Becciu bittet Kardinal Pell in offenem Brief um Zurückhaltung

"Unbegründete Anschuldigungen"

Der frühere Kurienkardinal Giovanni Angelo Becciu bittet seinen Widersacher Kardinal George Pell um mehr öffentliche Zurückhaltung. Er müsse als Unschuldiger seine ganze Energie in den Prozess und seine Verteidigung stecken, so Becciu.

Erzbischof Angelo Becciu (l.) neben Papst Franziskus / © Cristian Gennari/Agenzia Romano Siciliani (KNA)
Erzbischof Angelo Becciu (l.) neben Papst Franziskus / © Cristian Gennari/Agenzia Romano Siciliani ( KNA )

In einem über seinen Anwalt veröffentlichten Brief, aus dem zahlreiche Medien (Donnerstag) zitieren, fordert Becciu den Australier Pell auf, "unbegründete Anschuldigungen" gegen ihn vor allem in seiner schwierigen Lage als Angeklagter im vatikanischen Finanzprozess fallenzulassen.

Dabei geht der Italiener auch auf die persönliche Erfahrung von Pell ein. Dieser war wegen Missbrauchsvorwürfen 2019 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Nach 404 Tagen im Gefängnis wurde der ehemalige Vatikan-Finanzchef im vergangenen Jahr vom höchsten Gericht Australiens aus Mangel an Beweisen freigesprochen. So schreibt Becciu: "Sie, mehr als jeder andere, wissen und kennen den Schmerz über falsche Anschuldigungen und das Leid eines Unschuldigen".

Den geeigneten Moment abwarten

Die Vorwürfe des australischen Kardinals in verschiedenen Medien seien Angriffe gegen seine Person, Würde und seine langjährige Tätigkeit im Dienst des Heiligen Stuhls und es falle ihm nicht leicht, sich in einem solchen offenen Brief an ihn zu wenden, so Becciu weiter.

Zugleich erklärt der ehemalige Kardinal, dass er unter anderem aus der nötigen Verschwiegenheit heraus, nicht auf die vielen Fragen und Anschuldigen im Detail eingehen könne. Er werde hierfür den geeigneten Moment im Prozess gegen ihn abwarten und dort "die absolute Haltlosigkeit der gegen ihn erhobenen Vorwürfe" belegen.

Pell hatte erst vergangenen Woche mit neuen Vorwürfe gegen Becciu für Schlagzeilen gesorgt. So warf er dem früheren Kurienkardinal indirekt vor, für fragwürdige Überweisungen des Vatikan nach Australien 2017 verantwortlich gewesen zu sein. "Ich habe eine Frage an Kardinal Becciu: Wird er uns sagen, wofür das Geld bestimmt war?", so Pell.

Langjährige Rivalität

Konkret soll es um 2,3 Millionen Australische Dollar (rund 1,5 Millionen Euro) gehen. Pell will durch Aufzeichnungen aus dem aktuellen Vatikan-Finanzprozess von den angeblichen Geldtransfers erfahren haben. Sie fielen demnach genau in die Zeit, als er sich wegen Missbrauchsvorwürfen vor der australischen Justiz verantworten musste.

Nach Aussagen des Hauptzeugen aus dem Finanzprozess, Alberto Perlasca, sei das Geld an die Australische Bischofskonferenz geflossen. "Das ist garantiert falsch", versicherte Pell. Er habe nachgefragt: Dort sei nichts angekommen.

In dem laufenden Verfahren vor dem Strafgericht des Vatikan geht es unter anderem um verlustreiche Investitionen des Staatssekretariates. Zu den Angeklagten zählt auch Becciu, von 2011 bis 2018 Substitut des Staatssekretariats und damit eine Art Stabschef der kirchlichen Leitungszentrale.

Becciu (73) verbindet eine jahrelange Rivalität mit Pell (80), der sich einst als Präfekt des 2014 errichteten Wirtschaftssekretariates um eine stärkere Finanzkontrolle bemühte.

Quelle:
KNA