Vor 20 Jahren rehabilitierte Johannes Paul II. Galileo Galilei

"Tragisches gegenseitiges Unverständnis"

"Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen." Das sagte Galileo Galilei. Erst vor 20 Jahren, am 31. Oktober 1992, wurde der Naturwissenschaftler von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.

 (DR)

Galileo Galilei legte mit seinen Forschungen den Grundstein für die moderne Naturwissenschaft. Mit dem von ihm weiterentwickelten Fernrohr erkannte er, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie bis dahin angenommen. Indem er seine schriftlichen Arbeiten erstmals in der Volkssprache Italienisch veröffentlichte, ließ er die breite Bevölkerung an seinen Lehren teilhaben und regte so eine öffentliche Diskussion über Glaube und Wissenschaft an. Da er sich nicht an die Forderung der Kirche hielt, seine Erkenntnisse nur als Hypothesen zu vertreten, wurde er 1633 durch die Kirche verurteilt und unter Hausarrest gestellt. Seine Lehren musste er widerrufen. Das Thema Galilei lag Papst Johannes Paul II. sichtlich am Herzen. Nur ein Jahr nach seiner Wahl, 1979, beauftragte er die Akademie der Wissenschaften in Rom damit, den Fall Galilei aufzuarbeiten. Dazu gründete er eine Kommission, bestehend aus Mathematikern, Physikern, Theologen, Philosophen und Historikern, die die vergangenen Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten sollten. Nach 13 Jahren Forschungsarbeit legte diese im Herbst 1992 den Abschlussbericht der Untersuchungen vor. Die Übergabe nutzte der Papst zu einer viel beachteten Rede vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. In gutem Glauben Die Verurteilung Galileis bezeichnete Johannes Paul II. darin als ein "tragisches gegenseitiges Unverständnis". Die Kirche habe sich geirrt, als sie am 22. Juni 1633 Galileo aufgrund seiner Lehre, die Erde drehe sich um die Sonne, verurteilte. Aber sie habe es in gutem Glauben getan: "Manche, die den Glauben verteidigen wollten, dachten, man müsse ernsthaft begründete historische Schlussfolgerungen abweisen", so der Papst. In der Folgezeit habe sich dadurch der Eindruck verfestigt, die Kirche würde jeglichen wissenschaftlichen Fortschritt ablehnen. Aus diesem Grund war es Johannes Paul II. ein Anliegen, das "Misstrauen [zu] beseitigen, dass dieses Ereignis noch immer bei vielen gegen eine fruchtbare Zusammenarbeit von Glaube und Wissenschaft, von Kirche und Welt hervorruft". Gleichzeitig wies der Papst aber auch darauf hin, dass Galilei eine Mitschuld an seiner Verurteilung trug, weil er sich weigerte, seine wissenschaftlichen Theorien, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewiesen waren, nur als "wissenschaftliche Hypothesen" zu vertreten. Die Rede des Papstes sowie die anschließende formelle Rehabilitierung Galileis am 2. November 1992 gelten bis heute als Meilenstein im Verhältnis von Kirche und Wissenschaft. Erstmals hatte ein Papst in dieser Deutlichkeit betont, dass Glaube und Vernunft nicht als Gegensatz zu verstehen sind, sondern Überschneidungspunkte bieten. Auch Papst Benedikt XVI. hat sich im Laufe seines Pontifikats mehrfach mit dem Verhältnis von Glaube und Vernunft befasst, nicht zuletzt in seiner berühmt gewordenen Regensburger Rede. 2009 schließlich, am 445. Geburtstag, würdigte der Vatikan Galileo Galilei sogar mit einer großen Messe. In seiner Predigt sagte der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Erzbischof Gianfranco Ravasi, Galilei habe Grenzen überschritten und neues Wissen erschlossen. Damit sei er für nachfolgende Wissenschaftlergenerationen ein Bindeglied zwischen Glauben und Wissenschaft.

Autor/in:
Marita Wagner und Andreas Laska