Theologe Lütz über Weihnachten angesichts des Krieges in Syrien

"Weihnachten die Türen aufmachen"

Geht das zusammen - Weihnachten, das Fest des Friedens und der Liebe im Angesicht der Bilder aus Aleppo? Ja, sagt der Theologe und Psychiater Manfred Lütz, wenn wir uns nicht abschotten, sondern "christlicher" feiern.

Manfred Lütz: Weihnachten muss christlicher werden / © Cristian Gennari (KNA)
Manfred Lütz: Weihnachten muss christlicher werden / © Cristian Gennari ( KNA )

domradio.de: Es ist sicher nicht das erste Mal, dass an Weihnachten irgendwo auf der Welt ein Krieg tobt, aber dieses Mal scheint es ganz besonders nah zu sein - irgendwie schrecklicher, gegenwärtiger. Können wir im Angesicht dessen tatsächlich schön Weihnachten feiern? 

Manfred Lütz (Theologe und Psychiater): Weihnachten ist nicht das Fest des menschlichen Friedens und der menschlichen Liebe. Sondern Weihnachten ist das Fest des göttlichen Friedens und der göttlichen Liebe. Das bedeutet, dass man zum Beispiel auch im Zweiten Weltkrieg Weihnachten gefeiert hat. Natürlich, um den Menschen auch Trost zu geben und ihnen deutlich zu machen: Es gibt über diese schreckliche Realität hinaus einen Gott, an den wir glauben und der ein mitleidender Gott ist. Das ist ja unser christlicher Glaube.

Oft wird Weihnachten als "Friede, Freude, Eierkuchen-Fest" gefeiert, als spießiges Familienweihnachten, an dem sich die Familie abschottet vor der Welt. Und gleichzeitig leben draußen, außerhalb, vielleicht in der gleichen Straße, einsame, traurige Menschen, denen vielleicht gerade ein Partner gestorben ist und man selbst feiert fröhlich Weihnachten. Das ist genauso unchristlich, wie sich abzuschotten, einfach nur lecker zu essen und keinen Gedanken an Aleppo und an die Schrecklichkeiten der Welt zu verlieren. Aber das kann uns nicht davon abhalten, Weihnachten zu feiern.

domradio.de: Das heißt, wir müssen Weihnachten nicht ausfallen lassen, aber wir müssten uns überlegen, wie wir es feiern?

Lütz: Man müsste es christlicher feiern. Wir haben seit einigen Jahren die Üblichkeit, dass wir zu Weihnachten auch Flüchtlinge einladen - nicht zu viele, dass man sich als Familie gar nicht mehr wiederfinden würde. Aber, wenn man ein paar Flüchtlinge als Gäste hat, ist das im Grunde auch viel festlicher - nach meiner Erfahrung. In Polen gibt es die schöne Tradition, dass für das Weihnachtsessen immer ein Gedenk zusätzlich auf dem Tisch steht, weil ja Christus kommen könnte. Wenn wir das Evangelium richtig gelesen haben, dann ist Christus ja in den Obdachlosen, in den Armen, in den Flüchtlingen. Wir glauben ja nicht an irgendeinen esoterischen Gott, sondern wir glauben an einen mitmenschlichen Gott; einen Gott, der uns auf Augenhöhe begegnet ist und dem wir dann auch auf Augenhöhe begegnen müssen.

Das heißt, Weihnachten mal die Türen aufmachen, mal überlegen: Wen gibt es in der eigenen Straße, in der Nachbarschaft, vielleicht auch in der Familie, der gerade einsam ist? Denn - das kann ich auch als Psychiater sagen - die Einsamkeit ist für einsame Menschen zu Weihnachten besonders schlimm. Und dann ist es ganz nützlich und auch ganz christlich, wenn man diese Menschen einlädt und nicht "heile Familie" feiert. Das funktioniert sowieso nicht! Gerade, wenn die Leute sich vorstellen, es müsste Weihnachten ganz harmonisch zugehen, gibt es die großen Katastrophen. Dann gibt es Zoff unter'm Weihnachtsbaum. Dann landet das Ergebnis so einer spießigen Weihnachtsfeier bei uns in der Psychatrie.  

domradio.de: Und wenn Kritiker sagen: "Die Menschen, die unbedingt einen Flüchtling oder einen einsamen Menschen zu sich nach Hause einladen, die versuchen nur ihr Gewissen freizukaufen, durch eine gute weihnachtliche Tat"?

