Recherche zum Umgang von US-Orden mit Missbrauchspriestern

Vertuschen und versetzen

Laut einer aktuellen Medien-Recherche sollen die Salesianer in Kalifornien sexuelle Übergriffe gedeckt und Priester einfach versetzt haben - ausgerechnet der dem Kinderschutz verschriebene Orden. Nun droht eine Klagewelle.

Junge am Fenster / © Ramesh Amruth (epd)
Junge am Fenster / © Ramesh Amruth ( epd )

Joey Piscitelli hat einen schlimmen Verdacht. Er sei damals der Kleinste gewesen, erinnert sich der ehemalige Schüler der "Salesian High School" in Richmond im US-Bundesstaat Kalifornien.

Vermutlich muss das Pater Stephen Whelan besonders gereizt haben. Bis heute kann sich Piscitelli kaum anders vorstellen, warum ihm der stellvertretende Schulleiter schon in den ersten Tagen eine "Vorzugsbehandlung" zukommen ließ.

Seine Tortur begann im Freizeitraum beim Billardspiel mit dem Pater. Während er mit dem Queue versuchte, Kugeln zu versenken, saß Whelan auf dem Stuhl und befriedigte sich, so Piscitelli. Ein anderes Mal schleppte ihn Whelan in einen Raum und vergewaltigte ihn. Um sein Trauma zu verarbeiten, zeichnete der Junge Bilder, die seine Leiden darstellten.

Versetzung statt Strafverfolgung

Nur ein Schicksal von vielen, das CNN in einer einjährigen Recherche über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Salesianer-Priester in Kalifornien zutage gefördert hat. Die Ergebnisse sind so eindeutig wie erschütternd. Entweder setzte der Orden die Opfer unter Druck zu schweigen. Oder die Täter erhielten kurzfristig Stellen an anderen Don-Bosco-Schulen.

Der ehemalige Prieser Patrick Wall kennt das Muster "Versetzung statt Strafverfolgung" nur zu gut aus seiner Praxis als Berater für die Kanzlei "Jeff Anderson and Associates", die rund 200 Missbrauchsopfer vertritt. "Wir haben es täglich mit Fällen zu tun, wo Priester einfach versetzt worden sind." Zu dem Muster der Vertuschung gehört für ihn auch die systematische Verheimlichung der Taten vor staatlichen Behörden und den zuständigen Diözesen.

Die Enthüllungen über die Salesianer sind besonders schockierend, weil sich die seit 1859 bestehende Bruderschaft dem Schutz armer und gefährdeter Kinder verschrieben hat. Mit ihrer pädagogischen Präventivarbeit gelten sie als Pioniere der Jugendhilfe des 19. Jahrhunderts. Wohlgemerkt handelt es sich bei den Tätern solcher Missbrauchsfälle um einen Bruchteil der 15.000 Mitglieder, die in Einrichtungen in mehr als 130 Ländern aktiv sind.

Sie genießen innerhalb der Hierarchie der Kirche ein hohes Maß an Autonomie und gelten als verschwiegen. Ohne Gerichtsbeschluss, so Opfer-Berater Wall, sei von dem Orden wenig an Informationen zu erhalten. Dass die Salesianer mehr Mitgefühl für einen angeklagten Priester aufbrächten als für sein Opfer, sei dagegen ein "allen Ordensgemeinschaften gemeinsames Verhalten", so der frühere Seelsorger.

Klagesummen steigen in schwindelerregende Höhen

Den Salesianerorden könnten die Missbrauchsfälle noch teuer zu stehen kommen. Nach Veröffentlichung des Grand-Jury-Berichts von Pennsylvania im Sommer, der 300 Priester des Missbrauchs und über 1.000 Kinder als Opfer dokumentierte, steigen die Klagesummen in schwindelerregende Höhe.

Nach einer Recherche der Associated Press könnten die Entschädigungsforderungen bis zu sechs Milliarden Dollar ausmachen. Allein in den bevölkerungsreichen US-Bundesstaaten New York und Kalifornien rechnen Experten mit Tausenden Klagen.

Dass diese erst jetzt eröffnet werden, hängt damit zusammen, dass zahlreiche Bundesstaaten die Zeitfenster für Klagen geöffnet haben. In Kalifornien etwa haben potenzielle Kläger ab 2020 drei Jahre Zeit, vor Gericht zu ziehen. Als Konsequenz bleibt vielen Diözesen nur der Konkurs. 20 Bistümer mussten diesen Schritt schon gehen, das nächste könnte die Diözese Buffalo sein.

Auch an den Salesianern wird der Kelch nicht vorübergehen. Ob sie die finanziellen Lasten wegstecken können, hängt von der Zahl der Klagen ab. Einen Vorgeschmack erhielten die Salesianer von Los Angeles 2008, als sie knapp 20 Millionen Dollar an 17 Missbrauchsopfer zahlen mussten.

Auch Piscitelli war vor Gericht gezogen. 2006 gewann er eine Zivilklage über 600.000 Dollar Schmerzensgeld. Doch mit Geld allein ist es für ihn nicht getan. Ihn lässt ein Bild seiner kirchlichen Hochzeit nicht los. Auf der Aufnahme ist ein weiterer überführter mutmaßlicher Missbrauchspriester zu sehen, der sich nie dafür verantworten musste. "Ein Albtraum mehr," klagt Piscitelli, "für den die Salesianer verantwortlich sind."

Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA