Warum ein winziges Nest Magnet für Millionen wurde

Zwischen Prophezeiungen und politischen Erdbeben

Fatima in Portugal ist so etwas wie ein Schicksals- und Lieblingsort der Päpste. Franziskus kommt zum Weltjugendtag bereits zum zweiten Mal hierher. Der Grund liegt in dem, was drei Kinder vor über 100 Jahren sahen.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Die Originalstatue der Madonna von Fatima während eines Rosenkranzgebets mit Papst Franziskus am 12. Oktober 2013 auf dem Petersplatz. / © Cristian Gennari (KNA)
Die Originalstatue der Madonna von Fatima während eines Rosenkranzgebets mit Papst Franziskus am 12. Oktober 2013 auf dem Petersplatz. / © Cristian Gennari ( KNA )

Sie war keine zehn Jahre alt; dann holten sie im Februar 1920 die Spanische Grippe und eine folgende Bauchfellentzündung. Zehn Monate zuvor war schon ihr älterer Bruder Francisco gestorben, auch an der Grippe.

Die Geschwister Francisco und Jacinta Marto aus einem winzigen Nest im Westen Portugals sind heute Heilige der katholischen Kirche. Aber warum?

Bis zum Frühjahr 1917 war Fatima, gut 120 Kilometer nördlich von Lissabon gelegen, ein unbedeutendes Kaff. Das sollte sich in den folgenden Monaten gründlich ändern.

Muttergottes meldete sich in dramatischen Monaten zu Wort

Grund war eine besondere Besucherin: Maria, die Muttergottes. Es waren dramatische Monate, in denen sie sich damals, am 13. Mai 1917, zu Wort meldete: Russland befand sich zwischen Februar- und Oktoberrevolution; Portugal wurde gerade in den Ersten Weltkrieg verwickelt.

Das Land war in desaströsem Zustand. Ein republikanischer Putsch hatte 1910 die völlig entkräftete Monarchie gestürzt; der junge König Manuel II. floh ins Exil.

Im Fadenkreuz der Republikaner stand auch die Kirche, die über Jahrhunderte die feudalistischen Strukturen des Landes gestützt hatte.

Republikaner gingen gegen Strukturen der Kirche vor

Binnen kürzester Zeit wurden nun religiöse Orden verboten, Kirchengüter und Schulen verstaatlicht, widerständige Geistliche verhaftet.

Die neue Regierung schaffte den Religionsunterricht ab. In diesem militant antiklerikalen Kontext stehen auch die Marienerscheinungen von Fatima.

Banner mit den heiliggesprochenen Seherkindern Jacinta und Francisco Marto am 12. Mai 2017 an der Fassade der Basilika im Wallfahrtsort Fatima  / © Paul Haring/CNS photo (KNA)
Banner mit den heiliggesprochenen Seherkindern Jacinta und Francisco Marto am 12. Mai 2017 an der Fassade der Basilika im Wallfahrtsort Fatima / © Paul Haring/CNS photo ( KNA )

Drei Hirtenkinder zwischen sieben und zehn Jahren berichteten, ihnen sei im Cova da Iria (Tal des Friedens) am 13. Mai die Gottesmutter erschienen, über einer Steineiche und "strahlender als die Sonne".

Heute beten Pilger hier in Rosenkranz

Das Ereignis wiederholte sich im Monatsrhythmus über ein halbes Jahr.

An der Stelle der Eiche befindet sich heute die sogenannte Erscheinungskapelle, unscheinbar und etwas abseits zwischen den beiden großen Basiliken von Fatima gelegen.

Viele Pilger beten hier ihren sonoren Rosenkranz. Ein paar Meter dahinter tost eine im Sommer nur schwer erträgliche Hitze.

Zehntausende sahen ein Sonnenphänomen

Ruß und Qualm der blakenden Kerzen stehen für das, was Maria 1917 beständig von den kleinen Seherkindern einforderte: Buße für die Sünden der Menschheit.

Durch Mundpropaganda wurden die Kinder und der Ort berühmt. Am 13. Oktober 1917 kamen mehrere zehntausend Menschen und beobachteten ein unerklärliches Sonnenphänomen.

Danach hörten die Erscheinungen auf. Bei der dritten Erscheinung am 13. Juli sprach Maria nach Angaben der Kinder erstmals Prophezeiungen aus, die als "Geheimnisse von Fatima" bekannt wurden.

Papst Franziskus sprach Seherkinder am 100. Jahrestag heilig

Unter anderem sagte sie zweien von ihnen einen frühen Tod und dem dritten ein langes Leben voraus. Im Frühjahr 1919 wurde mit dem Bau einer Kapelle begonnen.

