Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen

Missbrauchsprozess gegen Kardinal Pell

Nach nur fünf Minuten war der erste Gerichtstermin im Missbrauchsverfahren gegen Kardinal George Pell vor dem Amtsgericht in Melbourne vorbei. Pell war persönlich zum Prozessbeginn erschienen. Sein Anwalt plädierte auf unschuldig. 

Kardinal George Pell / © Gregorio Borgia (dpa)
Kardinal George Pell / © Gregorio Borgia ( dpa )

"Kardinal Pell wird zu allen Anklagepunkten auf nicht schuldig plädieren", sagte Rechtsanwalt Robert Richter laut australischen Medienberichten. Pell (76) selbst äußerte sich nicht. Einzelheiten der Anklage sind noch nicht öffentlich bekannt. Ihm wird zwar vorgeworfen, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben, dies wäre rechtlich indes kaum zu ahnden. Aber auch der Vorwurf, Pell habe sich in der Vergangenheit selbst an Minderjährigen vergriffen, steht im Raum.

Formale Verfahrensfragen beim ersten Gerichtstermin 

Bei dem Termin am Mittwoch ging es zunächst lediglich darum, formale Verfahrensfragen zu klären und Termine für den Fortgang des Prozesses gegen den Finanzminister des Vatikan festzulegen. Das Gericht setzte der Staatsanwaltschaft den 8. September als Frist zur Einreichung ihrer Anklagebegründung gegen Pell.

Am 6. Oktober soll dann vor dem Amtsgericht der Fall in einem Vorverfahren aufgerufen werden. An diesem Termin entscheidet das Gericht auf Grundlage der von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise, ob und wann es in der Vorverhandlung zu einer Anhörung kommen wird. Erst in dieser "committal hearing" genannten Anhörung, deren Termin noch nicht feststeht, fällt dann die Entscheidung über die Eröffnung eines Hauptverfahrens.

Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen

Eine Hauptverhandlung gegen Pell würde dann entweder vor dem übergeordneten Bezirksbericht oder vor dem Obersten Gerichtshof des australischen Bundesstaates Victoria stattfinden, dessen Hauptstadt Melbourne ist. Der "Fall Pell" könnte sich also über Jahre hinziehen und zu einem medialen, kirchenpolitischen und juristischen Dauerbrenner werden.

Papst Franziskus hat Kardinal Pell für die Prozessdauer von seinen Aufgaben als Finanzminister des Vatikan freigestellt. Pell, in der Hierarchie des Heiligen Stuhls bisher die Nummer Drei, ist der bislang hochrangigste Kirchenvertreter, der sich vor einem Gericht wegen Missbrauchsvorwürfen verantworten muss. In Erinnerung ist lediglich der skandalumwitterte Schauprozess 1949 gegen den ungarischen Kardinal Jozsef Mindszenty, der von einem Volksgericht wegen "Umsturzes, Spionage und Devisenvergehen" zu einer lebenslangen Haft verurteilt wurde.

Weiteres Missbrauchs-Verfahren in Australien

In Australien ist noch ein weiteres Verfahren gegen einen hochrangigen Kirchenvertreter anhängig. Dem Erzbischof von Adelaide, Philip Wilson, wird vorgeworfen, Missbrauchsfälle nicht bei der Polizei angezeigt zu haben.

Ende Juni hatte die Polizei von Melbourne bekanntgegeben, ein Ermittlungsverfahren gegen Pell wegen des sexuellen Missbrauchs von Jungen einzuleiten. Dabei gehe es um länger zurückliegende Missbrauchsvorwürfe. Der Kardinal war bereits im Oktober 2016 in Rom von australischen Polizisten zu den Missbrauchsvorwürfen verhört worden. Zwei über 40 Jahre alte Männer beschuldigen ihn, sie in den 1970er Jahren in einem Schwimmbad in Ballarat sexuell belästigt zu haben.

Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe

2002 war Pell von einer Untersuchungskommission der Erzdiözese Melbourne aus Mangel an Beweisen von einem Missbrauchsvorwurf freigesprochen worden. Ein Mann hatte Pell beschuldigt, ihn als Zwölfjährigen in einem Jugendlager sexuell missbraucht zu haben.

Kardinal Pell sieht sich auch mit Vertuschungsvorwürfen konfrontiert.

Er soll als Priester in Ballarat (1976-80) und später als Erzbischof von Melbourne (1996-2001) an der Verheimlichung von Missbrauchsfällen beteiligt gewesen sein. Vor der staatlichen Missbrauchskommission hatte er das stets energisch zurückgewiesen.

Die Missbrauchsvorwürfe sind besonders heikel, weil Pell eingeräumt hatte, dass Australiens katholische Kirche den Missbrauch von Kindern lange Jahre heruntergespielt habe. Als Erzbischof von Melbourne hatte Pell zudem erste Standards für den Umgang mit Missbrauchsfällen gesetzt.

Polizeischutz für Kurienkardinal George Pell / © Joe Castro (dpa)
Polizeischutz für Kurienkardinal George Pell / © Joe Castro ( dpa )
Autor/in:
Michael Lenz
Quelle:
KNA