Vor 75 Jahren: Zerstörung Guernicas im spanischen Bürgerkrieg

"Experiment des Schreckens"

Der Luftangriff auf das baskische Guernica am 26. April 1937 durch deutsche Kampfflugzeuge war der erste Verstoß der Luftwaffe gegen das Kriegsvölkerrecht. Die Absicht war, die Stadt zu vernichten - ein gemeinsam ausgeklügelter Schlachtplan der nazideutschen Legion Condor und dem Oberkommando Francos.

Autor/in:
Andreas Drouve
 (DR)

Der Tag des Unheils, an dem Guernica in Schutt und Asche fiel, begann als ganz normaler Tag. So normal, wie Tage und Alltag in Spaniens Bürgerkrieg sein konnten. Ein Jahr zuvor hatten ihn die Militärs entfacht und der Zweiten Republik ein Ende bereitet. Im Norden Spaniens, im Baskenland, hielten die Republikanhänger seither erfolgreich Stellung, während die von General Francisco Franco befehligten rechten Horden anrückten.



In ihrem Fadenkreuz lag vor allem die Industrie- und Hafenstadt Bilbao. 33 Kilometer nordöstlich davon spielte Guernica trotz eines Brückenübergangs und einer Waffenfabrik eine eher untergeordnete Rolle. Das Landstädtchen galt den Basken als heilige Stätte. Seit Jahrhunderten pflegten sich die Vertreter der Gemeindebezirke an einer großen Eiche zu versammeln, um Probleme zu debattieren und gemeinsam zu lösen.



"In Guernica leben die glücklichsten Menschen der Welt, und stets verhalten sie sich klug", urteilte Jean-Jacques Rousseau im 18.

Jahrhundert über diesen Mikrokosmos der Demokratie. Die wechselnden Landesherrn von Vizcaya, später selbst Könige, gelobten unter der Eiche, die altangestammten Sonderrechte zu achten.



Bombe um Bombe

Am 26. April 1937 war Markt in Guernica. Gegen vier Uhr nachmittags verdunkelten Flugzeuge den Himmel; dann ging Bombe um Bombe nieder, drei Stunden lang - weit mehr als nötig, um das vordergründig ausgegebene Ziel, die Flussbrücke, dem Erdboden gleichzumachen.



Die Zerstörung ihrer Heiligen Stadt traf die Basken ins Mark und war dazu gedacht, ihre Moral zu brechen, so der Historiker Walther Bernecker in seiner "Geschichte Spaniens". Doch nicht nur das. Dieses "Experiment des Schreckens", wie Winston Churchill es später nannte, diente gleichermaßen dazu, die Schlagkraft der deutschen Luftwaffe mit Blick auf kommende Pläne zu testen. Spanien als Übungsgelände der Barbarei.



Das Bombardement von Guernica ließ die Stadt in Ruinen und Feuer zurück. Tage später marschierten Francos Truppen ein. Vage Angaben zu den Todesopfern der Zivilbevölkerung schwanken zwischen 250 und 1.500.



International wäre das Blutbad allenfalls eine Randnotiz der Kriegsgeschichte geblieben, hätte nicht Spaniens Jahrhundertkünstler Pablo Picasso den Eindruck der Gräuel großformatig in Öl auf Leinwand gebannt. Auf knapp acht mal dreieinhalb Metern schuf er mit "Guernica" das vermutlich bekannteste Antikriegsgemälde der Welt. Es entstand nach einer Vielzahl von Einzelstudien und Entwurfskizzen zwischen Anfang Mai und Anfang Juni 1937; im selben Jahr war es auf der Pariser Weltausstellung zu sehen und ging danach auf Reisen rund um den Erdball.



Monumentalanklage gegen Gewalt

Heute Magnet im Madrider Kunstmuseum Reina Sofia, wühlt es als Monumentalanklage gegen Gewalt ungebrochen auf: ein Szenario des Schreckens, der Abscheu. Eine Mutter hält ihr totes Kind in Armen, ein Mann hebt seine Hände flehend gen Himmel, ein Pferd brüllt in Todesangst. Kampfhandlungen kommen nicht vor. Es gibt kein Soldatenheer, keine Bomben und keine Flugzeuge - doch gerade das Nicht-Abgebildete steigert die Intensität, verstärkt durch Picassos Farbgebung in Schwarz und Weiß und Grautönen. Das Leid ist erstarrt und gleichwohl gefüllt mit Dynamik. Die Bildsprache könnte radikaler kaum sein. Selten hat das Werk eines Malers eine vergleichbare Betroffenheit und Anteilnahme am Grauen erreicht.



Guernica selbst ist zu neuem Leben auferstanden. Auf Baskisch heißt sie Gernika und trägt den selbst gewählten Beinamen "Stadt des Friedens"; sie hat 16.000 Einwohner und pflegt eine Partnerschaft mit Pforzheim. Das örtliche "Friedensmuseum" hält die Erinnerung an die Tragik des April 1937 aufrecht. Wie Picassos "Guernica" transportiert die Friedensstadt einen stillen, dauerhaften Appell:

Nie mehr Krieg!