Was kann kritische Berichterstattung über Kirche bewirken?

"Die Meinung des Volkes ist in der Kirche nicht wichtig"

Diesen Sonntag wird in Deutschland der von Papst Paul VI. eingeführte Welttag der sozialen Kommunikationsmittel begangen. Die Journalistin Christiane Florin sieht den medial-kritischen Blick auf die katholische Kirche zwiegespalten.

Holzkreuz auf einer Tastatur / © Tamisclao (shutterstock)
Holzkreuz auf einer Tastatur / © Tamisclao ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Hat sich die Kirche mit der Einführung des Welttages der sozialen Kommunikationsmittel einen Gefallen getan oder eher die "Büchse der Pandora" geöffnet?

Christiane Florin / © Antje Simon (Kösel Verlag)

Dr. Christiane Florin (Journalistin und Redakteurin der Redaktion "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk): Die katholische Kirche hat bekanntermaßen ein Problem mit dem freien Wort, mit der freien Debatte. Sie muss sich gefallen lassen, dass unabhängige Medien, unabhängige Journalistinnen und Journalisten recherchieren, informieren, berichten und dass das meiste, was zum Vorschein kommt, etwas ist, das für die Leitungsebene der Kirche unangenehm ist.

Ob sie die "Büchse der Pandora" geöffnet hat, weiß ich nicht. Meine Erfahrung mit dem Katholizismus ist, dass der alles schluckt, alles verdaut und alles verwurstet. Der macht auch aus seiner Kritik, aus seinen Kritikerinnen und Kritikern noch ein Geschäftsmodell.

DOMRADIO.DE: Also braucht die Kirche eine kritische publizistische Begleitung?

Florin: Ja. Publizistik und Journalismus haben unter anderem die Aufgabe der Machtkritik, der Kontrolle der Mächtigen und der Aufklärung. Das braucht selbstverständlich eine absolutistische Institution, wie die römisch-katholische Kirche eine ist, erst recht.

Man muss zum Beispiel den Unterschied zur Regierung, zum Bundestag, also zur politischen Szene sehen. Da gibt es immerhin die Opposition. Da gibt es in regelmäßigen Abständen Wahlen. Da können Leute abgewählt werden. Es gibt eine Legitimation von unten, um es politikwissenschaftlich auszudrücken.

Das gibt es in der römisch-katholischen Kirche nicht. Da kommt die Legitimation von oben. Deshalb müssen Medien auf jeden Fall mit der gebotenen Distanz darauf schauen.

DOMRADIO.DE: Dennoch kritisieren viele Kirchenmitglieder, habe sich bisher noch nicht so richtig viel verändert. Müsste noch härter, noch kritischer berichtet werden?

Florin: Nein. Ich finde diese Art von Kritik immer etwas naiv. Als könnte man in der Kirche durch Druck von den Medien etwas substanziell ändern. So etwas funktioniert in einem System, wo die Meinung des Volkes wichtig ist. Die Meinung des Volkes ist aber in der Kirche nicht wichtig. Diese römisch-katholische Kirche kann ja völlig ohne Volk funktionieren. Die kann auch nur mit Klerikern funktionieren.

Deshalb ist eine kritische Berichterstattung in dem Sinne für die katholische Kirche nicht so gefährlich, wie sie es für Politikerinnen und Politiker ist. Das hat man in Nordrhein-Westfalen bei der letzten Wahl gut sehen können. Da treten tatsächlich mal Ministerinnen aufgrund einer kritischen und investigativen Berichterstattung zurück.

In der römisch-katholischen Kirche kann man eigentlich weder durch Berichterstattung noch durch Kritik von unten, also durch kritische Anfragen vom Volk, die nicht immer medial vermittelt sein müssen, etwas verändern. Denn es ist ein "Ständesystem", in dem der "Klerikerstand", alles zu bestimmen hat. Und der ist eben nicht auf Wahlen oder auf Zustimmung angewiesen.

Natürlich ist es schöner, wenn man in einem vollen Dom steht, als wenn da nur noch drei Leute sitzen, das ist klar. Aber systemisch ist die Zustimmung nicht notwendig.

DOMRADIO.DE: Sie haben in den vergangenen Jahren vielfach zu Machtmissbrauch und dem Umgang der katholischen Kirche in Deutschland mit Fällen sexualisierter Gewalt recherchiert und sind dabei wahrscheinlich nicht nur einmal der katholischen Amtskirche in Deutschland auf die Füße getreten. Haben Sie dafür Anfeindungen erlebt?

Florin: Ich erlebe nicht erst seitdem Anfeindungen. Das weiß ich aber auch. Es gibt ein hass-katholisches Milieu, dessen Geschäftsmodell darin besteht, diejenige, die man nicht mag, als Person zu diffamieren und unmöglich zu machen, anstatt sich mit der Position auseinanderzusetzen. Aber ich habe natürlich gelernt, damit umzugehen.

Für mich stellt sich die Frage, ob das, was ich berichte, stimmt oder nicht stimmt. Die Anfeindungen muss man dann eben aushalten. Das zeigt für mich aber, wenn mich jemand als Person attackiert, hat derjenige oder diejenige inhaltlich überhaupt nichts vorzubringen.

DOMRADIO.DE: Trotz dieser Anfeindungen sind Sie seit einigen Jahren schon mit dabei und im Geschäft. Was treibt Sie ganz persönlich an?

Florin: Das ist mein Beruf. Ich hätte doch den völlig falschen Beruf, wenn es nicht mein Ehrgeiz wäre, aufzuklären, zu informieren, zu berichten, etwas ans Licht zu bringen, von dem Mächtige möchten, dass es nicht ans Licht gebracht wird.

Beim Thema sexualisierte Gewalt geht es um Gerechtigkeit. Es geht darum, dass die Menschen Gehör finden, die missbraucht worden sind und dass nicht die Leitungsebene der Kirche mit ihrem ganzen Macht- und PR-Apparat die Berichterstattung und das Meinungsbild dominiert. Es bleibt wichtig zu sagen, was Sache ist.

DOMRADIO.DE: Sie sind in einem katholischen Dorf im Rheinland aufgewachsen, haben eine katholische Mädchenschule besucht und waren Zeit ihres Lebens in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert. Warum sind Sie nach Ihrem Studium eigentlich nicht bei Radio Vatikan gelandet?

Florin: Ich wollte ursprünglich Politikjournalistin werden und bin auf verschlungenen Wegen Religionsjournalistin geworden. Da haben auch biografische Zufälle eine Rolle gespielt. Aber ich sehe mich als Journalistin. Ich sehe mich nicht als Verkündigerin der frohen Botschaft, sondern ich bin Journalistin.

Ich betrachte ja nicht nur die römisch-katholische Kirche, sondern auch Institutionen aus anderen Religionen, so wie Politikjournalistinnen- und Journalisten den Politikbetrieb betrachten. Ich war früher Feuilletonjournalistin und habe da das Kulturgeschehen beobachtet. Das ist mein Anspruch an mich selbst. Das hat mit Verkündigung überhaupt nichts zu tun.

Das Interview führte Moritz Dege.

Quelle:
DR