Iran immer nur verharmlosend von "Atomanlagen" rede, Israel aber ein bedrohliches "Potenzial" unterstelle. Die Zeitung "La Repubblica" fügte dem Abdruck des Gedichts einen kritischen Kommentar bei und bezeichnete Grass" Meinung als "konfuses Rauschen". Er meine, dass "Israel die wahre Gefahr für den Frieden ist und nicht der Iran". Die Bundesregierung wollte sich nicht zu der Debatte äußern. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte vor Journalisten: "In Deutschland gibt es die Freiheit der Kunst. Und die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Kunst äußern zu müssen, und daran halten wir uns hier." Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte, Grass begebe sich mit seinem Text "auf das Feld wohlfeilen Moralgezeters". Selbst ohne Antisemitismus zu unterstellen, "gegen den sich Grass in dem "Gedicht" selbstherrlich verwahrt, kann man doch angesichts solch plumper, primitiver Rhetorik staunen - und sich ärgern". Robbe hielt dem Schriftsteller "erschreckendes Unwissen" vor. Der Hannoveraner Landesbischof Ralf Meister sagte, der Aufruf von Grass "zum Aussprechen der Wahrheit in poetischer Form geht an der Sache vorbei". Meister beklagte zudem das Erscheinungsdatum in der Karwoche. Die Karwoche bleibe für Christen "eine Zeit für Einsicht in die eigene Schuld. Auch eine Einsicht in die Schuld gegenüber den jüdischen Glaubensgeschwistern".