Bistümer wollen ihren Immobilienbestand senken

Umnutzung oder Abriss?

Kirchen werden leerer, Pfarrheime sind oft nicht ausgelastet. Zugleich belastet der Unterhalt der Gebäude die Kirchenkassen. Katholische Bistümer streben einen Abbau von Immobilien in den Pfarreien an.

Symbolbild Kirchengebäude / © Nattapat.J (shutterstock)
Symbolbild Kirchengebäude / © Nattapat.J ( shutterstock )

Das Immobilienangebot soll Investoren locken: Satte 6.700 Quadratmeter umfasst das angepriesene Grundstück in Gelsenkirchen-Erle. Der Stadtteil hat einiges zu bieten: Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, mehrere Parks, ein "Sportparadies" und vor allem Fußnähe zum Schalke-Stadion. Ob Käufer zuschlagen, hängt aber davon ab, wie sie die anderen, durchaus speziellen Konditionen bewerten: Das Areal ist bebaut - mit einem Gemeindeheim, einem Pfarrhaus und einer Kirche.

Die Expertise findet sich nicht auf einem der üblichen Portale, sondern ist über die Website immobilienangebote.bistum-essen.de abrufbar. Die 42 Pfarreien der Diözese müssen sich in den kommenden Jahren von Gebäuden trennen. Wegen rückläufiger Katholikenzahlen und sinkender Kirchensteuer. Insgesamt stehen rund 270 Projekte an - einige davon finden sich auf dem diözesanen Online-Angebot.

Ruhrbistum prüft bis 2030 Immobiliennutzung

Auch viele andere Diözesen in Deutschland sehen sich vor derselben Aufgabe. Denn Kirchen werden immer leerer und Pfarrheime sind selten ausgelastet. Bundesweit nimmt das Ruhrbistum bei dem Thema aber eine Vorreiterrolle ein. Denn es gründete eine Arbeitsstelle, die Pfarreien hilft, überzählige Gotteshäuser, Kitas und Gemeindehäuser professionell umzunutzen. Das Team "Immobilienraum" mit acht Mitarbeitenden stellt auch die Exposes ins Netz.

Das erst 1958 gegründete Ruhrbistum ist besonders mit dem Problem konfrontiert. Denn der sehr ambitionierte Gründerbischof Franz Hengsbach (1910-1991) löste einen Bauboom aus, damit jeder Katholik auf dem "Pantoffelweg" seine Kirche erreichen konnte. Nun, in der Phase sinkender Mitgliederzahlen, löst die üppige Gebäudeausstattung Handlungsdruck aus. Der aktuelle Bischof Franz-Josef Overbeck ließ die Pfarreien Pläne erarbeiten, wie sie bis 2030 ihre Seelsorge gestalten - mit genauen Berechnungen, welche Immobilien sie finanziell halten können und wollen und welche nicht. Ein Fazit: 84 Kirchen will das Bistum langfristig weiter unterhalten - für rund 160 braucht es früher oder später eine neue Verwendung. Und auch manches Nebengebäude steht zur Disposition; mitunter soll aber ein Pfarrheim oder -haus in einem Stadtteil bewusst als letzter Ort der Kirche bestehen bleiben.

Unterschiedliche Herangehensweisen bei Prüfung

Die anderen 26 Bistümer in Deutschland haben mehr oder weniger ausgefeilte Ideen zur Gebäudereduktion. Mainz und Hildesheim wollen ihren Bestand in diesem Jahrzehnt halbieren. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer rief die Pfarreien auf, bis 2023 zu klären, welche Gebäude sie künftig brauchen.

Das Erzbistum Paderborn entwickelte eine Dreistufen-Strategie, um von seinen 3.000 Bauten runterzukommen. Los geht's im kommenden Juli. Zunächst werden alle Pfarreien auf Stufe eins gestellt mit der eher theoretischen Annahme, dass es genügend Mittel für alle vorhandenen Bauten gibt. Das werde aber selten zutreffen. Womit Stufe 2 relevant wird: Zur Anpassung des Immobilienbestandes erarbeiten Experten des Erzbistums mit der Kirche vor Ort ein Konzept. In einer dritten Stufe könne eine Schwerpunktbildung erfolgen, bei der auch in Gebäude neu investiert werden kann.

Im Erzbistum Hamburg sollen bis Ende 2022 alle rund 800 Immobilien unterteilt werden: In dauerhaft finanzierbare Primär- und in abstoßbare Sekundärimmobilien. Erzbischof Stefan Heße plädiert für eine ökumenische Gebäudenutzung, zumal die evangelischen Landeskirchen vor ähnlichen Problemen stehen. In der Erzdiözese Bamberg, die den Bauetat bereits um 20 Prozent gekürzt hat, sollen bis 2025 Konzepte für die 3.200 Objekte stehen.

