Vor 70 Jahren besuchte Hitler Rom und der Papst reiste ab

Oder doch gesprächsbereit?

Ein Historiker blickt zurück: Vor 70 Jahren - vom 3. bis 9. Mai 1938 - machte Adolf Hitler einen Staatsbesuch beim Bündnispartner Italien.

 (DR)

Papst Pius XI. verließ demonstrativ Rom. Aus Protest, wie lange angenommen? Oder war Pius am Ende doch gesprächsbereit? Über die Vorgänge von damals sprach die Katholische Nachrichten-Agentur in Rom mit dem Direktor der Kommission für Zeitgeschichte, dem Historiker Karl-Joseph Hummel.

KNA: Kurz vor der Ankunft Hitlers in Rom floh der Papst Anfang Mai 1938 nach Castelgandolfo - aus Protest, weil er nicht mit dem Diktator zusammentreffen wollte. Ist diese Deutung richtig?

Hummel: Im Osservatore Romano vom 2./3. Mai 1938 findet sich die Mitteilung, dass der Papst am Sonntagnachmittag, 1. Mai, Rom verlassen hat und nach Castelgandolfo gefahren ist. Eine offizielle Begründung für die Abreise gab es nicht, nur das Faktum. Bislang nahm man an, der Papst habe demonstrativ Rom verlassen, um eine Begegnung mit Adolf Hitler zu vermeiden. Zu einem vollständigen Bild gehören aber auch die Dokumente, die auf eine Gesprächsbereitschaft des Vatikan hindeuten. Allerdings gab es von deutscher Seite kein Ansuchen um eine Audienz bei Papst Pius XI.

KNA: Unter welchen Umständen wäre Pius XI. zu einem Treffen mit Hitler bereit gewesen?

Hummel: Die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Hitler-Regime waren nach der Veröffentlichung der Enzyklika "Mit brennender Sorge" 1937 und den sich anschließenden verschärften Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten sehr angespannt - und sie verschlechterten sich im Laufe des Jahres 1938 durch die Auseinandersetzungen über den Rassismus noch weiter. Insofern war es schwierig, überhaupt eine Gesprächsebene zu finden. Die Bereitschaft des Vatikan zu einem Gespräch mit Hitler setzte voraus, dass es vorab zu einem Abkommen über die Behandlung der Katholiken im Deutschen Reich gekommen wäre - wozu Hitler und das Auswärtige Amt aber nicht bereit waren.

Im Auswärtigen Amt selbst bemühte man sich, einen Besuch im Vatikan auf jeden Fall zu vermeiden. Fälschlicherweise befürchtete man dort, man könnte eine Einladung erhalten. Das hätte jedoch allen diplomatischen Gepflogenheiten widersprochen. Denn ein Staatsbesucher, der eine Papstaudienz bekommen wollte, musste seinerseits im Vatikan darum nachsuchen; der Vatikan selbst lud nicht dazu ein.

KNA: Es gibt die These, Pius XI. habe Rom gar nicht verlassen, sondern bis zuletzt auf eine Begegnung mit Hitler gewartet.

Hummel: Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass Pius XI. Rom nicht tatsächlich verlassen hätte. Wir wissen namentlich, wer ihn begleitet hat, wir kennen die Berichte über seine Ankunft in Castelgandolfo und über die Audienz, die er dort im Laufe der Woche abhielt. Die Verwirrung wurde durch eine Äußerung von Pater Robert Leiber gestiftet, den persönlichen Sekretär von Eugenio Pacelli, des späteren Papstes Pius XII. Der hatte 1954 gegenüber der deutschen Vatikanbotschaft erklärt, der Papst habe Rom in dieser Woche überhaupt nicht verlassen.

Wie diese Verwirrung zustande gekommen sein könnte, ist bislang nicht geklärt. Vielleicht liegt der Fehler auch bei der deutschen Botschaft, die dieses Gespräch mit Pater Leiber in einem Bericht an das Auswärtige Amt festgehalten hat. In seinen Veröffentlichungen hat Leiber jedenfalls das Gegenteil geschrieben. Tatsache ist, dass das Gesprächsangebot des Papstes an Hitler die ganze Woche über bestand. Pius XI. hatte zudem über Mittelsmänner wissen lassen, dass er gegebenenfalls zu einer Rückkehr aus Castelgandolfo nach Rom bereit wäre, wenn unter den vom Vatikan gestellten Bedingungen ein Gespräch mit Hitler zustande käme.

KNA: Wie war die Reaktion der deutschen Delegation und von Hitler auf die Abreise des Papstes?

Hummel: Es gibt in den Unterlagen keine direkte Reaktion des Führers auf die Unmöglichkeit, den Vatikan zu besuchen. Aber später findet sich bei einem der Wutanfälle Hitlers gegen die katholische Kirche die Bemerkung, es habe ihn besonders geärgert, dass er nicht die vatikanischen Museen besuchen konnte.

KNA: Hätte eine Begegnung des Papstes mit Hitler zu diesem Zeitpunkt irgendetwas bewirken können?

Hummel: In der aktuellen Situation, in der es vor allem um die rassistischen Gesetze in Italien und im Deutschen Reich ging, wäre eine Verständigung zwischen Papst und Hitler nicht möglich gewesen. Was grundsätzlich die Möglichkeit einer Verständigung betrifft: Die rechtliche Grundlage dafür bestand seit 1933 mit dem Reichskonkordat. Aber die Ereignisse seit 1933 hatten klar gezeigt, dass die Nationalsozialisten nicht bereit waren, dieses Abkommen auch nur annähernd einzuhalten. Nicht einmal die Minimalerwartung Pacellis bestätigte sich: nämlich, dass man das Konkordat in der Annahme geschlossen habe, die Nationalsozialisten würden es nicht einhalten - zugleich aber in der Hoffnung, dass sie wenigstens nicht alle Bestimmungen zur gleichen Zeit verletzten.

KNA: Hat der Vatikan ansonsten auf den Hitler-Besuch reagiert?

Hummel: Es gab einen diplomatischen Briefwechsel um die Beflaggung der Via Conciliazione. Der Vatikan empfand die Hakenkreuzfahnen in Sichtweite des Papstes als Provokation und als Verstoß gegen das Lateran-Abkommen. Genutzt hat es nichts. Allerdings ging Pius XI. bei der Audienz in Castelgandolfo - am Fest der Kreuzerhöhung - darauf ein: Es sei eine Zumutung, dass an diesem Tag in Rom andere Kreuze gezeigt würden als das christliche Kreuz.

Autor/in:
Johannes Schidelko