Schräge Heilige und ihre Geschichten

Vom "Appel-Jupp" bis zur "Heiligen Kümmernis"

Die Heilige Ursula und ihre Gefährtinnen sind durchaus bekannt. Die "Mäuseheilige" oder der "Appel-Jupp" eher weniger. Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti hat sich auf heilige Spuren in Köln begeben und dabei schräge Typen entdeckt.

Heiligenfigur Ursula am Kölner Dom / © Benedikt Plesker (KNA)
Heiligenfigur Ursula am Kölner Dom / © Benedikt Plesker ( KNA )

DOMRADIO.DE: Jerusalem, Rom, Konstantinopel und Köln das waren die vier heiligen Städten der Christenheit im Mittelalter. Und was war dabei das heilige Köln?

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Brauchtumsforscher und Buchautor): Das waren die Heiligen, deren Reliquien dort aufbewahrt wurden. Denn die Heiligen waren Garanten gegen bestimmte Übel. Man rief sie als Patrone an. Und je mehr Patrone man versammelt hatte, desto mehr Schutz hatte man gegen die bösen Mächte.

DOMRADIO.DE: Sie selbst haben sich außerdem mit den Heiligen in Köln beschäftigt - unter anderem in einem Buch, das genauso heißt "Heilige in Köln". Das bedeutet aber nicht, dass die Heiligen alle aus Köln kamen?

Becker-Huberti: Nein, viele Heilige sind in Form von Reliquien nach Köln gekommen, weil man sie dort brauchte. Reliquien sind notwendig, wenn man irgendwo eine Kirche baut. Dann wird der Altar immer über Reliquien errichtet. Notfalls legt man Reliquien in den Altar ein. In Gegenden, wo es nicht so viele Märtyrer oder Heilige gab, musste man sie dann importieren. Man hat darauf geachtet, dass man möglichst viele und unterschiedliche Reliquien bekam, weil man dann die Hilfe auf sehr vielen unterschiedlichen Feldern erreichen konnte.

DOMRADIO.DE: Die berühmtesten in Köln sind sicherlich die Heiligen Drei Könige. Sie sprechen in dem Buch aber auch noch von Heiligen, die ein bisschen schräg sind - also anders waren. Was war denn anders an denen?

Becker-Huberti: Zunächst einmal ist das Schräge gar nicht das Falsche. Denn wir reden ja auch heute noch, wenn wir irgendetwas Besonderes hervorheben, von Alleinstellungsmerkmalen. Es geht also um etwas, was sich eben von anderen unterscheidet. Und dementsprechend brauchte man so etwas auch bei den Heiligen.

DOMRADIO.DE: Haben Sie da ein Beispiel?

Becker-Huberti: Die Heilige Ursula und ihre Gefährtinnen sind natürlich etwas völlig anderes, als die Gertrud von Nivelles, die Mäuseheilige. Das ist eine Heilige, die lieb und brav im Kloster gelebt hat, während Ursula - der Legende nach - mit einer Schar von auserwählten Frauen eine Wallfahrt unternahm. Das war im Mittelalter ein Unding und für Frauen eine grauenerregende Vorstellung. Aber: Bei dieser Wallfahrt haben sie ihre Furcht besiegt und die Frauen konnten sich ihr anvertrauen. Sie hat sie quasi unter ihren Schutzmantel genommen - so wie Maria

DOMRADIO.DE: Sie sprachen gerade von der Mäuseheiligen. Sie war nicht die einzige mit Tiernähe. Es gab auch Ludger, den Gänse-Patron. Das hört sich für mich wie Sankt Martin an?

Becker-Huberti: Beide haben bemerkt, dass man die Zucht für Essens-Reserven nutzen kann. In den Zeiten, wo man mit Überfällen rechnen musste, hatte er die Idee gehabt, Gänse zu züchten. Bei Martin ist das insofern etwas anders. Die Gänse waren schon vor Martin da. Zu der Zeit wurde mit Gänsen etwa Pacht bezahlt. Wenn man eine Wiese oder ein Stück Feld gemietet hatte, da musste man im Winter mit den Gänsen bezahlen. Also das kann ganz unterschiedlich sein.

DOMRADIO.DE: Den "Appel-Jupp" habe ich auch noch gefunden. Wer ist das und was kann er?

Becker-Huberti: Der Hermann Josef war der Sohn armer Leute in Köln, der auf seinem Weg zur Schule oft an Maria im Kapitol in Köln Halt machte und seinen Apfel der Jungfrau Maria, die dort als Figur stand, reichte. Der Legende nach hat Maria den Apfel angenommen und an das Jesuskind weitergereicht.

Das sieht für heutige Leute eher komisch aus. Eine schöne fromme Geschichte. Aber der Sinn, der dahinter steckt, ist ein anderer. Die Maria ist die neue Eva. Und die alte Eva hat die Schuld in die Welt gebracht, indem sie einen Apfel vom Baum der Erkenntnis herunter genommen hat und rein gebissen hat. Dieser Apfel ist in den Händen der Eva das Symbol für die Erbschuld und in den Händen der Maria für die Befreiung von der Schuld.

Der Hermann-Josef ist derjenige, der sie um diese Erlösung bittet, das heißt, den Apfel an das Jesuskind weiterzugeben.

Diese Symbolik ist bis heute lebendig und modern. Wir wissen es nur nicht mehr. Der Christbaum, den wir aufstellen und die Kugeln, die wir an diesem Baum aufhängen, symbolisieren die Früchte am Baum der Erkenntnis.

DOMRADIO.DE: Und nun noch zu einer Frau, die uns Katholiken so niemand zutrauen würde: die Heilige Kümmernis. Kommt da all unser Kummer her?

Becker-Huberti: Ja. Das hat etwas mit unserem Kummer zu tun. Die heilige Kümmernis ist die erste Frauenheilige überhaupt. Eine Heilige, die die Leute angerufen haben und angefleht haben - speziell die Frauen. Aber sie ist eine hübsche Erfindung. Das wissen wir heute.

Holländische Wallfahrer sind im Dom von Lucca auf ihrer Wallfahrt nach Rom vor dem Kruzifix dort stehengeblieben, welches sie nicht verstanden. Ein romanisches Kreuz, an dem ein Jesus mit entblößter Brust und Krone auf dem Kopf davorsteht. Sie hielten das für eine Frau. Dementsprechend haben sie dann eine Legende dazu gestrickt, die daraus bestand, anzunehmen, das sei die Tochter eines heidnischen Königs, die Christin geworden sei und deshalb ans Kreuz geschlagen wurde. Diese alte Legende, die die Friesen da erfunden haben, hat sich dann mit einer sogenannten vagabundierenden Legende, einem Legendenteil, der mit verschiedenen anderen Legenden zusammenkommt, verknüpft. Nämlich, dass der König seine Tochter verurteilt habe, so zu sterben wie ihr Idol, wie Christus am Kreuz.

Als sie dann an diesem Kreuz hing, kam ein Spielmann vorbei. Er konnte ihr nicht anders helfen, als Musik zu machen und spielte ihr auf seiner Fidel vor. Aber eine Königstochter darf keine Geschenke annehmen ohne sich zu revanchieren. Das ist nun etwas schwierig, wenn man am Kreuz herumhängt. Aber das Einzige, was sie noch konnte, war, ihren Fuß zu bewegen. So warf sie ihm einen goldenen Pantoffel zu. Der Spielmann hat den Pantoffel genommen und hat sich gefreut. Er dachte, eine Übernachtung und ein Abendessen fallen da mindestens ab. Aber er wurde im nächsten Ort sofort verhaftet, weil er die Königstochter angeblich bestohlen habe. Er wurde zum Tod verurteilt. Als er dann hingerichtet werden sollte, bat er auf dem Weg zur Hinrichtung, an der Heiligen Kümmernis noch einmal vorbeigeführt zu werden. Er wolle ihr noch einmal aufspielen. Man sagte ihn, es habe keinen Sinn, diese sei längst tot, was soll das? "Ich möchte es trotzdem tun", erklärte der Spielmann. Man führte ihn hin und er spielte und die Heilige Kümmernis wurde lebendig und warf ihm ihren linken Pantoffel auch noch zu. Was dem guten Spielmann dann das Leben rettete.

Auf die Art und Weise macht diese Heilige, die übrigens die meisten Namen hat, da sie auch Caritas, Wilgefortis oder Virgofortis heißt, klar: Es gibt keine Situation, in der man nicht doch noch irgendetwas Gutes und Angenehmes tun kann, was für andere zumindest angenehmer ist als für einen selber.

Diese Legende meinte man ausgemerzt zu haben. Aber man kann feststellen, dass sie bis in die modernen Popsongs nach wie vor vorkommt. Dort gibt es die Geschichte, die gesungen wird. Es gibt weiter Kunstausstellungen, wo solche Figuren der Heiligen Kümmernis dargestellt werden. Was einmal so tief im Volksbewusstsein saß, das lässt sich so ohne weiteres dann durch Aufklärung nicht ausradieren.

DOMRADIO.DE: Was würden Sie denn sagen: Durften Heilige früher schräger, anders sein als heute? Würden Heilige mit so ungewöhnlichem Verhalten oder solche Gestalten heute überhaupt noch in den Stand der Heiligkeit erhoben?

Becker-Huberti: Ich glaube, sie hätten es sehr schwer, dahin zu kommen. Aber man kann die Frage natürlich auch umkehren. Sind wir nicht eigentlich schräger als es die Heiligen früher waren?

Im Grunde genommen machen wir es heute so, dass wir die alten Traditionen kappen, statt sie anzupassen und da verschwinden viele Dinge auf Nimmerwiedersehen.

Nehmen Sie mal den Namenstag. Wer feiert heute noch Namenstag? Wo ist das geblieben? Oder wenn wir die Namen für Kinder aussuchen, die geboren werden: sind das noch die Heiligen? Oder sind das einfach Namen, die gerade hip und modern sind und gut klingen. Mit der Schrägheit ist es also so eine Sache. Schräg sind nicht nur die Heiligen, sondern auch wir.

DOMRADIO.DE: Würden Sie denn sagen, dass die Heiligen heute für die Menschen weniger Bedeutung haben?

Becker-Huberti: Ich habe den Eindruck, dass das mit den Heiligen ziemlich zurückgeht. Es ist die ältere Generation, die damit noch etwas anfangen kann und die damit auch noch lebt. Aber viele Dinge sind dabei zu verschwinden. Schauen Sie mal, in welchen Autos noch der heilige Christophorus auftaucht und wo der noch eine Rolle spielt.

DOMRADIO.DE: Haben Sie einen Lieblingsheiligen?

Becker-Huberti: Ja. Ich hab ein Lieblingsheiligen. Das ist der heilige Petrus. Nicht nur weil er Stellvertreter war. Das konnte anderen auch passieren. Sondern weil er einer war, der nicht makellos war. Der fallen konnte und wieder aufstand. Der sich hat ermahnen lassen und packen lassen. Das ist etwas, was mir an ihm gefällt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Manfred Becker-Huberti / © Harald Oppitz (KNA)
Manfred Becker-Huberti / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR