DOMRADIO.DE: Zu Beginn des neuen Jahres hat Kardinal Woelki Sie auf eigenen Wunsch zum hauptamtlichen Diakon in Vollzeit ernannt. Von nun an gehören Sie zum Seelsorgeteam des Düsseldorfer Südens, wo eine große Pastorale Einheit zusammenwachsen soll. Was motiviert Sie, mit Ende 40 nochmals ganz umzusatteln?
Thorsten Wemmers (Landwirt und bisher nebenberuflich Diakon in Wuppertal): Man kann sagen, ich habe im diakonalen Dienst richtig Feuer gefangen: im Dienst an den Menschen, im Dienst der Verkündigung und auch im Dienst an der Liturgie, wo es ja um sehr viel mehr als nur Messassistenz geht. Dazu gehören ja genauso die Kasualien, und dazu gehört für mich ganz klar auch das Stundengebet – als Benediktiner-Oblate sowieso.
Ich bin Ständiger Diakon geworden, um der Kirche etwas von dem Guten zurückzugeben, was ich selbst von Jugend an – als Ministrant, Organist, Firmkatechet und später im Pfarrgemeinderat – erlebt habe. Das war eine Entwicklung, in die sich nach Studium und Ausbildung ganz wunderbar der Ständige Diakon eingefügt hat. Und so haben sich für mich dann beide Tätigkeiten in Landwirtschaft und Seelsorge gut ergänzt.
Daher verstehe ich den Wechsel vom Ständigen Diakon mit Zivilberuf zum Diakon im Hauptberuf inhaltlich auch gar nicht als einen kompletten Neuanfang. Bei meiner Arbeit auf dem eigenen Hof hatte ich immer schon genug Freiheiten und konnte zum Beispiel morgens mühelos eine Beerdigung übernehmen, ohne dass mir gleich etwas im Betrieb anbrannte.
Der große Schritt besteht eher darin – und das ist zunächst auch ein schmerzlicher Prozess gewesen –, den landwirtschaftlichen Betrieb in den Nebenerwerb zurückzufahren, die letzte Ernte einzuholen, Pachtflächen abzugeben, das eigene Ackerland nicht mehr selbst zu bestellen, sondern sie jemand anderem anzuvertrauen.
Ich bin immer aus Leidenschaft Landwirt gewesen, aber mein Herz schlägt eben auch für die Seelsorge. Und so bleibt der Hof als Stammbetrieb mit den Wiesen und einigen Mastrindern, aber ohne das ganze Ackerland und auch ohne Milchkühe.
Die schwierigste Hürde aber war, einen fließenden Übergang zu gestalten, weil lange Zeit nicht klar war, wie das neue Hauptamt aussehen würde. Zwar hatte ich vom Erzbischof die Zusage für diesen Wechsel – in diesem Vertrauen habe ich auch meinen Betrieb heruntergefahren –, bin aber in eine hohe Vorleistung gegangen, ohne dass ich eine definitive Anschauung von dem hatte, was kommen würde. Das war ein spannender Prozess, der meinen Unternehmergeist und meine klare Struktur schon auf eine harte Probe gestellt hat.
DOMRADIO.DE: Im "Pastoralen Profil des Ständigen Diakonats im Erzbistum Köln", das Kardinal Woelki 2024 in Kraft gesetzt hat, wird mit Nachdruck die dienende Haltung des Diakons, sein Engagement für eine Kirche der Armen und eine arme Kirche, betont und damit sein an der Caritas ausgerichtetes Selbstverständnis, aber auch seine Brückenfunktion zwischen Kirche und Welt unterstrichen. Was reizt Sie daran?
Wemmers: Genau das: den diakonalen Dienst mit dem Leben zu verbinden. Das entspricht exakt meinem Kirchenbild, wenn sich Getaufte und Gefirmte in dieser Kirche engagieren, jeder seinen Beitrag leistet – da, wo er steht. Besonders reizvoll finde ich dabei die Begegnung mit den Menschen. Denn als Diakon bin ich nicht in einer Leitungsfunktion, muss mich also nicht verwaltungstechnisch um die Zusammenlegung pastoraler Einheiten kümmern, sondern bin demnächst mehr als Netzwerker unterwegs.
Als Diakon habe ich also vielmehr die Chance, die Menschen unmittelbar zu begleiten und seelsorglich tätig zu sein. Das entspricht auch dem diakonischen Profil, zu dem ja in besonderem Maße die Caritasverantwortung zählt. Auch da geht es ja primär um die Begleitung von Menschen in Not und darum, konkret für die da zu sein, die sich haupt- und ehrenamtlich in der Caritas engagieren.
Grundsätzlich kommt meine Berufung zum Seelsorger aus der Christozentrik meines Denkens heraus. Wie gesagt, ich will der Kirche etwas zurückgeben, indem ich die frohe Botschaft konkret umsetze. Immer wieder spüre ich, gerade auch in der Trauerpastoral, wie viel da zurückkommt und wie der Austausch mit Menschen dazu führt, dass sie plötzlich wieder an Kirche anknüpfen.
Ich beobachte ganz viel Aufbruch, wenn ich da an eine Familie denke, die ihre drei Kinder taufen lassen wollte, auch ein Wiedereintritt im Raum stand und das Thema in der ganzen Verwandtschaft Kreise gezogen hat. Es macht einfach ganz viel Freude, wenn die Botschaft des Evangeliums so rüberkommt, dass Menschen sich anstecken lassen. Die Tiefe solcher Gespräche, die sich oft ganz unerwartet ergeben, ist eine ganz wunderbare Erfahrung, mit der ich selbst oft reich beschenkt werde.
DOMRADIO.DE: Sie sprachen schon von der dienenden Haltung des Diakons. Worin sehen Sie denn da Ihre eigene pastorale Schwerpunktsetzung?
Wemmers: Das neue "Pastorale Profil des Ständigen Diakonats" macht da jetzt ganz klar den Unterschied. Vorher ging es mehr um die Einzelfallseelsorge: taufen, trauen, beerdigen, auch wenn ich in Wuppertal schon an einem Lotsenpunkt als Schnittstelle von Gemeinde und Caritas mitgewirkt habe. Jetzt aber als Diakon im Hauptberuf wird für mich Caritas-Verantwortung – und da vor allem die Koordination von Caritas-Angeboten und, wie gesagt, die Vernetzung – ein großer Schwerpunkt sein.
Zunächst geht es erst einmal um eine Bestandsaufnahme und darum, Netzwerke und Akteure, aber auch die jeweiligen Bedarfe am Ort kennenzulernen. Die Gemeinden, die zum Düsseldorfer Süden gehören, sind in ihren Sozialstrukturen ja recht heterogen: Das reicht von der Industriebrache bis zum Schloss Benrath. Also, bei jeder dieser Pfarreien drückt der Schuh woanders.
Mir geht es zunächst darum, die Menschen, die caritative Angebote in Anspruch nehmen wollen und müssen, erst einmal ausfindig zu machen, um dann ihre Lebensbedingungen mit Unterstützungsangeboten zu verbessern. Not zu lindern – dafür brenne ich. Eigentlich muss man nur den Handlungsanweisungen des Evangeliums folgen.
Caritasarbeit ist in jedem Fall Teamwork, denn es gibt natürlich in allen Gemeinden der Pastoralen Einheit bereits gute haupt- und ehrenamtliche Angebote. Die Werke der Barmherzigkeit zu tun, das ist jedenfalls mein persönlicher Antrieb und das ist auch ganz klar ein Auftrag der Kirche. Das Ziel besteht darin, dass wir als Kirche vor Ort in der Pastoralen Einheit die Menschen, die bedürftig sind, überhaupt erst in den Blick nehmen – nach dem Prinzip sehen, urteilen, handeln. Aber ohne ihnen etwas aufzuzwingen.
Es berührt einfach mein Herz, dass viele Menschen nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, wir dagegen oft in einer Art Wohlfühl-Katholizismus unterwegs sind. Dabei gibt es wirklich große Not, wenn man sich nur einmal umschaut. Armut hat viele Gesichter und ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar.