Papst Franziskus betet vor der Madonna von Fatima am 13. Mai 2017 in Fatima (Portugal). / © Osservatore Romano/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus betet vor der Madonna von Fatima am 13. Mai 2017 in Fatima (Portugal). / © Osservatore Romano/Romano Siciliani ( KNA )

Unmittelbar darauf starb erst Francisco, keine elf Jahre alt; und bald Jacinta, drei Wochen vor ihrem zehnten Geburtstag.

Papst Franziskus hat die beiden am 13. Mai 2017, dem 100. Jahrestag der ersten Erscheinung, vor Ort heiliggesprochen; seither können sie weltweit für ihr vorbildliches Leben verehrt werden.

Mit Johannes Paul II. saß ein Fatima-Mystiker auf dem Papstthron

So hielt sich etwa der Junge Francisco trotz Todesdrohungen an das ihm von Maria auferlegte Schweigegebot über die Offenbarungen.

Was den beiden Marto-Kindern an Lebenszeit auf der Erde fehlte, bekam die dritte Seherin, ihre Cousine Lucia dos Santos (1907-2005), dazu.

Sie lebte als Ordensfrau in Coimbra und starb im Februar 2005 mit fast 98 Jahren – nur wenige Wochen vor Johannes Paul II. (1978-2005), dem Fatima-Mystiker auf dem Papstthron.

Maria prophezeite den Hirtenkindern einen weiteren Weltkrieges

1953 wurde die von Maria geforderte Rosenkranz-Basilika mit ihrem Arkadengang geweiht; hier liegen alle drei Hirtenkinder begraben.

Laut einer 1941 verfassten Niederschrift von Schwester Lucia enthielt der erste Teil der "Geheimnisse von Fatima" die Vorhersage eines weiteren Weltkriegs.

Das zweite Geheimnis bestand darin, dass sich Russland nach einer Weihe an das "Unbefleckte Herz Mariens" bekehren werde.

Lucia und der Papst sahen Prophezeiung in Attentat verwirklicht

Für den dritten Teil der Weissagung verfügte Lucia, dass der Text nicht vor 1960 veröffentlicht werden dürfe.

Papstreise vom 12. bis 15. Mai 1982 nach Fatima. Gespräch zwischen der Seherin Lucia Santos und Papst Johannes Paul II am 13. Mai 1982 / © Ernst Herb (KNA)
Papstreise vom 12. bis 15. Mai 1982 nach Fatima. Gespräch zwischen der Seherin Lucia Santos und Papst Johannes Paul II am 13. Mai 1982 / © Ernst Herb ( KNA )

Tatsächlich publizierte erst Johannes Paul II. das "dritte Geheimnis" – zur Seligsprechung von Jacinta und Francisco am 13. Mai 2000.

Der Text enthält auch die Vision eines "Bischofs in Weiß", der von Schüssen getroffen zusammenbricht. Schwester Lucia und Johannes Paul II. sahen darin einen klaren Bezug auf das Papstattentat von 1981.

Anschlag erfolgte tatsächlich ausgerechnet am Fatima-Tag

Dass der Anschlag vom Petersplatz ausgerechnet am 13. Mai, dem Fatima-Tag, erfolgte, war ihnen kein Zufall. Bis zuletzt waren sie überzeugt, die Rettung des Papstes sei dem Beistand Marias zu verdanken.

Eine Kugel aus der Waffe des Attentäters Ali Agca ließ der Papst fortan in der Marienkrone von Fatima aufheben.

Die Erscheinungen von 1917 konnten Portugals stark bedrängtem Klerus als Hoffnungszeichen neuen Rückhalt in der Bevölkerung verschaffen.

50 Regierungen in 16 Jahren Republik bis Salazar

Politisch aber wurde die Lage des Landes immer schlechter.

Auf Drängen des traditionellen Verbündeten Großbritannien hatte sich Portugal 1917 in den Krieg hineinziehen lassen – und wurde vernichtend geschlagen; eine Hungersnot folgte.

In 16 Jahren Republik seit 1910 verschliss Portugal 50 Regierungen, bis 1926 das Militär putschte. Dessen Regime mündete in die über vier Jahrzehnte dauernde Diktatur unter Antonio Salazar.

Katholische Kirche in Portugal

Das traditionell katholisch geprägte Portugal hat in den vergangenen Jahren innerkirchlich an Bedeutung gewonnen. Papst Franziskus ernannte zuletzt den Lissaboner Weihbischof Americo Aguiar zum Kardinal, der auch für den Weltjugendtag zuständig ist.

Damit dürften bei einer kommenden Papstwahl bald vier Kardinäle aus Portugal mit abstimmen, allein zwei aus der Hauptstadt Lissabon.

Junge Menschen aus Portugal jubeln und schwenken portugiesische Fahnen / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Junge Menschen aus Portugal jubeln und schwenken portugiesische Fahnen / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
KNA