Sanierungspläne in Aachen und Berlin bereits beschlossen

Das Bistum Aachen verweist darauf, dass es schon von 2011 bis 2016 in seinen 71 Gemeindeverbünden einen Beratungsprozess angestoßen hat, wie sich rund 30 Prozent der Gebäude reduzieren lassen. Vom Bistum nicht mehr geförderte Immobilien können aber weiter genutzt werden, wenn Eigenmittel, ein Förderverein oder eine Stiftung bereitstehen.

Das Erzbistum Berlin hat ebenfalls vor Jahren - im Sanierungsplan 2003 - eine Gebäudereduzierung beschlossen, und zwar um ein Viertel. Das Ziel sei aber nicht erreicht, hieß es. Ein Zeitplan mit Blick auf die rund 500 Gebäude existiere nicht.

Der Diözese Rottenburg-Stuttgart, deren Kirchengemeinden 5.531 Gebäude halten, geht es "um eine klare Standortentwicklung und aktuell weniger um den Verkauf des Gebäudebestandes". Bis Ende 2023 gilt ein Baumoratorium für Gemeindehäuser aus den Jahren 1969 bis 1990. Denn die meist großen sowie energetisch veralteten Gebäude ließen sich nicht mehr einfach sanieren. Geprüft werde auch ein (Teil)Neubau - zwecks CO2-Reduzierung.

Viele Bistümer ohne konkrete Vorgaben

Andere Bistümer machen keine zeitlichen Vorgaben, darunter das Erzbistum Köln. Bei den rund 4.600 Immobilien sei ein schrittweiser Abbau zu erwarten, entsprechend den finanziellen Möglichkeiten. Auch im Bistum Münster gibt es keine generelle Vorgabe für die rund 2.800 Pfarrgebäude. Nach vollzogenen Fusionen unterscheidet die Diözese zwischen Pfarr- und Filialkirchen. Die finanzielle Unterstützung einer Pfarrei werde nicht selten an die Auflage geknüpft, "perspektivisch eine Filialkirche zu profanieren".

Im Erzbistum Freiburg steht zunächst ab 2025 eine Strukturreform mit der Bildung von 39 Pfarreien an; erst dann könne es um eine Immobilienreduktion gehen. Das Erzbistum München-Freising berät beim laufenden Gesamtstrategieprozess "Wirkung entfalten + Kirche gestalten" auch über bessere Nutzungen von Bauten. Keine feste Zielgrößen gibt es in den Bistümern Eichstätt, Görlitz, Osnabrück, Passau, Speyer, Trier und Würzburg. Teils werden aber Gebäudeanalysen oder Konzepte erarbeitet.

Ruhrbistum untestützt Pfarreien bei Prozess

Die Aufgabe und mitunter der Abriss von Kirchen und Pfarrheimen tut generell weh. "Man denkt neu über etwas nach, das über viele Jahre oder Jahrzehnte identitätsstiftend war", bekundet die Paderborner Diözesanbaumeisterin Carmen Matery-Meding Verständnis dafür. Auch das Ruhrbistum ist sich dessen bewusst. Deshalb setzt es auf größtmögliche Autonomie der Pfarrebene, wenn neue Eigentümer und eine andere Kirchennutzung zu finden sind.

Pfarreien können dort zwischen drei Unterstützungsformen wählen: Sie ziehen selbst die Fäden und lassen sich punktuell vom Team Immobilienraum helfen, etwa bei der Rücksprache mit dem Denkmalschutz oder einer Gutachtersuche. Möglich ist aber auch eine "kooperative Standortentwicklung" - mit gemeinsam erstelltem Projektplan und klar verteilten Rollen. Oder aber eine Pfarrei überlässt dem Bistum alles in Form einer "stellvertretenden Standortentwicklung".

"Trotz transparentem Prozess - wir stoßen immer wieder auf Abwehrhaltungen bei Gemeindemitgliedern", räumt der Leiter des Dezernats Kirchengemeinden, Marcus Klefken, ein. Emotionen kochten selbst dann hoch, wenn Investoren die gewohnte Sichtachse oder die historische Fassade einer Kirche erhalten und nur im Innenraum eine Bäckerei, ein Altenheim oder Wohnungen einbauen. "Wir brauchen sehr viel Kreativität", so der Experte.

Das gilt auch für das Ensemble in Gelsenkirchen-Erle. Bis sich für solche Projekte ein Käufer findet, kann es drei bis fünf Jahre dauern. Eine Hürde ist, dass der Kitabetrieb ohne Unterbrechung weitergehen soll. Trotzdem haben laut Klefken schon viele potenzielle Investoren Interesse gezeigt - ein Abschluss steht aber noch aus.

Autor/in:
Andreas Otto
Quelle:
KNA