Was uns der selige Rupert Mayer heute zu sagen hat

Nazi-Gegner und Menschenfreund

Weil Rupert Mayer von Anfang an vor dem Nationalsozialismus warnte, landete er im KZ. Warum er in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus heute ein gutes Vorbild ist, erklärt Jesuitenkollege Karl Kern am 150. Geburtstag des Seligen.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Büste von Pater Rupert Mayer / © Gallwis (shutterstock)
Büste von Pater Rupert Mayer / © Gallwis ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Rupert Mayer hat früh erkannt, wie gefährlich der Nationalsozialismus wirklich war. Aus welcher Haltung heraus?

Pater Karl Kern SJ (Präses der Marianischen Männerkongregation "Mariä Verkündigung" und Kirchenrektor der Bürgersaalkirche in München): Er hat gesagt: "Es gibt in meinem Leben zwei Leitsterne. An erster Stelle Religion und an zweiter Stelle Vaterland." Religion hieß für ihn: katholisch sein. Er ist in einer Minderheitenposition in Stuttgart aufgewachsen, wo es unter 156.000 Einwohnern nur 11.000 Katholiken gab. Da wurde er zum überzeugten Katholiken, zum Katholiken mit weitem Herzen. 

Pater Karl Kern / © Jesuiten in Zentraleuropa (privat)
Pater Karl Kern / © Jesuiten in Zentraleuropa ( privat )

Er hat sich freiwillig für den Einsatz im Ersten Weltkrieg gemeldet, war also durchaus ein national denkender und fühlender Mensch. Aber er hat von Anfang an klar gespürt, dass ein überzogener Patriotismus und eine völkische Ideologie nicht mit dem Christentum vereinbar sind. Und als er Hitler 1919 bei einer Parteiversammlung kennenlernte, hat er sofort gemerkt, dass dieser überzogene Personenkult gar nicht geht. 

DOMRADIO.DE: Pater Mayer ist bereits in den 1920er Jahren als Mahner gegen den Rechtspopulismus der Nazis aufgetreten. Wie genau hat er das getan?

P. Kern: Vor allem in Predigten, aber nicht nur. Er war einer der wenigen Priester, die in Priesterkleidung erkennbar in die Parteiversammlungen gingen, sowohl die der Nationalsozialisten als auch die der Kommunisten und der sogenannten Freidenker. Als er 1912 als junger Jesuit nach München kam, um sich um die Zugezogenen zu kümmern, hatte er die sozialen Probleme jeden Tag in seinem Sprechzimmer und bei seinen Hausbesuchen vor Augen; er wusste, was die Leute bedrängte. Gleichzeitig wusste er, dass die Antworten von rechts und links, sprich von Kommunismus und Nationalsozialismus, letztlich antireligiös waren.

Karl Kern über Rupert Mayer

"Er hat vom religiösen Standpunkt klar Stellung bezogen, wenn eine politische Ideologie zur Ersatzreligion und zur Verdeckung der eigenen Machtansprüche wurde."

DOMRADIO.DE: Ein Jahrhundert später erstarken in ganz Europa wieder rechtspopulistische Kräfte. In Deutschland sucht die Politik noch immer nach wirksamen Mitteln, die zumindest in Teilen rechtsextreme AfD in Schach zu halten. Speziell die Christdemokraten diskutieren das Konzept der Brandmauer. Wäre Robert Mayer für eine Brandmauer gegen die AfD gewesen?

Rupert Mayer

geboren 1876 in Stuttgart, wurde 1899 zum Priester geweiht und trat in die Gesellschaft Jesu ein. Im ersten Weltkrieg war er Divisionspfarrer und verlor das linke Bein. Nach dem Krieg wirkte er in München als erfolgreicher und begeisternder Männerseelsorger. Unerschrocken bekämpfte er den Nationalsozialismus. Dafür wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Als seine Gesundheit zerstört war, wurde er in die Abtei Ettal eingewiesen, wo er vier Jahre abgeschlossen von der Welt leben musste.

Rupert Mayer 1935 beim Spendensammeln in München / © Joachim Schäfer (Ökumenisches Heiligenlexikon)

P. Kern: Er hat sich sehr aus der Tagespolitik herausgehalten und gesagt, er sei kein Politiker. Aber er hat vom religiösen Standpunkt klar Stellung bezogen, wenn eine politische Ideologie zur Ersatzreligion und zur Verdeckung der eigenen Machtansprüche wurde. Er hatte ein feines Gespür, gerade auch für die Grenzen des Nationalen. Denn bei aller Heimatliebe war er einfach zu sehr Katholik, also ein universal denkender Mensch. Deshalb glaube ich, würde er in der Flüchtlingsfrage, in der Frage der Toleranz, der Weltoffenheit und auch des Verständnisses innerhalb Europas schon sehr deutliche Marken setzen.

DOMRADIO.DE: Auch die Kirchen in Deutschland ringen heute um den richtigen Umgang mit der AfD. Was würde Rupert Mayer da wohl sagen? "Ein Katholik kann nicht AfD wählen?" So wie er damals gesagt hat: "Ein Katholik kann kein Nationalsozialist sein?"