DOMRADIO.DE: Auch als Landwirt waren Sie bisher Überzeugungstäter. Auf Ihrem Bio-Hof ist Ihnen wichtig, Landwirtschaft immer im Einklang mit der Schöpfung zu betreiben. Dafür haben Sie sich immer schon stark gemacht, und das ist nach wie vor Ihre Passion. Gleichzeitig sind Sie in Zeiten des Klimawandels zunehmend an Ihre Grenzen gestoßen…
Wemmers: Ein Grundproblem in den letzten Jahren war – das betrifft alle Bauern gleichermaßen –, dass wir die Kosten des allgemein verursachten Klimawandels einzelbetrieblich nicht mehr tragen konnten. Es gab hintereinander drei trocken-heiße Jahre, in denen wir sehr, sehr schlechte Erträge hatten. Immerhin konnten wir mit unserer Getreideernte noch gerade so eben Backqualitäten erreichen.
Danach aber kamen dann zwei ganz nasse Jahre. 2023 ist nahezu die ganze Ernte auf dem Feld geblieben, 2024 war es nur geringfügig besser. Und dann stellt sich ganz zwangsläufig die Frage: Wie lässt sich der Betrieb trotz schlechter Ernten weiterführen?
Klimatechnisch sind wir eigentlich wunderbar aufgestellt und haben Klimaschutz auch immer gelebt: Wir betreiben eine Photovoltaik-Anlage, wir haben eine Solarthermie-Anlage, die mit einer Holzvergaserheizung gekoppelt ist, womit wir aus dem eigenen Wald nahezu CO2-neutral unsere Betriebswärme erzeugen, wir haben eine Wärmerückgewinnungsanlage aus den Kühlanlagen, wir haben auf unseren Äckern durch weite Fruchtfolgen Humus aufgebaut und versucht, all dies mit Rücksicht auf die natürlichen Grundlagen zu tun.
Trotzdem bekommt man den Kreislauf nie ganz geschlossen. Dabei ist gerade uns Christen aufgegeben, ressourcenschonend und verantwortungsbewusst zu wirtschaften, um auch den folgenden Generationen zum Beispiel fruchtbare Böden zu hinterlassen. Und dafür muss man schon sehr sorgfältig mit den Flächen umgehen. Als Christen sehe ich uns da in einer ganz besonderen Verantwortung.
DOMRADIO.DE: Die Vereinbarkeit beider Berufungen, die zum Landwirt und die zum Seelsorger, nimmt für Sie gerade eine neue Form an. Die Grundmelodie Ihres Glaubens aber läuft bei beidem mit…
Wemmers: Es gibt ja auch durchaus Schnittmengen und Analogien. Denn bei beidem braucht man Geduld, damit etwas wachsen und reifen kann. Und man muss vieles von außen annehmen. Ich habe immer gerne von meiner Hände Arbeit gelebt. Das erdet. Bislang war das auch eine tolle Kombination: Landwirt im Hauptberuf und Diakon im Zivilberuf. Aber jetzt ist die Reihenfolge eben andersherum. Und ich bin voller froher Erwartung, wie sich das unter veränderten Vorzeichen nun konkret gestalten lässt.
DOMRADIO.DE: Stichwort Erwartung: In Vollzeit Seelsorger zu sein bedeutet mit 48 Jahren noch einmal eine Neuausrichtung Ihres Lebens, was letztlich die ganze Familie betrifft. Denn der Hof – Sie sagten es schon – bleibt als Nebenerwerb ja erhalten und wird als Familienbetrieb auch weitergeführt. Welche Hoffnung leitet Sie in Ihrer neuen Aufgabe?
Wemmers: Grundsätzlich: Ohne Hoffnung geht nichts. Hoffnung ist nicht umsonst die erste Christenpflicht. Ich selbst bin jedenfalls voller Gottvertrauen. Ich brenne für die Botschaft Jesu Christi und bin davon überzeugt, dass wir als Christen der Welt viel Lebensnotwendiges zu sagen haben. Wenn wir uns umschauen und sehen, wie viel Zwietracht und Spaltung auf der Welt herrschen, dann besteht für mich der Urauftrag als Seelsorger darin, Hoffnung zu säen und auf die Einheit mit Christus hinzuweisen.
Für die einen verwirklicht sich das in der Zuwendung zum Nächsten in der konkreten Tat, für die anderen in der Versammlung um den Altar, wieder für andere vielleicht in einem Feld wie der Trauerbegleitung oder im Gebet. Für jeden aber besteht die Möglichkeit, diese Welt ein kleines Stück besser zu machen und am Reich Gottes mitzubauen. Jeder an seinem Platz. Und meiner ist demnächst als Seelsorger im Düsseldorfer Süden.
Das Interview führte Beatrice Tomasetti.