Was Kardinal Zens Festnahme über Chinas Hongkong-Kurs sagt

"Die Meinung der internationalen Gemeinschaft ist egal"

Am 11. Mai wurde Kardinal Zen mit weiteren Demokratie-Aktivisten wegen Verstößen gegen das Sicherheitsgesetz festgenommen und auf Kaution wieder entlassen. Zen ist Kritiker des Abkommens zwischen China und dem Vatikan.

Die St. Teresa-Kirche in Kowloon Tong, Hongkong / © Jack Hong (shutterstock)
Die St. Teresa-Kirche in Kowloon Tong, Hongkong / © Jack Hong ( shutterstock )

Die Verhaftung des prominenten China-kritischen Unterstützers der Demokratiebewegung, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, hat Benedict Rogers letztlich nicht überrascht. "Den Chinesen und Hongkong ist die Meinung der internationalen Gemeinschaft egal.

Den Vatikan hat China schon genötigt, nach seinen Regeln zu spielen. Vielleicht haben sie auch geglaubt, durch den Krieg in der Ukraine werde die Verhaftung Zens keinen großen Wirbel verursachen", sagt der Gründer und Vorsitzende der Bürgerrechtsorganisation "Hong Kong Watch" telefonisch aus London der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA); Rogers darf schon seit Jahren nicht mehr nach Hongkong einreisen.

Joseph Kardinal Zen Ze-kiun / © China-Zentrum Sankt Augustin
Joseph Kardinal Zen Ze-kiun / © China-Zentrum Sankt Augustin

Echo auf Verhaftung Kardinal Zens

Das weltweite Echo auf die Verhaftung Zens aber war enorm. Die EU, die USA, Großbritannien wie auch internationale Menschenrechtsorganisationen verurteilten die Festnahme des 90-jährigen früheren Bischofs von Hongkong. Verwundert reagierten Katholiken in der Sonderverwaltungszone jedoch auf die zurückhaltende Erklärung des Vatikan, in der es lediglich hieß, man sei "besorgt" über die Verhaftung Zens.

Öffentlich sagt das in Hongkong aber niemand. Kritik an China und der Kommunistischen Partei bedeutet im einstmals liberalen Hongkong Verfolgung und Gefängnis.

Bedeutung für das Abkommen mit dem Vatikan

Ein katholischer Beobachter in Hongkong zeigte sich vor allem empört über die Erklärung von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, die Festnahme von Zen bringe das Abkommen zwischen dem Vatikan und Peking über Bischofsernennungen aus dem Jahr 2018 nicht in Gefahr.

Doch hoffe er, "dass Initiativen wie diese den ohnehin schon komplexen und nicht einfachen Weg des Dialogs zwischen dem Heiligen Stuhl und der Kirche in China nicht noch komplizierter machen", so Parolin. "Das Abkommen ist offenbar wichtiger als das Schicksal von Zen", kritisierte der Hongkonger.

Erfreut hingegen seien die Katholiken über die klaren Worte von Kardinal Charles Bo aus Myanmar zur Festnahme von "meinem Bruder und Salesianerkollegen" Zen. "Hongkong war eine der freiesten und offensten Städte Asiens. Heute ist es in einen Polizeistaat verwandelt worden. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und akademische Freiheit wurden allesamt demontiert", kritisierte Bo als Vorsitzender der Föderation asiatischer Bischofskonferenzen am vergangenen Wochenende.

Kommt ein härterer Kurs?

Die Festnahme Zens erfolgte nur drei Tage nach der Ernennung von John Lee zum neuen Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Der bisherige Sicherheitsminister setzte als Statthalter Pekings das Gesetz über die nationale Sicherheit von Ende Juni 2020 um. "Mit der Verhaftung Zens will Lee wohl zeigen, dass er einen noch härteren Kurs einschlagen wird", befürchtet Benedict Rogers.

