Vor 54 Jahren starb der "Volksheilige" Pater Pio

Allgegenwärtig und beliebt

Pater Pio ist der italienischste aller Heiligen. Auf der Appenin-Halbinsel allgegenwärtig, löst der Kapuziner im nördlichen Europa eher Stirnrunzeln aus. Vor 54 Jahren starb der Seelsorger, der zum Popstar wurde.

Eine große bronzene Statue von Pater Pio in seiner Heimatstadt San Giovanni Rotondo / © Antonino Condorelli (KNA)
Eine große bronzene Statue von Pater Pio in seiner Heimatstadt San Giovanni Rotondo / © Antonino Condorelli ( KNA )

Er klebt hinter Windschutzscheiben und wackelt als Plastikfigürchen auf dem Armaturenbrett wie sonst Elvis. Er hängt auch in Bars und Autowerkstätten - gerne mal neben Kalendern mit Pinup-Girls: Padre Pio.

Dabei liegt der Todestag von Italiens beliebtestem Heiligen bereits 54 Jahre zurück, er starb am 23. September 1968. Padre Pio, als Francesco Forgione 1887 im apulischen Städtchen Pietrelcina geboren, ist heute beliebter - zumindest bildlich präsenter - als der Nationalheilige Franz von Assisi, als Antonius von Padua oder Katharina von Siena.

Was macht ihn so beliebt?

Doch während die drei Letztgenannten auch im übrigen Europa, teils sogar weltweit, hoch angesehen sind, bleibt "Padre Pio" der italienischste aller Heiligen. Überall ist das Bildnis des grauhaarig bärtigen Kapuzinermönches zu sehen, auch in Kirchen sind massenhaft Kunstharzfiguren des Kapuzinermönchs zu finden. Die Bildnisse des 1999 Selig- und 2002 Heiliggesprochenen sind Ikonen wie andernorts Popstars.

Papst Franziskus betet am Leichnam von Pater Pio / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus betet am Leichnam von Pater Pio / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Als der Sarg mit dem einbalsamierten Leichnam Padre Pios von April 2008 bis September 2009 erstmals in der riesigen neuen Wallfahrtskirche von Star-Architekt Renzo Piano zu besichtigen war, verwandelten 8,6 Millionen Menschen San Giovanni Rotondo in einen der meistbesuchten Wallfahrtsorte der Welt.

Was macht ihn so beliebt? Für ältere Italiener ist Pater Pio noch Zeitgenosse, keine Gestalt des fernen Mittelalters wie Franz von Assisi. Jüngere kennen ihn als Heiligen des Medienzeitalters. Neben den ungezählten Fotos erzählen Radiomitschnitte und Fernsehaufnahmen seine Heiligenvita, mit "Padre Pio TV" gibt es einen eigenen Fernsehsender.

Vom "Morgen bis zum Abend" Beichte gehört

Padre Pio war ein Mann tiefer Frömmigkeit und Einfachheit; in einer Gesellschaft mit Hang zur "bella figura" fällt das auf. Zudem muss Pater Pio - ähnlich dem Pfarrer von Ars, dem französischen Priester Jean-Marie Vianney (1786-1859) - ein außergewöhnlicher Beichtvater gewesen sein. Er habe vom "Morgen bis zum Abend" die Beichte gehört, sagte Papst Paul VI. einmal.

Auslage eines Souvenirladens in San Giovanni Rotondo mit Statuen von Pater Pio, Magneten und weiteren Devotionalien. / © Antonino Condorelli (KNA)
Auslage eines Souvenirladens in San Giovanni Rotondo mit Statuen von Pater Pio, Magneten und weiteren Devotionalien. / © Antonino Condorelli ( KNA )

Hunderttausenden hat er Trost, Zuversicht und Hoffnung geschenkt. Zudem hatte Pater Pio offenbar die Gabe, ausweichend Beichtenden ihre nicht klar ausgesprochenen Sünden auf den Kopf zuzusagen. Das hinterlässt bleibenden Eindruck.

Pater Pios Beliebtheit und Aura beruhen aber auch auf den mysteriösen fünf Wundmalen Christi, die er am 20. September 1918 in Ekstase empfangen haben soll. Angeblich waren sie stets offen und blutig, weswegen er an den Händen Stulpen trug, damit die Leute nicht darauf starrten. Andererseits gibt es bis heute Stimmen, die sagen, der Pater habe mit Chemikalien nachgeholfen. Ihre immerwährende Frische verdankten die Wundmale der örtlichen Apotheke.

Kirchenobere blieben gegenüber dem Volksheiligen lange skeptisch

Eine vatikanische Untersuchung kam in den 1930er Jahren zu dem Ergebnis, die Wundmale seien ein Fall von Autosuggestion. In der offiziellen Biografie, die zu seiner Heiligsprechung im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, werden die Stigmata nicht ausdrücklich erwähnt. Überhaupt blieben die Kirchenoberen in Rom dem Volksheiligen aus dem Süden gegenüber lange sehr reserviert.

Pater Pio da Pietrelcina mit Stigmata (KNA)
Pater Pio da Pietrelcina mit Stigmata / ( KNA )

Johannes XXIII., selber Volks-Papst, soll gesagt haben, der Ordensmann richte eine "enorme Verwüstung der Seelen" an. Aber Angelo Roncalli stammte auch aus dem Norden. Schon in den 1930er und noch einmal den 1960er Jahren wurde Pater Pio gemaßregelt. Er sollte seine Auftritte, zu denen Tausende kamen, einschränken. Seiner Popularität tat das keinen Abbruch - im Gegenteil. Die Massen kamen - bis kurz vor seinem Tod am 23. September 1968.

Als Papst Franziskus Mitte März den Geburtsort und die Wirkungsstätte des Volksheiligen, besuchte, war das auch eine Reverenz an die vom argentinischen Papst selbst geschätzte Volksfrömmigkeit. Auch Johannes Paul II., der ihn selig- und heiligsprach, verehrte den Kapuziner. Als junger Priester schon hatte Karol Wojtyla den Seelsorger im Süden besucht, seine Predigten gehört und selbst bei ihm gebeichtet. Es heißt, der Wunderheilige aus San Giovanni Rotondo habe dem polnischen Priester damals prophezeit, er werde einmal Papst werden. Padre Pio fasziniert also nicht nur Italiener.

Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA