Über Leid in den Sozialen Medien

"Die Menschen suchen Ersatz für Trauerrituale"

Leid ist den Medien allgegenwärtig – und in den Sozialen Netzwerken noch mehr. Was fasziniert uns am Leid anderer Menschen? Und warum teilen manche auch ihr eigenes Leid mit der Netzgemeinde?

Facebook – Daumen hoch  / © Friso Gentsch (dpa)
Facebook – Daumen hoch / © Friso Gentsch ( dpa )

KNA: Herr Unger, bei Casting-Shows weinen die Verlierer ausführlich in die Kamera, nach Katastrophen reißen sich die Medien um Interviews mit den Opfern. Warum sehen die Zuschauer gerne leidende Menschen?

Andreas Unger (Journalist und Autor): Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Zum einen empfinden Menschen Empathie und wollen auch bewusst Empathie empfinden. Zum anderen gibt es diesen Gruselfaktor, der etwa auch beim Krimi-Gucken eine Rolle spielt. Wir sehen das Leid anderer Menschen, gruseln uns und sind letztlich froh, dass es uns viel besser geht. Manchmal kommt auch ein Orientierungsbedürfnis hinzu. Wir wollen wissen, wie andere Menschen mit Leid umgehen, wir wollen sie als Vorbilder nehmen.

KNA: Warum teilen Menschen ihr Leid überhaupt mit einem Interviewer?

Unger: Da muss man, glaube ich, unterscheiden. Wenn Verlierer einer Casting-Show ihre Tränen in die Kamera halten, dann spielt wohl auch verletzte Eitelkeit eine Rolle. Menschen hingegen, denen etwas wirklich Schlimmes widerfahren ist – ein Unfall etwa oder eine Gewalttat –, haben ganz andere Gründe, um mit Journalisten zu sprechen. Sie sind individuell unterschiedlich ausgeprägt – und zumeist durchaus nachvollziehbar.

Manche haben eine Botschaft an die Öffentlichkeit. Sie wollen uns sagen, dass man auch mit schlimmen Erfahrungen weiterleben kann, dass man sie unter Umständen sogar für das Leben nutzbar machen kann. Andere wenden sich an Journalisten, weil sie jemand brauchen, der ihnen endlich einmal zuhört, der sie wahr- und ernst nimmt. Da steht oft ein richtiger Leidensdruck dahinter.

KNA: Auch Sie haben im Rahmen Ihrer journalistischen Tätigkeit schon des Öfteren Opfer interviewt. Welche Grenzen setzen Sie sich da? Wo endet ethisch vertretbarer Journalismus, wo beginnt der Voyeurismus?

Unger: Zuerst einmal: Ich versuche, soweit es geht, den Begriff Opfer zu vermeiden, denn dieses Wort macht die Menschen gewissermaßen zu Objekten eines Täters oder einer Tat. Lieber spreche ich von Menschen, denen etwas Schlimmes widerfahren ist. Wenn ich mit diesen Menschen spreche, dann erlebe ich sie gerade nicht als passiv. Dann erzählen sie mir, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen.

Ganz wichtig ist für mich dabei, dass die Menschen freiwillig mit mir sprechen. Wenn jemand nicht mit mir reden will, dann akzeptiere ich das, denn ich will ja ein Gespräch auf Augenhöhe führen. Auch ansonsten gibt es rote Linien bei mir, zum Beispiel, wenn es um Minderjährige geht oder um Menschen, die komplett die Fassung verloren haben. Und: Ich habe auch die Täterperspektive im Auge.

Schließlich will ich nicht den Wünschen entsprechen, die der Täter an eine Medienberichterstattung hat.

KNA:  Nun haben Journalisten längst nicht mehr das Monopol in Sachen Nachrichten. Schon lange vor der Tagesschau kursieren Videos von Unfällen und Naturkatastrophen im Netz. Was bedeutet das für den Journalismus?

Unger: Journalisten haben ethische Standards, gerade was Katastrophenberichterstattung betrifft. Die Tatsache, dass Nicht-Journalisten in den Sozialen Medien solche Standards nicht einhalten, sollte uns nicht dazu führen, genauso zu handeln, nur um bei der Jagd um das schnellste Bild vorne mit dabei zu sein. Von professionellen Journalisten erwarten die Nutzer nicht die schnelle Nachricht. Die verbreitet sich heute anders. Sie erwarten Hintergrund und Analyse – und sie wissen, dass das Zeit braucht.

KNA: Auch das eigene Leid teilen viele Menschen bereitwillig im Netz. Die Spannbreite reicht da vom eigentlich harmlosen Schnupfen über den Skiunfall bis hin zum Tod der geliebten Großmutter. Warum tun die Menschen das?

Unger: Auch hier muss man unterscheiden. Der Schnupfen fällt eher in die Kategorie der Belanglosigkeiten, die Menschen tagtäglich in den Sozialen Netzwerken teilen. Was nun die Nachricht vom Tod der Großmutter betrifft, liegt die Sache etwas anders. Das betrifft einen Bereich, für den es früher klar definierte Trauerrituale gab, die heute vielfach weggebrochen sind. Dafür suchen sich die Menschen Ersatz. Mir persönlich erscheint es fremd, einen solchen Post abzusetzen. Aber wenn es jemand in seiner Trauer hilft, bin ich der Letzte, er das verurteilen würde.

KNA: Andererseits gibt es viele Bereiche, wo wir das Leid, so gut es geht, zu verbergen suchen - zumal dann, wenn es um Tod und Sterben geht. Wie passt das zusammen?

Unger: Es ist deutlich einfacher, so eine Nachricht in den Sozialen Medien zu verfassen, als dem Tod tatsächlich in die Augen zu sehen. Aber ich denke auch, dass das eigentlich ein falscher Trend ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Sechs- oder Siebenjähriger erstmals eine öffentlich aufgebahrte Tote gesehen habe, und auch, wie ich meiner toten Oma über die Wange gestreichelt habe. Dieses sinnliche Erleben möchte ich nicht missen. Und ich würde mir wünschen, dass wieder mehr Menschen Tod und Sterben so unmittelbar erfahren.

Das Interview führte Andreas Laska.

Quelle:
KNA