Lütz: Nein. Man kann natürlich jede gute Tat verdächtigen, dass sie eigentlich nur subtiler Egoismus ist. Man kann Mutter Teresa verdächtigen, dass sie eigentlich nur berühmt werden wollte. Das ist aber Unsinn! Ich glaube, Mutter Teresa wollte nicht berühmt werden - sie war einfach ein guter Mensch.

Ich glaube, wenn Sie Flüchtlingen und Menschen in Not in die Augen blicken, wenn Sie die einladen und mit ihnen am Tisch sitzen, dann ist es ziemlich schwierig, sich zu sagen: Das tue ich jetzt alles nur, damit ich selbst einen guten Eindruck mache. Wer so kaltherzig ist - bei dem ist es in der Tat egal, ob er Flüchtlinge einlädt oder nicht. Der kommt ja sowieso in die Hölle.

domradio.de: Und wenn jemand sagt: Ich kenne keine Flüchtlinge, mir fällt jetzt auch keine einsame, alte Dame ein, aber wir möchten trotzdem was tun - wir verzichten zum Beispiel mal auf Geschenke und spenden das Geld. Wir kaufen billigen Perlwein statt Champagner. Finden Sie das sinnvoll?

Lütz: Erstens glaube ich nicht, dass einem da keiner einfällt. Da muss man vielleicht ein bisschen länger nachdenken. Zweitens will ich jetzt auch nicht sagen: "Das MUSS man machen!" Wir haben es ja auch bis vor drei Jahren nicht gemacht. Ich sage nur, dass es eine Anregung ist. Man kommt ja auf bestimmte Ideen nicht unbedingt.

Natürlich ist die Anregung, die Sie jetzt geben, auch keine schlechte. Aber wenn man sagt: "In der Nachbarschaft lebt eine Frau, da ist gerade der Mann gestorben, die ist völlig alleine. Die könnte man eigentlich mal einladen. Aber das ist irgenwie unangenehm und ist dann auch nicht mehr so wie sonst. Und deswegen spende ich lieber mal für Aleppo, dann brauche ich die Frau nicht einzuladen." Das wäre es auch nicht!

domradio.de: Wir sehen in diesen Tagen viele schreckliche Bilder, nicht nur aus Aleppo. Es gibt noch ungezählte andere Krisenherde auf der Welt. Manchmal denkt man: "Ich kann es eigentlich kaum noch aushalten." Vor diesem Hintergrund: Was ist da eigentlich die wirkliche Nachricht von Weihnachten?

Lütz: Jesus ist ja gefragt worden: "Wer ist denn mein Nächster, angesichts der vielen Not, die es jederzeit gibt?" Da hat er die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Er hat erzählt, dass die Not jedem Menschen begegnet, dass man nur überlegen muss: "Wem kann ICH jetzt helfen?" Und sich furchtbar aufzuregen über die Unmenschen in Aleppo und seine Zeit dafür zu verwenden, permanent die Nachrichten zu gucken, anstatt den Flüchtlingen im eigenen Dorf zu helfen - das wäre eigentlich zynisch und voyeuristisch.

Wir bekommen heute durch unsere sozialen Medien viel mehr Information über Not ins Haus gespült. Das gab es vor hundert Jahren nicht. Dennoch bleibt unsere Handlungsmöglichkeit auch etwas beschränkt. Übrigens nicht ganz beschränkt: Gerade vor Weihnachten gibt es etwa von Misereor oder Adveniat viele Spendentüten, in die man etwas hineintun kann - das ist ja der Gedanke, den Sie ansprechen. Aber nochmal: Nicht da was reintun, anstatt hier vor Ort zu helfen, sondern: Es macht ja nix, wenn man beides tut.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Autor, Psychotherapeut und Theologe Dr. Manfred Lütz (DR)
Autor, Psychotherapeut und Theologe Dr. Manfred Lütz / ( DR )
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DR