Katholische Johannes-Gemeinschaft distanziert sich von Gründer

Vorwurf des jahrelangen Missbrauchs von Ordensfrauen

Die katholische "Johannes-Gemeinschaft" in Frankreich hat sich laut der Zeitung "La Croix" von ihrem verstorbenen Gründer distanziert. Der französische Pater Marie-Dominique Philippe soll über Jahre Ordensfrauen sexuell missbraucht haben.

Der verstorbene Pater Marie-Dominique Philippe / © Jacques Cousin (KNA)
Der verstorbene Pater Marie-Dominique Philippe / © Jacques Cousin ( KNA )

Während ihres Generalkapitels beschloss die katholische "Johannes-Gemeinschaft" in Frankreich (Congregation Saint-Jean) eine Reform des Ordensstatuts, wie die Zeitung "La Croix" am Mittwoch berichtet. Sie distanzierte sich zudem von ihrem verstorbenen Gründer Pater Marie-Dominique Philippe (1912-2006), der über Jahre Ordensfrauen sexuell missbraucht haben soll.

"Wir wollen Pater Marie-Dominique Philippe nicht zur Referenz unserer Ausbildung machen (...). Wir können ihn nicht länger als Meister des spirituellen Lebens betrachten", heißt es in einer Erklärung des Ordens. Das Generalkapitel wurde als "wichtigstes" der Ordensgeschichte beschrieben.

Missbrauchsvorwürfe gegen 27 Brüder

Die Brüder vom Heiligen Johannes haben sich bereits im Generalkapitel im Mai mit Missbrauchsfällen in ihrem Orden sowie der Beziehung zu ihrem Gründer Marie-Dominique Philippe auseinandergesetzt. "Es war ein Schock, aber auch eine Zeit der Befreiung, Erleichterung, dass die Dinge gesagt und aufgeschrieben wurden", so der Generalprior Francois-Xavier Cazali.

Beim Generalkapitel war ein Missbrauchsbericht vorgestellt worden. Dieser enthielt 32 Beschwerden zu Taten an Erwachsenen, 86 Prozent bezogen sich auf Fälle vor 2013. Insgesamt 27 Brüder der Gemeinschaft sollen mutmaßliche Täter sein. "Wir waren getroffen vom Ausmaß des Phänomens und den spezifischen Aspekten", so Cazali. 80 Prozent der Missbrauchsfälle hätten im Rahmen einer geistlichen Begleitung stattgefunden.

Nun soll eine interdisziplinäre Kommission die Geschichte des Ordens historisch, theologisch und psychologisch aufarbeiten. Am Ende soll es zudem einen Sühnegottesdienst in Absprache mit den Opfern geben. Gegen mehrere Brüder der Gemeinschaft wurden zivile Strafverfahren angestrengt; zudem laufen in Rom etliche kirchenrechtliche Verfahren.

"Es war ein Schock, aber auch eine Befreiung"

"Was uns getroffen hat, sind die theologischen Rechtfertigungen, die die Täter konstruiert haben und manchmal auch an andere weitergaben", so Cazali. Manchmal habe die Beziehung zwischen dem Geistlichen und dem zu Begleitenden einer Freundschaft geglichen. Es sei das Bild geschaffen worden, dass eine innige Freundschaft auch Liebesgefühle impliziere. "Das war einer der problematischen Punkte in der Lehre von Pater Marie-Dominique Philippe", so der Generalprior.

Cazali sieht den Gründer des Ordens mit in der Verantwortung für die Missbrauchsfälle. "Tatsächlich gehen die Einflusslinien auf ihn zurück." Damit könne Philippe nicht als Vorbild für das christliche Leben gelten, so Cazali. Historisch sei unbestreitbar, dass er die Wurzel der Gemeinschaft sei. "Das Charisma einer Gemeinschaft darf jedoch nicht mit dem Leben des Gründers verwechselt werden", sagte der Geistliche.

Der 1975 gegründeten und 1986 kirchenrechtlich anerkannten Gemeinschaft wurde auch vorgeworfen, moralischen Druck auf Mitglieder ausgeübt zu haben. So sei Mitgliedern etwa der Kontakt zu ihren Eltern untersagt worden. Einige Zeit nach dem Tod des Gründers 2006 spaltete sich eine Schwesterngemeinschaft ab, die die neue, vom verantwortlichen Bischof ernannte Leitung ablehnte. Diese Splittergruppe der "Congregation Saint Jean" löste Papst Benedikt XVI. Anfang 2013 auf. Die Brüdergemeinschaft vom heiligen Johannes blieb jedoch bestehen.

Quelle:
KNA