Zahlen zu Religion und katholischer Kirche in China

Das kommunistisch regierte Riesenland China ist multireligiös. Laut dem China-Zentrum in Sankt Augustin bei Bonn sind seine fünf offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften der Buddhismus, Daoismus, Islam, Protestantismus und Katholizismus. Von den 1,4 Milliarden Chinesen sind rund 185 Millionen Buddhisten, etwa 23 Millionen zählen sich zum Islam, zum Protestantismus ca. 38 bis 60 Millionen; ca. 10 Millionen sind Katholiken. Die Zahl der Anhänger des Daoismus ist nicht feststellbar.

Zwei junge Männer, ein Seminarist und ein Sängerknabe, sitzen auf Stühlen während einer Messe am 13. Januar 2019 in der Kirche Xishiku in Peking. / © Gilles Sabrie (KNA)
Zwei junge Männer, ein Seminarist und ein Sängerknabe, sitzen auf Stühlen während einer Messe am 13. Januar 2019 in der Kirche Xishiku in Peking. / © Gilles Sabrie ( KNA )

Als erster katholischer Priester aus Hongkong seit dem Inkrafttreten des Sicherheitsgesetzes sprach Vincent Woo am 24. April in der Sendung "The World Over" des katholischen Mediennetzwerks EWTN darüber, wie die Kommunistische Partei Chinas ideologische Taktiken wie Umerziehung und Propaganda einsetze, um die Religionsfreiheit in Hongkong zu untergraben. Die Partei, so der Anwalt für Kirchenrecht, wolle jeden Aspekt der Gesellschaft, einschließlich der Religionen, kontrollieren.

Die Verhaftung eines protestantischen Pastors, der auf seinem YouTube-Kanal zu einer Mahnwache zum Gedenken an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking aufgerufen habe, zeige Priestern und Bischöfen in Hongkong, "dass es enorme Konsequenzen haben wird, wenn sie etwas gegen die Regierung predigen". Ein Interview lehnte der zur Arbeit an seiner Dissertation in Washington weilende Woo ab. "Wenden Sie sich an das Bistum Hongkong", sagte er nur.

Das Bistum hatte den Beitrag auf seine Webseite hochgeladen und nur 20 Minuten später wieder entfernt. Dafür dürfte Xi Baolong gesorgt haben, der als Parteisekretär der ostchinesischen Provinz Zhejiang Kreuze von Kirchendächern abreißen ließ, bevor er im Februar 2020 neuer Leiter der chinesischen Behörde für Hongkong und Macao wurde. Dem Vernehmen nach ist die Person, die das Video hochgeladen hat, kein Mitarbeiter des Bistums mehr.

Anpassung des Evangeliums an die staatliche Doktrin

Der Moderator Raymond Arroyo von "The World Over" würdigte Woo für dessen "mutige Worte" als Erbe Zens und des im Jahr 2000 gestorbenen Kardinals Ignatius Kung Pin-Mei. Der Bischof von Shanghai war 1955 wegen seiner Weigerung, sich der Kommunistischen Partei zu unterwerfen, unter Arrest gestellt und 1960 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zen war als junger Mann vor den Kommunisten aus Shanghai nach Hongkong geflohen, wo er zum Bischof aufstieg, sich einen Namen als unerschrockener Warner vor Chinas Kommunisten machte und als Philosophiedozent auch Woo prägte.

Bislang weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit hat China damit begonnen, seine Politik der Sinisierung, der chinesischen Durchprägung etwa der Religionen, auf Hongkong zu übertragen. Dazu hatte es Ende vergangenen Jahres ein erstes Treffen in Hongkong zwischen Geistlichen des Stadtstaates und einer Abordnung der staatlichen chinesischen "Katholisch-Patriotischen Vereinigung" gegeben. "Die Partei tut so, als sei Sinisierung lediglich Inkulturation", sagte Woo. "In Wirklichkeit geht es darum, das Evangelium und die christliche Lehre der sozialistischen Doktrin anzupassen und alles aus der Bibel zu löschen, was gegen die Parteilinie ist."

Benedict Rogers findet, die Festnahme Zens sollte den Vatikan dazu veranlassen, seine Chinapolitik zu überdenken. "Aber das wird mit den Leuten, die dort das Sagen haben, eher nicht passieren."

Autor/in:
Michael Lenz
Quelle:
KNA