Vom Brief an Ex-Schüler bis zum Runden Tisch

Chronologie

Seit Januar erschüttert die Aufdeckung zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen die katholische Kirche. Im Zuge der Berichterstattung wurden auch Missbrauchsfälle in anderen Einrichtungen wie etwa der Odenwaldschule bekannt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht jedoch weiterhin die katholische Kirche. Im Folgenden eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse.

 (DR)

20. Januar: Der Rektor des Berliner Canisiuskollegs, Pater Klaus Mertes, gibt in einem Brief an rund 500 ehemalige Schüler zu, dass es zwischen 1975 und 1983 mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs an dem Jesuiten-Gymnasium gab. Damit stößt Mertes die bundesweite Debatte über Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an. 28. Januar: Die «Berliner Morgenpost» berichtet über den Mertes-Brief. Am Nachmittag tritt der Schulleiter vor die Presse und gibt zudem bekannt, dass die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, zur Ermittlung weiterer Fälle und als Ansprechpartnerin für Opfer eingesetzt wurde.1. Februar: Der Jesuitenorden berichtet von 25 Opfern, die sich gemeldet haben. Sexuellen Missbrauch gab es am Canisiuskolleg, am Jesuitenkolleg in St. Blasien im Schwarzwald und an der ehemaligen Jesuitenschule St. Ansgar in Hamburg. Später werden auch Fälle am Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten bekannt.7. Februar: Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» veröffentlicht eine Umfrage unter den 27 deutschen Bistümern. Danach stehen aktuell mindestens zehn Kirchendiener unter Missbrauchsverdacht. Seit 1995 hätten mindestens 94 Kleriker und Laien in der katholischen Kirche mutmaßlich Kinder missbraucht.8. Februar: Papst Benedikt XVI. verurteilt die Taten. Vertreter der Kirche hätten gegen die Rechte von Kindern verstoßen: «Die Kirche wird auch künftig nicht versäumen, ein solches Verhalten zu verurteilen.»9. Februar: Der Leiter des Bonner Aloisiuskollegs, Pater Theo Schneider, tritt wegen der Missbrauchsfälle an seiner Schule von seinem Amt zurück. Gegen Schneider werden Vorwürfe der Mitwisserschaft erhoben.18. Februar: Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Raue, legt in Berlin ihren Zwischenbericht vor. Sie spricht von mindestens 115 Missbrauchsopfern an deutschen Schulen des Jesuitenordens sowie weiteren Fällen an anderen katholischen Schulen.22. Februar: Die katholische Deutsche Bischofskonferenz kommt zu ihrer Frühjahrsvollversammlung in Freiburg zusammen. Der Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch, entschuldigt sich zum Auftakt der Versammlung bei den Missbrauchsopfern. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert von der katholischen Kirche eine lückenlose Aufklärung aller Missbrauchsverdachtsfälle an katholischen Einrichtungen und eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft.23. Februar: Erzbischof Zollitsch stellt Leutheusser-Schnarrenberger ein 24-Stunden-Ultimatum, um ihre Vorwürfe zurückzunehmen. Die «Süddeutsche Zeitung» macht öffentlich, dass es auch am katholischen Klosterinternat Ettal in Bayern sexuellen Missbrauch gab. Der Abt des Klosters, Barnabas Bögle, und der Prior Pater Maurus Kraß treten daraufhin zurück.24. Februar: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stärkt den katholischen Bischöfen öffentlich den Rücken.25. Februar: Die Bischofskonferenz setzt den Bischof von Trier, Stephan Ackermann, als Beauftragten für das Thema Missbrauch ein. Außerdem sollen die kirchlichen Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch überarbeitet werden.5. März: Das Bistum Regensburg bestätigt zwei Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs aus den 60er Jahren in den Reihen der «Regensburger Domspatzen». Wenige Tage später distanziert sich der ehemalige Regensburger Domkapellmeister und Bruder von Papst Benedikt XVI., Georg Ratzinger (86), von früheren Prügel-Praktiken in der Internatsvorschule der «Regensburger Domspatzen». 12. März: Erzbischof Zollitsch unterrichtet in Rom den Papst über die Missbrauchsfälle. Benedikt XVI. reagiert mit großer Betroffenheit. Der Missbrauchsskandal erreicht unterdessen den Papst selbst. Das Erzbischöfliche Ordinariat in München bestätigt Berichte, wonach in der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. als Erzbischof von München und Freising ein wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteter Priester in der Gemeindearbeit der Diözese eingesetzt wurde.17. März: Bundeskanzlerin Merkel schaltet sich selbst in die Debatte ein. Im Bundestag spricht sie von einer «Bewährungsprobe für die ganze Gesellschaft» und von Wiedergutmachung für die Opfer.20. März: In einem Hirtenbrief an die irischen Katholiken äußert Papst Benedikt XVI. sein tiefes Bedauern über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch irische Geistliche: «Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen.»24. März: Das Bundeskabinett beruft die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) als Missbrauchsbeauftragte und beschließt die Einsetzung eines Runden Tisches. Er soll am 23. April erstmals tagen.30. März: Die katholische Kirche schaltet eine bundesweite kostenlose Telefon-Hotline für die Opfer sexuellen Missbrauchs unter der Nummer 0800 - 120 1000. Zudem hat die Deutsche Bischofskonferenz ein ergänzendes Internetangebot aufgebaut. 4. April: Beim traditionellen Ostersegen «Urbi et Orbi» schweigt Papst Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal.9. April: Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Bergmann, nimmt ihre Arbeit auf.12. April: Der Vatikan veröffentlicht erstmals seine 2001 verabschiedeten päpstlichen Richtlinien zum Umgang mit Pädophilie. In besonders gravierenden Fällen von sexuellem Missbrauch können Priester in den Laienstand zurückversetzt werden. Der externe Sonderermittler für die Klosterschule Ettal legt seinen Abschlussbericht vor, wonach weit mehr als 100 Schüler von rund 15 Patres über mehr als 20 Jahre hinweg misshandelt und sexuell missbraucht wurden.15. April: Erzbischof Zollitsch und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger vereinbaren bei einem Gespräch in Berlin eine engere Zusammenarbeit von Kirche und staatlichen Stellen.23. April: Der Runde Tisch der Bundesregierung soll zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen.