Von Wallfahrten, Wein und dem heiligen Köln

"Vollgestopft mit Reliquien"

Der Kölner Dom feiert mit der Domwallfahrt auch das 700-jährige Bestehen seines Hochchors. Im Interview verrät der Historiker Carl Dietmar, warum die Domstadt damals als heilig bezeichnet wurde und man mehr Wein als Wasser trank.

 © Alexander Foxius (DR)
© Alexander Foxius ( DR )

DOMRADIO.DE: Als der Chor geweiht wurde, war der Dom schon längst eines der großen Pilgerziele Europas. Was ist den Pilgern bei ihrer Ankunft in Köln als erstes ins Auge gefallen? 

Dr. Carl Dietmar (Historiker und Journalist): Also, in erster Linie natürlich die Vielzahl von Kirchen, Klöstern und Kapellen. Der Dom war ja nur eine von den vielen Stiftskirchen. Aber wenn man sich der Stadt angenähert hat -also per Landweg oder auf dem Schiff- konnte man schon die Türme dieser vielen Kirchen sehen, die geradezu vollgestopft waren mit Reliquien. Und das war ja auch der Grund, weshalb Köln als christliche Metropole das "helliche Kölle" (heilige Köln) genannt wurde. 

Dr. Carl Dietmar, Historiker und Journalist

"Wenn man sich der Stadt angenähert hat konnte man schon die Türme dieser vielen Kirchen sehen, die geradezu vollgestopft waren mit Reliquien."

DOMRADIO.DE: Köln scheint eine sehr fromme Stadt gewesen zu sein. Wie heilig war sie wirklich? 

Dietmar: Ja, sie wurde nicht heilig genannt wegen der Heiligkeit der Bewohner, sondern tatsächlich wegen des Besitzes unglaublich vieler Reliquien. Und die bedeutendste Reliquie war natürlich die der Heiligen Drei Könige, die ja im zwölften Jahrhundert nach Köln überführt worden sind. Das war das Hauptpilgerziel im 14. Jahrhundert – der Zeit, in der auch die deutschen Könige jeweils nach ihrer Krönung in Aachen, den Weg nach Köln gesucht und dann als allererstes am Dreikönigenschrein gebetet haben. 

Die Salomonseite des Dreikönigenschreins: unten mit Propheten und König Salomo (Mitte), oben mit sechs Apostel und einem Seraph. Foto: Matz und Schenk, Dombauhütte. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Salomonseite des Dreikönigenschreins: unten mit Propheten und König Salomo (Mitte), oben mit sechs Apostel und einem Seraph. Foto: Matz und Schenk, Dombauhütte. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Wie sah es denn in den Straßen aus, durch die die Pilger auf der Suche nach einer Herberge gegangen sind? 

Dietmar: Da muss man natürlich sagen, das die Straßen in dieser Zeit – es gab ja noch keine Straßenreinigung oder Bauplanung – sehr eng bebaut waren. Der am häufigsten anzutreffende Haustyp war das Reihenhaus. Die Häuser wurden sehr eng aneinander gebaut und die Fronten waren sehr schmal. Und zwischen den einzelnen Häusern gab es unbebaute Gänge. Da ging es darum, Abflussrinnen für den Regen zu schaffen. Die Straßen waren durchweg ungepflastert. Das heißt auch, dass man bei Regenwetter nur schwer vorankam. Und da die meisten Familien zur Selbstversorgung auch Schweine besaßen, trugen die zu Dreck und Gestank bei, denn die liefen auf den Straßen herum.

Dr. Carl Dietmar, Historiker und Journalist

"Die römische Wasserleitung war längst verfallen und das Rheinwasser konnte wegen der schlechten Qualität nicht genutzt werden."

Mangelhaft war auch die Wasserversorgung. Die römische Wasserleitung war längst verfallen und das Rheinwasser konnte wegen der schlechten Qualität nicht genutzt werden. So hat man sich mit Ziehbrunnen, sogenannten Pützen, beholfen – die aber wiederum oft in der Nähe von Latrinen, teilweise auch in der Nähe von Pfarrfriedhöfen – angelegt worden waren. Deren Wasserqualität war daher auch, sagen wir, grenzwertig. Das war einer der Gründe, warum in Köln so viel Wein und Bier getrunken wurde. Es war sozusagen noch das Gesündeste, was man trinken konnte. 

DOMRADIO.DE Waren denn alle Pilger bei den Kölnern willkommen? 

Dietmar: Ja, vor allen Dingen in späterer Zeit, da gab es mit Aachen und Trier auch bestimmte Wallfahrtszyklen. Da hat man in Köln für die einzelnen Pilger aus verschiedenen Ländern sogar Herbergen eingerichtet. Es gab zum Beispiel eine Herberge für die Ungarn. Vor allem ungarische Pilger waren im 14. und 15. Jahrhundert sehr zahlreich in Köln. Diese wollten sich sozusagen bei der Heiligen Ursula "entschuldigen", die von den Hunnen getötet worden war. Die Ungarn fühlten sich als Nachkommen der Hunnen. 

Die Heilige Ursula und ihre Gefährtinnen, dargestellt auf einem Gemälde von Niccolo di Pietro / © Everett - Art (shutterstock)
Die Heilige Ursula und ihre Gefährtinnen, dargestellt auf einem Gemälde von Niccolo di Pietro / © Everett - Art ( shutterstock )

Dr. Carl Dietmar, Historiker und Journalist

"Vor allem ungarische Pilger waren im 14. und 15. Jahrhundert sehr zahlreich in Köln. Diese wollten sich sozusagen bei der Heiligen Ursula 'entschuldigen.'"

DOMRADIO.DE Morgen werden Sie in einem Vortrag im Domforum ausführlich über das "heilige Köln" zu Anfang des 14. Jahrhunderts sprechen. Wie werden Sie dieses Thema den Gästen vor Augen führen? 

Dietmar: Zum einen mit einer Powerpoint-Präsentation. Und dann werde ich die verschiedenen Lebensbereiche in der Art eines Spaziergangs durch die Stadt vorführen. Man kommt mit dem Schiff am Hafen an, dort wo die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten stattfanden, man geht dann durch eines der Rheintore in die Stadt, betrachtet die Häuser, die Kirchen und natürlich auch den Dom. Da gibt es ein sehr schönes Zitat von Francesco Petrarca, der 1333 in Köln war und auch sehr angetan war von dem gerade fertig gestellten und geweihten Chor. Da sagt er dann zum Beispiel: "Welch' ein Stadtbild, welche Würde bei den Männern, welche Anmut bei den Frauen! Ich habe auch den Dom gesehen, inmitten der Stadt, ein herrliches Bauwerk, auch wenn es noch nicht vollendet ist." Petraca hat diesen gerade fertig gestellten Hochchor gesehen und konnte nicht ahnen, dass es dann noch 550 Jahre dauern würde, bis die Kathedrale vollendet sein sollte. 

Das Interview führte Katharina Geiger. 

Umfassendes Programm zum Domjubiläum

Der Kölner Dom feiert vom 15. August bis zum 27. September 2022 den 700. Jahrestag der Weihe des gotischen Hochchores mit zahlreichen Veranstaltungen, Konzerten und Gottesdiensten.

Die traditionelle Dreikönigswallfahrt wird auf zehn Tage verlängert und findet vom 18. bis 27. September statt. Sie beschließt damit das Jubiläum. Informationen und kostenlose Zugangstickets gibt es unter www.koelner-dom.de

Blick in den Hochchor des Kölner Domes / © Boecker
Blick in den Hochchor des Kölner Domes / © Boecker
Quelle:
DR
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