DOMRADIO.DE: Was fasziniert Sie denn an der Langsamkeit?
Georg Magirius (Theologe und Schriftsteller): Ich bin schon auch gerne schnell unterwegs, aber ich merke zum Beispiel im Zug, dass ich schnell ungeduldig werde. Wenn ich Fahrrad fahre, ist es schon viel besser. Da kann ich dann auch riechen und spüre den Wind. Noch besser ist es, wenn ich gehe. Dann ist es so, als würde die Welt mich entdecken. Vielleicht sehe ich auch viel genauer hin, weil ich sofort stehenbleiben kann. Wunderbar ist, wenn es eine Bank gibt. Das ist dann wie ein Genuss für mich.
DOMRADIO.DE: Jedes Jahr laufen Sie mit einer größeren Gruppe zu einem Ort. Wer bestimmt denn da, wie schnell beziehungsweise langsam man läuft?
Magirius: Ich gebe das Tempo vor und das ist gemächlich. Ich kann aber auch mit den Fingern pfeifen. Es ist schon mal jemand weit vorausgegangen, den ich davor warnen musste, in die falsche Richtung zu gehen. Aber wenn jemand vorgeht, warten sie normalerweise an der nächsten Weggabelung. Das Gruppentempo pendelt sich dann so langsam ein.
DOMRADIO.DE: Wie kommt denn das langsame Gehen bei Ihren Mitgehern an?
Magirius: Ich muss zugeben, dass am Anfang einige nervös sind und sagen: Jetzt muss es doch losgehen. Oder: Ich will jetzt unbedingt mal richtig gehen. Manche haben wiederum Bedenken, dass sie zu langsam sind, weil es eben doch eine richtige Wanderung ist. Dann ist es ideal, dass auf dem ersten Abschnitt geschwiegen wird. Da finden eigentlich alle in den Rhythmus hinein. Am Ende sagen manche sogar: Das war wie ein Tag Urlaub mitten in meiner Nachbarschaft!
DOMRADIO.DE: Welche Orte besuchen Sie denn? Sind die spektakulär?
Magirius: Das sind keine aufregenden Orte, an denen man unbedingt gewesen sein muss, aber schon schöne Orte, finde ich. Zum Beispiel gibt es mitten in der Stadt eine Glaskuppel. Anstatt immer nur nach vorne zu schauen, kann man dort auch mal nach oben schauen und so unterbrochen werden und Ruhe haben.
DOMRADIO.DE: Entsteht auch mal Langeweile beim langsam Gehen?
Magirius: Ich persönlich liebe die Abwechslung. Eine ganze Stunde lang immer geradeaus auf einem Forstweg, das deprimiert mich eher. Aber in einem guten Sinne. Genau so wie ein Teig oder ein Brot, das umso besser schmeckt, wenn man es länger backt, geht es mir auch. Wenn ich tatsächlich Langeweile habe, dann habe ich danach die besten Ideen und die Welt sieht für mich ganz anders aus.
DOMRADIO.DE: Wenn man zu mehreren unterwegs ist, entstehen natürlich auch Gespräche. Sie sind nicht die ganze Zeit schweigend unterwegs, oder?
Magirius: Es entstehen viele Gespräche und ich bekomme sehr viele Anregungen. Vermutlich macht es mir genau deswegen so viel Spaß, das Ganze zu veranstalten.
DOMRADIO.DE: Sie besuchen genau einen Ort pro Jahr. Dauert es Ihnen nicht zu lange, bis es wieder weitergeht?
Magirius: Eigentlich schon, aber das ist ja auch das Schöne bei dieser Langsamkeit: Die Vorfreude steigt umso mehr. Ich freue mich, dass ich mich jetzt ein Jahr lang darauf freuen kann. Manchmal möchte ich natürlich trotzdem sofort raus, dann gibt es zum Glück die Wiederholung. Also ich kann selber die Wege, die ich schon gegangen bin, wiederholen und andere ebenso.
Das Interview führte Dagmar Peters.