Was bedeutet der Austritt von Missbrauchsopfer Collins?

Rätselraten um Kinderschutzkommission

Mit null Toleranz gegenüber geistlichen Missbrauchstätern will der Vatikan verlorenes Vertrauen wiedergewinnen. Der Austritt von Marie Collins aus der zuständigen Vatikan-Kommission hinterlässt viele Fragezeichen.

Symbolbild Missbrauch in der Kirche / © Andreas Gebert (dpa)
Symbolbild Missbrauch in der Kirche / © Andreas Gebert ( dpa )

Aus Frust über angeblich mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Stellen hat die Irin Marie Collins in der Vorwoche ihren Austritt aus der päpstlichen Kinderschutzkommission erklärt. Die 70-Jährige, die mit 13 von einem Priester missbraucht worden war, bezog sich mit ihrer Kritik offensichtlich auf die Glaubenskongregation. Sie bemängelte unzureichende Offenheit und Sensibilität gegenüber Opfern, aber auch gegenüber ihrer Kommission. Der Vatikan habe nicht angemessen auf Schreiben und Anfragen von Missbrauchsopfern reagiert. Unklar ist, ob Collins' Austritt ihren völligen Bruch mit dem Vatikan bezeichnet oder eher als energischer Weckruf gemeint war.

Austrittsmotiv bleibt unklar

Die Irin selbst hat sich inzwischen in mehreren Interviews zu den Motiven ihres Rücktritts geäußert, ohne letztlich Klarheit zu schaffen. Es blieb offen, ob sie dem Vatikan eine aktive Blockadehaltung vorhalten wollte oder eher einen passiven Widerstand einzelner Mitarbeiter meint, ob sie prinzipielle Differenzen sah oder nur mancherorts mangelnde Sensibilität.

Collins signalisierte Bereitschaft, weiterhin mit der Kommission zusammenarbeiten zu wollen - was gegen einen klaren Schlussstrich spräche. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin äußerte die Vermutung, die Irin habe, bildlich gesprochen, "am Baum gerüttelt". Zugleich stellte er klar, dass die 2014 gegründete und vom Bostoner Kardinal Sean Patrick O'Malley geleitete Kommission keine Justizinstanz sei.

Sie habe die Aufgabe, "in der Kirche für ein Klima zu sorgen, in dem Kinder und Jugendliche verteidigt und geschützt werden und das zugleich verhindert, dass sich Missbrauchsfälle wiederholen".

Vatikan weist Vorwurf zurück

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, Leiter der Glaubenskongregation, betonte, seine Behörde sei im Vatikan für die Ahndung sexuellen Missbrauchs durch Priester zuständig. Sie habe die Aufgabe, einen kirchenrechtlichen Prozess zu führen. Briefe zu laufenden Verfahren zu beantworten, sei hingegen die seelsorgliche Aufgabe von Ortsbischöfen oder Ordensoberen, die den Opfern näher stünden.

Für einen engen Austausch mit der Kinderschutzkommission sorge die jüngste Berufung von O'Malley zum entscheidungs- und stimmberechtigten Mitglied der Glaubenskongregation. Collins' Vorwurf, die Kommission habe seit ihrer Gründung nichts bewegt oder erreicht, sei nicht korrekt, betont man im Vatikan.

Rätselraten geht weiter

Freilich kommt die Kontroverse - egal wie die künftige Zusammenarbeit mit Frau Collins aussieht - für den Vatikan zur Unzeit. Während die Kirche mit dem Null-Toleranz-Motto gegenüber Missbrauchstätern antritt, ist in Italien ein entsprechendes Urteil gegen einen Geistlichen aus Gründen der Barmherzigkeit abgemildert worden. Mauro Inzoli, der mehrere Jugendliche sexuell missbraucht hatte, war zunächst aus dem Priesterstand entlassen worden.

Inzoli ist lediglich zu Zurückgezogenheit verurteilt, darf keine öffentliche Messe feiern, muss sein Bistum verlassen, jedem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen fernbleiben und sich einer fünfjährigen Psychotherapie unterziehen. Hier scheint jedoch das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Akten seien "noch nicht geschlossen"; es gebe neue Elemente, sagte Kardinal Müller jetzt in einem Interview. Das Rätselraten darf also weitergehen.

Marie Collins und Kardinal Sean O'Malley / © Riccardo De Luca (dpa)
Marie Collins und Kardinal Sean O'Malley / © Riccardo De Luca ( dpa )
Autor/in:
Johannes Schidelko
Quelle:
KNA
Mehr zum Thema