Theologe Sellmann fordert "demokratischere" Kirche

"Konkrete Beschlüsse nötig"

Die katholische Kirche muss nach Auffassung des Bochumer Pastoraltheologen Matthias Sellmann demokratischer werden. Als Beispiele nennt er unter anderem Gewaltenteilung, Kontrolle der Machthaber und den Schutz von Minderheiten.

Pastoraltheologe Sellmann fordert mehr Demokratie in Kirche / © witsarut sakorn (shutterstock)
Pastoraltheologe Sellmann fordert mehr Demokratie in Kirche / © witsarut sakorn ( shutterstock )

"Der Synodale Weg tut gut daran, hierzu konkrete und angemessene Beschlusspapiere vorzulegen", schreibt er in einem Gastbeitrag in den Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse (Sonntag) in Osnabrück. In der Kirche solle vor allem "die enorme Klugheit demokratischer Entscheidungsverfahren" eine Rolle spielen.

Prof. Dr. Matthias Sellmann / © Martin Steffen (privat)
Prof. Dr. Matthias Sellmann / © Martin Steffen ( privat )

Als Beispiele nennt Sellmann die Teilung der Gewalten, die Kontrolle der Machthaber, die vielfache Beteiligung, den Schutz von Minderheiten sowie die Transparenz von Entscheidungen und Machtprivilegien. "All diese Vorteile brauchen auch kirchliche Entscheidungsprozesse."

"Verstörung über Machtmissbräuche"

Eine "allgegenwärtige Verstörung" über Machtmissbräuche durch kirchliche Verantwortungsträger habe sehr deutlich gezeigt, wie gefährlich es sei, wenn solche Check-and-Balance-Mechanismen im kirchlichen Alltag fehlten. Auch müssten die Werte und Lebenshaltungen von Demokratie in der Kirche zur Entfaltung kommen.

Die demokratische Staatsform lässt sich jedoch laut Sellmann nicht eins zu eins für die Kirche übernehmen. Anders als ein demokratischer Staat gehe die Kirche nicht aus den Willensakten der in ihm versammelten Bürger, sondern aus der Erstinitiative Gottes hervor, betont der Theologe. "Diese Erstinitiative gilt es, funktional zu schützen; dafür gibt es das sakramental verfasste Amt." Es habe die Aufgabe, "die Freiheit Gottes vor der Instrumentalisierung der Menschen zu schützen". Darauf achte auch der Synodale Weg sehr genau.

"Gebaut auf den Grundstein Jesu"

Prof. Peter Schallenberg / © Harald Oppitz (KNA)
Prof. Peter Schallenberg / © Harald Oppitz ( KNA )

Deutlich ablehnender gegenüber demokratischen Strukturen in der Kirche äußert sich der Paderborner Moraltheologe Peter Schallenberg. "In weltlichen Dingen der Vermögensverwaltung und überhaupt aller finanzieller Dinge, auch in Fragen der Verwaltung und der Mitarbeiterbestimmung und des Arbeitsrechtes kann und soll die Kirche demokratisch sein", schreibt er in einem weiteren Gastbeitrag. "Aber im Raum der Sakramente (und der Priesterweihe zum Beispiel) gibt es keine bürgerlichen Rechte im eigentlichen Sinn und daher auch keine demokratische Abstimmung über Inhalte des Glaubens und über die Tradition."

Die Kirche sei "gebaut auf den Grundstein Jesus Christus" und damit von ihrem Wesen und Kern her nicht demokratisch oder parlamentarisch, sondern apostolisch und hierarchisch, hebt Schallenberg hervor. Ihre Mitglieder könnten in synodaler Art beraten und die beste Meinung der Gesprächspartner heraushören. Am Ende würden aber die Bischöfe unter Vorsitz des Papstes entscheiden.

Beim Reformprozess Synodaler Weg beraten deutsche Bischöfe und Laienvertreter seit 2019 über die Zukunft der katholischen Kirche. Ausgangspunkt ist eine jahrelange Kirchenkrise, die der Missbrauchsskandal verschärft hat. In der Debatte geht es vor allem um die Themen Macht, Priestertum und Sexualmoral sowie um die Rolle der Frauen in der Kirche.

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

Der Reformdialog Synodaler Weg dauerte von Ende 2019 bis Frühjahr 2023. Dabei berieten die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zusammen mit weiteren Delegierten über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland.

Das gelochte Metallkreuz und Teile des Schriftzugs Synodaler Weg  / © Julia Steinbrecht (KNA)
Das gelochte Metallkreuz und Teile des Schriftzugs Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
KNA