Theologe Sellmann hofft auf Reformimpulse bei Konferenz

"Kirche lebt von Vertrauen"

Die Konferenz "dennoch" in Hannover will einen Blick auf "Neues in der Kirche" werfen und Ideen für die Kirche von Morgen thematisieren. Was bei dem Treffen auf dem Programm steht, weiß Matthias Sellmann, der selbst dort mitwirkt.

Matthias Sellmann / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Sellmann / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was ist Ihre Diagnose, woran krankt die katholische Kirche im Moment am meisten? Was fehlt ihr am meisten?

Prof. Dr. Matthias Sellmann (Leiter des Kompetenzzentrums Internationale Pastorale Innovation an der katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum): Ich glaube, am meisten fehlt ihr Überzeugung, und zwar Überzeugung von innen und die Zuschreibung von Überzeugung von außen. Von innen haben die letzten Jahre so viele Skandale und Einsichten hervorgebracht, was man niemals von seiner Kirche gedacht hätte.

Die Identität und das Gefühl, in dieser Kirche gut aufgehoben zu sein, gerne in dieser Kirche zu sein und die Kirche als nützlich zu sehen, ist von innen her sehr stark ins Schwanken geraten und sehr stark belastet worden.

Prof. Dr. Matthias Sellmann

"Kirche lebt von Vertrauen. Wenn sie kein Vertrauen hat, weder von innen noch von außen, dann kann sie eigentlich auch ihrem Auftrag nicht nachkommen."

Von außen schreiben viele Menschen, die nicht in dieser Kirche sind, ihr nicht mehr Kompetenz zu und sagen: Das ist eigentlich keine Institution, die mir auf meinem Lebensweg und bei meiner Gottessuche weiterhilft und bei der ich mich auch zunehmend frage, ob die eigentlich für unsere Gesellschaft gut funktioniert.

Das ist natürlich ein Zustand, der sehr schwierig ist, denn Kirche lebt von Vertrauen. Wenn sie kein Vertrauen hat, weder von innen noch von außen, dann kann sie eigentlich auch ihrem Auftrag nicht nachkommen.

DOMRADIO.DE: Für die drei Tage der "dennoch-Konferenz" haben Sie sich eine besondere Struktur ausgedacht. Wie sieht die aus?

Sellmann: Wir sagen theologisch, dass Kirche aus vier Kraftfeldern lebt, aus vier Verheißungen. Diese Verheißungen sind sowohl gesellschaftlich wie geistlich. Die eine Verheißung heißt: Wenn du in die Weite gehst, wenn du dich mit anderen guten Kräften der Gesellschaft zusammenschließt, dann wächst dir Energie zu.

Die zweite Kraft ist Tiefe. Wenn du dich deiner eigenen Quellen, deiner Motivation, deiner Identität im positiven Sinne nicht abgrenzend besinnst, dann fließt dir Energie zu.

Das Dritte ist: Wenn du in deine Sendung gehst, in deine Geschichte und in deinen Auftrag, dann fließt dir Energie aus der Vergangenheit, aus der Sendung, aus deiner Mission zu.

Das Vierte ist: Wenn du aus der Kraft deiner Einheit, deiner Professionalität, deiner Kompetenzen lebst, dann fließt dir Energie zu. Wir durchwandern diese vier Kraftfelder auf der Konferenz.

Zunächst gibt es einen starken Vortrag von Dr. Thomas Arnold, dem Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, der die Kirche in die Weite führt. Was ist der Gesellschaftsauftrag von Kirche? Warum sind wir weiterhin wichtig? Das tut er aus einer ostdeutschen und auch aus einer ökumenischen Perspektive.

Dann gehen wir stark in eine innere Arbeit. Was ist eigentlich unser Motivationsgrund? Warum sind wir in der Kirche? Warum bleiben wir in der Kirche? Der dritte Tag ist dann ganz der Einheit aus dem Team gewidmet. Da geht es um Workshops, Kompetenzschulung und Qualitätsverbesserung.

Der Sonntag ist dann der Sendung gewidmet. Eine große Eucharistiefeier und starke geistliche Impulse, um sich unserer Geschichte neu zu vergewissern. Kenner haben es vielleicht gerade schon gemerkt, diese Struktur ist unser Glaubensbekenntnis: einig, heilig, katholisch und apostolisch. Wir durchwandern eigentlich die Kraftfelder dieser vier Adjektive.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie sich die katholische Kirche anschauen, wo sehen Sie aktuell Innovatives und Inspirierendes?

Sellmann: Das fragen Sie den Richtigen, weil ich die Ehre habe, am Samstagabend den Innovationspreis unseres Zentrums zu verleihen. Den verleihen wir immer für innovative Projekte. Ich kann berichten, so sehr das nach außen vielleicht nicht so bekannt ist, aber die Kirche ist wirklich ein großes Labor von Experimenten und Aufbrüchen.

Wir begleiten als Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) und von Porticus und vom Bonifatiuswerk über 90 Innovationsprojekte in drei Ländern. Wir ehren fünf Projekte. Das "Kulturforum21" aus Hamburg macht eine wunderbare integrative Arbeit in katholischen Schulen.

