Innerhalb von nur 24 Stunden erleben die USA die Extreme gesellschaftlicher Debatten über Lebensschutz einerseits - und Polizeigewalt andererseits.
Erst sprach sich US-Vizepräsident JD Vance am Freitag in Washington vor Demonstranten beim "March for Life" für einen uneingeschränkten Schutz ungeborenen Lebens aus. "Das Leben ist ein Geschenk", rief der bekennende Katholik unter dem Jubel der Demonstranten.
Tags darauf erschossen Beamte der Einwanderungspolizei ICE in Minneapolis - unter bislang ungeklärten Umständen - einen 37-jährigen US-Bürger, der gegen die strikte Migrationspolitik der Trump-Regierung demonstriert hatte. Ein Widerspruch, den auch die katholische Kirche in den USA und der Papst zuletzt offen thematisierten.
Erneuter Todesfall bei einer Anti-Regierungsdemonstration
Der erneute Todesfall bei einer Anti-Regierungsdemonstration hinterlässt bei den regierenden Republikanern Spuren. Der republikanische Senator Bill Cassidy aus Louisiana forderte eine umfassende Untersuchung: "Die Ereignisse in Minneapolis sind unglaublich beunruhigend", erklärte Cassidy in einem Statement. Die Glaubwürdigkeit von ICE und Heimatschutzministerium stehe auf dem Spiel.
Zu den Hintergründen des tödlichen Vorfalls gibt es dezidiert gegensätzliche Positionen. Die Heimatschutzbehörde spricht von einem bewaffneten Angreifer mit Neun-Millimeter-Halbautomatikpistole und mehreren Magazinen, der "ready to go" gewesen sei. Aus Angst um sein Leben und das seiner Kollegen habe ein Beamter zur Verteidigung das Feuer eröffnet. Der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, bezeichnete diese Darstellung hingegen als "Unsinn" und sprach von "Lügen".
Senator Cassidys hilflos wirkende Forderung nach Aufklärung offenbart das Dilemma, in dem sich konservative Republikaner befinden. Auf der einen Seite das Werben für die Pro-Life-Bewegung, auf der anderen ein bisweilen brutales Vorgehen der Behörden gegen Demonstranten.
US-Präsident Donald Trump selbst hatte sich im Vorfeld des "Marsches für das Leben" mit einer klaren Botschaft zu Wort gemeldet: "Am 4. Juli 1776 bekräftigte unsere Unabhängigkeitserklärung zu Recht, dass jeder Mensch von Gott, dem Allmächtigen, mit dem unveräußerlichen Recht auf Leben ausgestattet ist."
Papst fordert Lebensschutz auf allen Ebenen
Auch Papst Leo XIV. hatte sich mit einer freundlichen Grußbotschaft an die Abtreibungsgegner gewandt. Es gelte, sich "dafür einzusetzen, dass das Leben in all seinen Phasen durch angemessene Bemühungen auf allen Ebenen der Gesellschaft, einschließlich des Dialogs mit zivilen und politischen Führern, respektiert wird", so der erste US-Amerikaner im Papstamt.
Nicht zuletzt er und die katholische Kirche greifen die offenkundigen Widersprüche im Vorgehen der US-Regierung immer wieder auf. Schon mehrfach mahnten sie, dass Leben und Würde des Menschen unter allen Umständen verteidigt werden müssten - nicht nur dann, wenn es politisch opportun sei.
Nach der jüngsten Vollversammlung der US-Bischofskonferenz hieß es in einem viel beachteten Schreiben: "Wir beten für ein Ende der entmenschlichenden Rhetorik und Gewalt." Die Bischöfe stellten sich einhellig gegen die Migrationspolitik der Regierung und warfen ihr eine "willkürliche Massenabschiebung" vor.
Verkürzter Moralismus
Bereits zuvor hatte der Papst einen verkürzten Moralismus in der politischen Debatte in den USA beklagt. So sei es nicht wirklich "pro-life" zu sagen, man sei gegen Abtreibung, aber für die Todesstrafe. Ebenso müsse man fragen, ob jemand ein Verteidiger des Lebens sei, wenn er "mit der unmenschlichen Behandlung von Einwanderern in den USA einverstanden ist".
Die Stadt Minneapolis bereitet sich derweil trotz eiskalter Temperaturen auf eine weitere Woche voller Proteste vor. Die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA verlegte wegen der aufgeheizten Atmosphäre ein ursprünglich für Samstag in Minneapolis geplantes Spiel der Timberwolves gegen die Golden State Warriors auf Sonntag.
"Die Entscheidung wurde getroffen, um die Sicherheit zu gewährleisten", hieß es in einer NBA-Mitteilung. Ob es dann wirklich friedlich bleibt, weiß zur Stunde niemand.