P. Kern: Er würde sicher klar die Grenzen aufzeigen. Ob er es so klar tun würde, wie er es damals im Münchner Bürgerbräukeller mit diesem Satz getan hat, weiß ich natürlich nicht. Er hätte sicher auch Verständnis für die Sorgen der Menschen gehabt, die bei vielen wohl hinter der Wahl der AfD stecken. Aber er hätte auch gesagt: "Leute, das nationale Wohl und der Wohlstand dürfen nicht das goldene Kalb sein, um das wir tanzen! Bedenkt bitte, was die wahre Mitte ist!" Ich glaube, so hätte er argumentiert und manche vordergründige Argumentation durchleuchtet.

DOMRADIO.DE: Eine große Herausforderung für Kirchen und Politik ist, wie sie mit denjenigen im Gespräch bleiben, die sich aus Protest der AfD zugewandt haben. Wie geht das – im Gespräch bleiben, ohne inhaltlich einzuknicken? Hätte Pater Mayer auch da Antworten?

Karl Kern über Rupert Mayer

"Seine Mission war, dass wir nur durch gutes Tun die Leute überzeugen und auch irgendwie umdrehen können."

P. Kern: Er hat betont, dass man mit allen reden muss. Er hat sogar seinen Mitbrüdern vom Kloster Ettal aus (Anmerkung der Redaktion: Wo er nach seiner Entlassung aus dem KZ unter strengen Auflagen die letzten Kriegsjahre verbrachte) Briefe geschrieben, sie sollten auch den Kommunisten Pakete in die Konzentrationslager schicken. Seine Mission war, dass wir nur dadurch, dass wir Gutes tun, die Leute überzeugen und auch irgendwie umdrehen können. 

Das war keine Taktik, sondern er hat davon gesprochen, dass wir die Liebenswürdigkeiten des Christentums deutlich in den Leben der Leute fühlbar machen müssen. Er hat auch nie Einzelne verurteilt oder abgewertet. Bei aller Klarheit war diese Güte seine große Gabe. Er hat einmal gesagt: 'Wenn es um die Wahrheit geht, habe ich gelernt, hart zu werden. Aber die Güte ist immer grenzenlos'.

Anlässlich des Weltfriedenstages fand im Kölner Dom ein Gottesdienst für Soldatinnen und Soldaten statt. / © KNA-Bild (KNA)
Anlässlich des Weltfriedenstages fand im Kölner Dom ein Gottesdienst für Soldatinnen und Soldaten statt. / © KNA-Bild ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie wichtig ist also das Beispiel eines Mannes wie Rupert Mayer gerade heute?

P. Kern: Ich denke, in der Breite der Gesellschaft würde er anmahnen: "Leute, verliert über euer Kreisen um Wohlstand und Wirtschaftswachstum nicht die Mitte, aus der wir leben!" Wenn zum Beispiel, wie ich gerade in der Zeitung gelesen habe, unter Kindern und Jugendlichen Angst, Depression und Einsamkeit zunehmen, wenn die Suizidrate zunimmt, dann würde er sagen: "Das sind doch Alarmzeichen!" 

Er war ungeheuer wahrheitsliebend und wäre sicher zu Felde gezogen gegen die vielen Fehlinformationen heute, gegen die Manipulationen, gegen die Funktionalisierung von Menschen. Das alles sind in meinen Augen Anknüpfungspunkte, um zu sagen: Dieser Zeuge für die Wahrheit und Geradheit täte uns auch heute gut!

DOMRADIO.DE: Was wäre wohl seine Botschaft für Deutschland im Jahr 2026?

P. Kern: "Vergesst die christlichen Werte nicht und rückt sie mehr ins Zentrum. Kuscht auch nicht vor neuen Machthabern, die die Welt aufteilen wollen. Nehmt ruhig einen Rückgang des Wohlstands in Kauf, aber bleibt euren inneren Werten treu". Das würde er wahrscheinlich heute sagen. 

Unsere Politiker wirken ja wie aufgescheucht, wenn es wirtschaftlich einmal ein bisschen schlechter geht. Da hat Rupert Mayer ganz andere Zeiten erlebt; er hat immer wieder Leuten aus ärgster sozialer Not herausgeholfen. Er war de facto Sozialarbeiter, aber im Grunde vor allem Seelsorger. Es ging ihm um Gott, um Gott allein. Und das würde er heute, glaube ich, auch deutlich zur Sprache bringen.

Karl Kern auf die Frage hin, was Rupert Mayers Botschaft 2026 wäre

"Vergesst die christlichen Werte nicht und rückt sie mehr ins Zentrum."

DOMRADIO.DE: Ist Rupert Mayer, dieser Mann des 20. Jahrhunderts, ein guter Seliger auch fürs 21. Jahrhundert?

P. Kern: Er weist den Weg. Ich meine, die geschichtlichen Situationen damals und heute sind kaum vergleichbar. Dieser ideologische Kommunismus und Nationalsozialismus sind in dieser Weise heute Vergangenheit. Aber er hat schon in den 1920er Jahren gesagt: "Die Leute sind heute so unruhig, so nervös, so getrieben. Wir müssen ihnen deshalb mit Ruhe, mit Freundlichkeit, mit Liebenswürdigkeit begegnen." Das ist seine zeitlose Botschaft. Die große Zerrissenheit der Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg hat ihn sehr bewegt, so wie es die Unruhe und Angst in unserer Gesellschaft heute sicher auch tun würden. Da hätte er es sicher als sein Anliegen gesehen, für die Einheit der Gesellschaft zu arbeiten und ein klares Beispiel, wie er sich selbst ausdrückte, "der Liebenswürdigkeit des Christentums" zu geben.

Das Interview führte Hilde Regeniter. 

Quelle:
DR

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