Trauer-Referentin skizziert eine gute Sterbe-Begleitung

"Zeit ist das größte Geschenk"

Eine Schweizer Designerin gestaltet Geschenke für Sterbende, die ihnen den Alltag erleichtern sollen. Eva-Maria Will von der Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln spricht über das schönste Geschenk für Sterbende.

Patientin im Hospiz / © Gordon Welters (KNA)
Patientin im Hospiz / © Gordon Welters ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was halten Sie grundsätzlich von den Geschenken für Sterbende?

Theologin Eva-Maria Will ist Referentin für Trauerpastoral / © Beatrice Tomasetti (DR)
Theologin Eva-Maria Will ist Referentin für Trauerpastoral / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Eva-Maria Will (Referentin Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln): Grundsätzlich halte ich es für eine sinnvolle Idee, einem Menschen, der schwer krank ist und im Sterben liegt, etwas zu schenken. Ob man dann die Geschenkideen von kommerziellen Anbietern umsetzt, sei dahingestellt. Das wichtigste, das wir Vater, Mutter oder einem Freund schenken können, ist sicherlich unsere Zeit.

Das ist gerade in der heutigen, schnelllebigen Zeit ein hohes Gut. Das verlangt von uns im Alltag oft einiges ab. Unsere Terminkalender sind häufig voll und wir müssen uns dann einen Freiraum schaffen, um zu den Menschen hinzufahren und sie besuchen zu können. Aber für den anderen in dieser Situation da zu sein, ist sicherlich das größte und wichtigste Geschenk.

DOMRADIO.DE: Unabhängig davon, was für ein Geschenk man macht, drückt es auch aus, dass der Abschied bevorsteht. Vielleicht will das nicht jeder Sterbende wahrhaben. Was kann man mit einem materiellen Geschenk auslösen?

Will: Viele von uns neigen dazu, den Gedanken an den eigenen Tod erstmal beiseite zu schieben. Andererseits spüren viele Menschen, dass es Zeit für sie wird, dass es ans Sterben geht. Manche sprechen in Bildern und sagen dann vielleicht, dass sie ihre letzte Reise antreten oder den letzten Weg gehen müssen.

Manche Menschen möchten alleine gehen. Andere wollen sich vorher noch von ihrer Familie oder Freunden verabschieden, auch wenn sie das gar nicht so deutlich sagen. Aber eigentlich warten sie doch darauf, dass diese Menschen, die ihnen lieb und teuer sind, noch einmal kommen, damit sie sich verabschieden können.

Das ist sicherlich das größte Geschenk. Ob es dann in so einer Situation noch eines materiellen Geschenkes bedarf, sei dahingestellt.

DOMRADIO.DE: Was für "Geschenke" hat die katholische Kirche im Programm, wenn es ums Abschiednehmen, ums Sterben geht.

Will: Seit biblischen Zeiten haben die Christen ihre Kranken und Sterbenden nicht allein gelassen, sondern sie haben sie begleitet. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich bestimmte Formen und vor allem auch Zeichen ausgebildet oder sind weiterentwickelt worden.

Eva-Maria Will

"Durch das Zeichen wie der Salbung oder der Eucharistie erhält der Mensch, der in Todesgefahr ist, Zuwendung, Nähe und Stärkung."

Durch Zeichen wie der Salbung oder der Eucharistie erhält der Mensch, der in Todesgefahr ist, Zuwendung, Nähe und Stärkung. Diese Zeichen – wir nennen sie Sakramente in der Kirche – begleiten das Gebet und den Segen. Der Segen ist ein Zuspruch für die Menschen in dieser Situation, auf seiner letzten Reise oder auf dem letzten Weg.

DOMRADIO.DE: Was ist bei solchen Ritualen und Sakramenten wichtig?

Will: Rituale wollen die Menschen besonders an Übergängen unterstützen und begleiten. Rituale gibt es in allen Religionen und Kulturen, gerade an den Übergängen des Lebens. Das Sterben ist ja so ein wichtiger Übergang, eine Schwelle.

Eva-Maria Will

"Rituale schaffen dabei nicht nur eine neue Wirklichkeit, sondern sie verbinden auch diejenigen miteinander, die das Ritual feiern."

Rituale schaffen dabei nicht nur eine neue Wirklichkeit, sondern sie verbinden auch diejenigen miteinander, die das Ritual feiern. So entsteht Gemeinschaft. Ein Ritual will ausdrücken, dass man mit dem Menschen, der aus dem irdischen Leben gehen muss, verbunden ist und auch verbunden bleiben will. Also in diesem Fall auch über den Tod hinaus.

DOMRADIO.DE: Viele Leute sind mit der Kirche aber gar nicht mehr so verbunden und kennen kirchliche Rituale gar nicht. Haben Sie eine Empfehlung für solche Menschen, wie die den Umgang mit Sterbenden gut und sinnvoll gestalten können?

Ein Grabengel auf Melaten / © Beatrice Tomasetti (DR)
Ein Grabengel auf Melaten / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Will: Wir leben in einer pluralen Gesellschaft. Es gibt Menschen, deren religiöse und spirituelle Situation eine andere ist und die mit den Sakramenten nichts anfangen können. Hier können deshalb andere religiöse Zeichen und Handlungen angebracht sein.

Derzeit haben Rituale Hochkonjunktur und es gibt einen großen Markt für Rituale. Dabei wird mit verschiedenen Gegenständen gearbeitet, zum Beispiel mit einer Rose, mit einem Stein oder einer Engelfigur.

Gerade der Engel ist ja nicht nur für Christen eine Figur des Übergangs, sondern viele Menschen lassen sich von Engeln ansprechen. Die Engel führen und geleiten den Verstorbenen ins Paradies. Jedenfalls denke ich, dass alles sinnvoll ist, dass dem todkranken und sterbenden Menschen hilft, sein irdisches Leben auf eine gute Weise loslassen zu können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR