Theologe Nass fordert von Kirche neue Antworten im Umgang mit KI

Kann Künstliche Intelligenz Glauben vermitteln?

Der Roboter "Buddharoid" spricht wie ein Mönch. Er zeigt, wie KI religiöse Aufgaben übernehmen könnte. Theologe Elmar Nass sieht darin Chancen für neue Zugänge zum Glauben und warnt vor Entmenschlichung und fehlender echter Seelsorge.

Autor/in:
Moritz Mayer
KI-generiertes Symbolbild eines humanoiden Priesters nach japanischem Vorbild im Hauptschiff des Kölner Doms. / © OpenAI/Moritz Mayer (DR)
KI-generiertes Symbolbild eines humanoiden Priesters nach japanischem Vorbild im Hauptschiff des Kölner Doms. / © OpenAI/Moritz Mayer ( DR )

Ein menschenähnlicher Roboter predigt, beantwortet Lebensfragen und bewegt sich wie ein Mönch: In Japan wird mit dem Projekt "Buddharoid" erprobt, wie Künstliche Intelligenz religiöse Aufgaben übernehmen kann. 

"Buddharoid" wurde mit einer Fülle buddhistischer Schriften trainiert. Er könnte, so die Idee, als KI-Mönch Tempel vor dem Leerstand retten, denn durch die alternde japanische Gesellschaft fehlt es dort zunehmend auch an Geistlichen. 

 

Mit dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz und Robotik in Fernost widmet sich auch der Theologe Elmar Nass in seinem neuen Buch "Christliche KI-Ethik". Für ihn ist der humanoide Roboter ein ambivalentes Beispiel. Einerseits zeige es, dass in Künstlicher Intelligenz viele Chancen liegen. "Das ist sicher eine Möglichkeit, um junge Menschen an Inhalte der Religion heranzuführen", sagt Nass im Interview mit DOMRADIO.DE. Solche Anwendungen und Möglichkeiten, wie humanoide Mönche und Priester, könnten religiöse Themen auf niederschwelligem Niveau vermitteln. Andererseits seien dem in Bezug auf die Glaubensvermittlung klare Grenzen gesetzt. 

Keinen Platz für den Heiligen Geist

Dabei warnte der Priester und Sozialethiker vor einer Verwechslung von Maschine und menschlicher Begegnung: "Diese KI-Roboter-Mönche sind keine Menschen, sie haben keine Seele." Ihnen fehle der Raum für das Wirken des Heiligen Geistes und damit ein zentraler Aspekt religiöser Erfahrung. Dieser sei aber für echte Seelsorge entscheidend, meint Nass. 

Prof. Dr. Dr. Elmar Nass (privat)
Prof. Dr. Dr. Elmar Nass / ( privat )

Besonders kritisch sieht er die mögliche Verdrängung menschlicher Beziehungen durch KI. Wenn Maschinen menschliche Nähe nur simulieren, könne das weitreichende Folgen haben. 

KI kann keine menschliche Beziehung ersetzen

"Am Ende wird es da problematisch, wo suggeriert wird, ich würde mit Menschen sprechen", erklärt der Theologe. Eine solche Entwicklung könne dazu führen, dass wir in eine Gesellschaft hineinliefen, in der rein menschliche Kontakte durch Kontakte mit KI ersetzt würden. 

Das betreffe nicht nur religiöse Kontexte, sondern auch Bereiche wie Pflege oder Seelsorge. Die Konsequenz wäre laut Nass eine "Entmenschlichung von Beziehungen, von Glauben und Gesellschaft insgesamt".

KI ist nicht neutral 

Nass hat gemeinsam mit Studierenden verschiedene Kommunikationstools, sogenannten Chatbots, zu Religion und Kirche befragt – mit teils unterschiedlichen Ergebnissen. Während einige Systeme Religion differenziert darstellten, betonten andere stärker kritische oder politische Aspekte. 

Künstliche Intelligenz / © Hendrik Schmidt (dpa)
Künstliche Intelligenz / © Hendrik Schmidt ( dpa )

Diese Unterschiede müssten Nutzerinnen und Nutzer kennen. Der verbreitete Eindruck, KI liefere objektive Wahrheiten, sei trügerisch. "Falls jemand denkt: 'Ich habe KI gefragt und damit habe ich die Wahrheit', dem kann ich nur sagen: 'Nein, die habe ich nicht.'“

Für die Kirche ergebe sich daraus eine doppelte Aufgabe. Nass meint damit einerseits, über die Funktionsweise von KI aufzuklären. Andererseits müssten eigene Angebote erarbeitet werden. Zwar gebe es bereits kirchliche Chatbots, räumt Nass ein, diese hätten jedoch noch eine geringe Reichweite.

Möglichkeiten KI-gestützter Seelsorge

Konkrete Einsatzmöglichkeiten sieht Nass dennoch. So könne sie etwa bei theologischer Recherche unterstützen, indem sie schnell Parallelen in biblischen Texten aufzeige. 

Die Angebote der Telefonseelsorge haben sich immer weiter spezialisiert / © Markus Scholz (dpa)
Die Angebote der Telefonseelsorge haben sich immer weiter spezialisiert / © Markus Scholz ( dpa )

Auch in der Seelsorge erkennt er ergänzendes Potenzial. "Wo Menschen in Notsituationen sind und beispielsweise bei der Telefonseelsorge anrufen, kann die KI einen 24-Stunden-Dienst sicherstellen, wo es menschliche Kontakte nicht mehr schaffen", erläutert Nass. Das sei natürlich nicht optimal, aber dafür eine erste Anlaufstelle, damit Menschen nicht ins Leere liefen und zumindest eine Antwort bekämen.

Darüber hinaus seien neue Formate denkbar, etwa personalisierte spirituelle Impulse, individuell zugeschnittene Bibeltexte oder tägliche Denkanstöße.

Kirche braucht neue Antworten

Große Erwartungen verbindet Nass mit einer möglichen Enzyklika von Papst Leo XIV. zum Thema Künstliche Intelligenz. Der Papst verstehe KI als eine "Art von industrieller Revolution", sagt Nass. Entsprechend gehe es um grundlegende Fragen etwa nach dem Menschenbild oder dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine sowie nach der menschlichen Verantwortung.

Die Entwicklung berühre damit den Kern christlicher Ethik. "Das verändert fundamental unser Verständnis vom Zusammenleben", so Nass. Deshalb brauche es neue Antworten der Kirche.

Was ist Künstliche Intelligenz?

Der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) wurde vor mehr als 60 Jahren geprägt durch den US-Informatiker John McCarthy. Er stellte einen Antrag für ein Forschungsprojekt zu Maschinen, die Schach spielten, mathematische Probleme lösten und selbstständig lernten. Im Sommer 1956 stellte er seine Erkenntnisse anderen Wissenschaftlern vor. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte sechs Jahre zuvor bereits den "Turing Test" entwickelt, der bestimmen kann, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder eine Maschine, die sich als Mensch ausgibt.

Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser (shutterstock)
Symbolbild Künstliche Intelligenz / © maxuser ( shutterstock )
Quelle:
DR

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