Theologe Menke: Zerreißprobe für Katholiken

Die polarisierte Kirche

Ein Auseinanderklaffen von Lehre und Wirklichkeit in der Kirche sei auf Dauer nicht tragbar, warnt Vatikanberater Menke. Es sei aber Spekulation, dass Kardinal Müller und Papst Franziskus nicht miteinander auskommen.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Kardinal Müller und Papst Franziskus  (dpa)
Ein Bild aus besseren Zeiten: Kardinal Müller und Papst Franziskus / ( dpa )

Der Bonner Theologe Karl-Heinz Menke sieht die katholische Kirche in einer Zerreißprobe. Die Kirche, auch die deutsche, sei polarisiert, sagte er im Interview des Bonner "General-Anzeiger" (Mittwoch). Es gebe eine Spannung zwischen jenen, die sich der Moderne anpassen wollen, und jenen mit eher konservativen Tendenzen. "Diese Zerreißprobe ist bis in den Vatikan vorgedrungen", so Menke.

Er war im September von Papst Franziskus in die Internationale Theologenkommission berufen worden, den wichtigsten theologischen Beraterkreis des Vatikan.

In den vergangenen Monaten war über Differenzen zwischen Papst Franziskus und dem Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Kardinal Müller, spekuliert worden – dazu sagte Menke: "Wenn der Papst etwas gegen ihn gehabt hätte, hätte er ihn in ein weniger wichtiges Amt versetzen können. Das Gerede, dass beide nicht miteinander können, ist Spekulation."

Wiederverheiratet Geschiedene nicht das wichtigste Thema

Als Beispiel der Auseinandersetzung nannte Menke die Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. "Das ist ein Symbolthema, an dem man sich sowohl von rechts als auch von links abarbeitet." Dabei sei es sicher nicht das wichtigste Thema. Denn in den Gemeinden gebe es nur wenige wiederverheiratete Geschiedene, die mit der Kirche leben wollten. Und wer das wolle, habe für sich einen Weg gefunden. "Ich habe noch nie erlebt, dass ein Pfarrer jemanden an der Kommunionbank abweist", sagte der Theologe.

Konfliktpotenzial sieht Menke beim Thema Weiheamt. In machen Diözesen gebe es unter den Seelsorgern genau so viele Pfarrer wie Laien.

Selbst wenn ein Pastoralreferent den gleichen oder besseren Studienabschluss habe und den Pfarrer intellektuell in den Schatten stelle, habe er kirchenrechtlich nichts zu sagen und dürfe nicht predigen. Dies sei zu ändern.

Problematisch ist es nach Ansicht Menkes auch, dass die Kirche immer noch so tue, als sei sie eine Volkskirche. So versprächen Jugendliche bei der Firmung dem Bischof, Vorbild im Glauben sein zu wollen. Doch 90 Prozent von ihnen hielten sich nicht an das Gebot, sonntags zur Kirche zu gehen. "Die offizielle Doktrin und die Wirklichkeit klaffen da weit auseinander." Dies sei auf die Dauer nicht tragbar.

Gesunder Mittelweg

Zwischen der Anpassung an den Zeitgeist und einem "Ghetto-Katholizismus" müsse ein gesunder Mittelweg gefunden werden, forderte Menke. Die Kirche sollte darüber nachdenken, wie viel sichtbare Übereinstimmung mit dem Ideal sie vom einzelnen Gläubigen verlangt, um ihm eine volle oder eventuell auch gestufte Zugehörigkeit zu attestieren. "Wer sich nicht vollständig oder noch nicht vollständig mit dem Bekenntnis des Ortsbischofs und des Papstes identifizieren kann, ist genauso zu achten."

Quelle:
KNA
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