"Attacke!", ruft Nicolas*, rennt auf Katja zu und umarmt sie. "Hast du den Schlüssel?", fragt sie. Nicolas hebt ihn mit seiner rechten Hand nach oben. "Klar", entgegnet er. Gemeinsam laufen beide in die Turnhalle nebenan.
Nicolas hat zuvor schon draußen auf sie gewartet. Obwohl Katja – wie immer – pünktlich ist, steht er schon bereit. Für Kinder und Jugendliche wie Nicolas ist das wichtig. Pünktlich sein ist ein Zeichen von Verlässlichkeit und die zählt hier viel.
Dazu kommt: Vorfreude. In der Turnhalle dauert es nicht lange, bis sich Nicolas den Ball holt und Katja ins Tor schickt. Er läuft an, zieht ab – mehrfach. Als der Ball ins Lattenkreuz knallt, wackelt das Tor. Nicolas geht in die Hocke, hält sich die Hand vor den Mund und grinst. Katja lacht: "Boah, hast du einen heftigen Schuss drauf."
Katja ist Nicolas' Wegbegleitung
Katja und Nicolas kennen sich seit Ostern 2025. Kennengelernt haben sie sich beim Eisessen, gemeinsam mit der Bezugserzieherin von Nicolas, die gleichzeitig Leiterin der Wohngruppe ist, und Julius Daven. Er ist Vorsitzender der Ehrenamtlichen Wegbegleitung Deutschland e.V. (EWD). Mit dem Verein möchte er das Lebensumfeld von jungen Menschen verbessern, die in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe leben und darunter leiden, dass sie keine zuverlässigen Kontakte außerhalb der Wohngruppen haben und nicht wie die anderen Kinder am Wochenende für Ausflüge abgeholt werden.
"Wir wollen Kinder und Jugendliche als langfristige, strukturelle Ergänzung zur Heimerziehung dabei unterstützen, sich zu selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten zu entwickeln", sagt Julius Daven. Dabei sei wichtig, dass die jungen Menschen wie Gleichaltrige behandelt werden möchten und sich weniger alleine fühlten.
Dafür brauchen sie Menschen, die ehrenamtlich den Weg mit jungen Menschen in stationären Einrichtungen, sogenannten Wohngruppen, gehen. Interessierte erwachsene Menschen durchlaufen im Verein ein stufenweises Verfahren, das auch Hausbesuche und Weiterbildungsseminare enthält. Eine, die das gemacht hat, ist Katja. Sie ist seitdem die ehrenamtliche Wegbegleiterin für Nicolas.
Fußball – wider Willen
"Wir haben uns erst mal beschnuppert", erzählt Katja von ihrem ersten Treffen. Viel gesprochen hätten sie da noch nicht. Das kam später. Dennoch fand Nicolas sie direkt sympathisch, erinnert er sich ein Jahr später. Heute agieren sie selbstverständlich als Team – oder auch mal gegeneinander, sollte es das Spiel erfordern.
Beim Fußball in der Turnhalle wechseln sie minütlich die Positionen. Mal steht Katja im Tor, mal Nicolas. Letzterer versucht dabei immer wieder, Katja den Ball aus der Hand zu schlagen. Gelingt ihm das nicht, umklammert er sie so lange, bis er sein Ziel erreicht hat – eine Umarmung gibt es gratis dazu.
Als Katja dann zum Schuss ansetzt, geht der Ball rechts am Tor vorbei. "Du kannst gar nicht zielen", ruft Nicolas. "Das stimmt", gibt Katja zu, "wenn ich etwas nicht kann, dann ist es Fußball."
Leben in einer Wohngruppe
Nicolas ist 13 Jahre alt und lebt in Nordrhein-Westfalen in einer Wohngruppe, die unter katholischer Trägerschaft läuft. Mit den Wohngruppen der Einrichtung arbeite der EWD sehr vertrauensvoll und eng zusammen, betont der EWD-Leiter Julius Daven.
Tagsüber geht Nicolas, wie andere Teenager auch, in die Schule. Heute hatte er dort einen Projekttag. Es ging um Drogen, Alkohol und Strafmündigkeit. Ein Polizist war da. "Das war spannend", erzählt er Katja. Besonders hängen geblieben sei ihm, wie schnell man in Schwierigkeiten geraten könne. Deswegen wolle er mit solchen Dingen erst gar nicht anfangen.
Gemeinsam Zeit verbringen
Sein größtes Hobby ist neben dem Fußball das Schwimmen. "Ich bin eine Wasserratte", sagt er selbst über sich. Wenn sich beide alle zwei Wochen treffen, unternehmen sie meistens etwas: Fußball, Schwimmen, Kino, Zoo. "Aber über das Spiel finden wir am schnellsten zusammen", gibt Katja zu.