Die "Villa Gründergeist" aus Frankfurt ist ein tolles Haus, wo es einen Co-Working-Space für kirchliche und nicht-kirchliche Gruppen gibt, die sich um nachhaltige Entwicklung bemühen. Dann haben wir das "Quo vadis?" in Wien. Die haben eine tolle Tätowier-Aktion liturgisch und gesellschaftlich gestaltet.

Der "Lüchtenhof" in Hildesheim macht eine ganz tolle und besondere Bildungsarbeit. Und dann haben wir noch als fünftes die Citypastoral von Fulda, die im Rahmen der Landesgartenschau in Hessen eine ganz starke Idee zwischen Kirche, Natur und dem Bundesland dargestellt hat.

Es gibt tolle Projekte, es gibt kleine Projekte und große Projekte. Es ist viel los und es gibt sehr viel Idealismus. Dafür ist unsere Konferenz da, diesen Idealismus zusammenzuführen und realistisch auf die Reformen auszurichten, die wir dringend durchwandern müssen, aber auch auf die Freude miteinander, eine gesellschaftliche Kraft zu sein.

Prof. Dr. Matthias Sellmann

"Es geht sehr stark darum, voneinander zu lernen."

DOMRADIO.DE: Es geht also darum, gute Ansätze und spannende Menschen miteinander zusammenzubringen. Ist Networking einer der Leitgedanken?

Sellmann: Networking ist einer der Leitgedanken, allerdings nicht im Sinne davon, jetzt mal wieder zusammen zu sein und ein nettes Kaffeekränzchen zu machen. Vielmehr geht es sehr stark darum, voneinander zu lernen. Der ganze Samstag ist Workshops gewidmet, wo es darum geht, die Professionalität der kirchlichen Arbeit zu erhöhen; die Zielgruppengenauigkeit, die Präzision, aber auch die Phantasie, die Kreativität im kirchlichen Arbeiten zu erhöhen.

Das ist Networking nicht nur untereinander, sondern auch in der Idee, dass Kirche wieder stärker partnerschaftsfähig wird für andere, nicht kirchliche gesellschaftliche Gruppen, sodass wir ein bisschen aus der Isolation, auch aus der Ecke, aus der reinen Sakristei rauskommen und wieder das sind, wofür wir antreten, nämlich wirklich eine Ressource für gesellschaftliche Kreativität zu sein.

Prof. Dr. Matthias Sellmann

"Ich würde mir wünschen, dass man einfach mal wieder seine Arbeit macht, dass man sagt, Kirche ist wie andere Gruppierungen in dieser Gesellschaft."

DOMRADIO.DE: Was erhoffen Sie sich, soll die Konferenz über die drei Tage hinaus bringen?

Sellmann: Ich würde mir wünschen, dass es zum einen ein starkes Votum für den Synodalen Weg ist, denn diese "dennoch-Konferenz" will Ausdruck des Synodalen Wegs in Deutschland sein.

Zum anderen hoffe ich aber auch – und da möchte ich so ein bisschen wie Thomas Müller mit der Nationalmannschaft sprechen – auf einen Befreiungsschlag, dass man mal dieses ganze Gepäck ablegt. So ähnlich wie die bundesdeutsche Nationalmannschaft im Fußball.

Dieses riesen "Gepäck" – "wir putzen jeden weg, wir werden in jedem Turnier irgendwie gewinnen, – schleppt auch die katholische Kirche mit sich herum. Wir haben immer recht. Wir sind der moralische Kompass der Gesellschaft. Wir sind schon immer da. Und was wir sagen, stimmt. Alles ist immer ehrwürdig und würdig.

Ich würde mir wünschen, dass man einfach mal wieder seine Arbeit macht, dass man sagt, Kirche ist wie andere Gruppierungen in dieser Gesellschaft. Eine starke Gesellschaft braucht aber auch eine starke Kirche. Und diese Kirche kann sehr stark sein. Dieses Signal, diese Erweiterung der Kompetenz, aber auch dieser Aufbau von Vertrauen von außen, ist mein Wunsch für diese drei Tage.

Das Interview führte Dagmar Peters.

dennoch.-Konferenz sucht Impulse für Zukunft der Kirche

Auf der "dennoch-Konferenz" beschäftigen sich in Hannover rund 520 Personen mit der Zukunft der Kirche. "Von der Konferenz erhoffe ich mir einen Sammelpunkt von Kräften, die jeweils für sich originelle, kreative und nachhaltige Projekte von Kirchenentwicklung verantworten", sagte der Bochumer Pastoraltheologe und Mitorganisator Matthias Sellmann der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Symbolbild: Vortrag, Redner, Konferenz, Symposium, Debatte, Diskussion, Veranstaltung. / © Matej Kastelic (shutterstock)
Symbolbild: Vortrag, Redner, Konferenz, Symposium, Debatte, Diskussion, Veranstaltung. / © Matej Kastelic ( shutterstock )
Quelle:
DR