Für sie ist diese Art von Ehrenamt eine bewusste Entscheidung. Sie habe etwas gesucht, das für sie Sinn ergebe, sagt die 58-Jährige. Nachdem ihre Kinder erwachsen wurden, wollte sie etwas mit jungen Menschen machen. Die ehrenamtliche Wegbegleitung sei das, was sie zeitlich leisten könne. Es sei eine sinnvolle Beschäftigung. Nicolas sei ihr ans Herz gewachsen. "Wenn ich überlege, was die Alternative ist: zu Hause putzen? Nö, dann mache ich lieber etwas mit Nicolas zusammen", sagt sie.
Priya und Veronika
Südlich von Köln sitzen Priya* und Veronika an einem Tisch. Veronika, Priyas Wegbegleitung, hat zum Treffen einen frisch gebackenen Kirsch-Streusel-Kuchen mitgebracht – natürlich nur mit Zuckerersatz. "Ich ernähre mich jetzt sehr gesund", stellt Priya schmunzelnd klar.
Die beiden treffen sich ebenfalls alle zwei Wochen. Diesmal in einem Raum in der Wohngruppe eines katholischen Trägers. Nachdem die letzte Gabel vom Teller den Mund erreicht hat, zieht Veronika einige Plastikunterlagen aus ihrer Tasche. Mit einem 3-D-Effekt zeigen sie einen Hasen, Ostereier und farbenfrohe Körbe. "Oh Gott, sind die hässlich", gesteht Veronika.
Kleine Frage, große Wirkung
Priya nimmt sich eine kleine Holzkiste in Herzform und legt sie vor sich auf die Plastikunterlage. In hellem Pink pinselt sie über das flache Holz. Später will sie das Holzherz als Schmuckschatulle nutzen. So etwas habe sie noch nicht.
"Ich bin sehr dankbar, dass ich dich habe", sagt sie zu Veronika. "Ich auch", antwortet diese. "Ja?", Priya hört auf zu malen und schaut kurz auf. "Klar", bestätigt ihre Wegbegleitung.
Priya ist 17 Jahre. Auch wenn sie künftig aus der Wohngruppe auszieht, bleibt ihre Wegbegleitung an ihrer Seite. "Sie sind auch nach dem Auszug aus der Wohngruppe in das eigenständige Leben immer noch für die jungen Menschen da. Das wünschen sich die jungen Erwachsenen auch so", erklärt Julius Daven.
Das perfekte Match
Heute ging es Priya nicht so gut, sie habe vor dem Treffen viel geweint, erzählt die 17-Jährige. Doch dann habe sie zu sich gesagt: "Ich gehe jetzt aus dem Bett, ziehe mich an und dann ist auch schon Veronika da", erklärt sie ihr.
Veronika schätzt Priyas Offenheit und Direktheit: "Du erzählst unverblümt, was du denkst. Das mag ich." Priya wiederum findet an Veronika gut, dass sie nicht verurteile. "Ich kann mit allem zu ihr kommen", sagt die Teenagerin.
Trotz der ernsten Themen lachen beide viel an diesem Nachmittag. Sie tauschen sich aus über Veronikas erstmaliges Oma-sein, ihre gemeinsamen Reisepläne nach Maastricht sowie ihre Leidenschaft für Mode und Kunst. "Wir sind das perfekte Match", sagt Veronika und Priya nickt.
Einmal die Kletterwand lang
Nicolas und Katja haben den Fußball zur Seite gelegt und stehen jetzt vor einer Kletterwand. Zwei Meter hoch, sechs Meter breit. Nicolas versucht, von links nach rechts durchzuklettern. Er fällt, landet auf der Matte, versucht es wieder.
Nach einigen Versuchen klappt es. Schritt für Schritt hangelt er sich entlang. "Jawohl, diesmal schaffst du es", sagt Katja. Nach 90 Minuten ist Schluss. Nicolas trinkt noch schnell den Apfelsaft, den Katja immer mitbringt, und dann verabschieden sich die beiden.
Aber diesmal müssen sie keine zwei Wochen warten: Am Wochenende wird Katja am Straßenrand stehen und Nicolas anfeuern, wenn er mit Freunden an seinem ersten Stadtlauf teilnimmt.
* Die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen redaktionell geändert. Aus Gründen des Jugend- und Persönlichkeitsschutzes wurde außerdem darauf verzichtet, identifizierende Merkmale sowie die konkrete Einrichtung zu benennen.
Interesse an einer Mitarbeit im EWD e.V.?
Falls Sie sich die Aufgabe der ehrenamtlichen Wegbegleitung vorstellen können, können Sie die Fragen im Orientierungskompass beantworten oder Julius Daven und sein Team hierüber kontaktieren.
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