Theologe fordert mehr Einsatz der Kirche für Singles

Mehr Angebote für Alleinstehende

Viele deutsche Großstädte sind Single-Hochburgen. In Köln zum Beispiel sind etwas über die Hälfte aller Haushalte Singlehaushalte, so eine Studie der deutschen Online-Plattform Statista. Aber hat die Kirche die Singles genug im Blick?

Symbolbild Single / © Dean Drobot (shutterstock)

DOMRADIO.DE: In der Kirche setzt man traditionell auf Ehe und Familie. Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft, heißt es immer. Ist der Schwerpunkt auf diesen Bereich nicht in Ordnung?

Thomas Weißer, Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich Universität Bamberg (privat)
Thomas Weißer, Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich Universität Bamberg / ( privat )

Professor Dr. Thomas Weißer (Katholischer Theologe an der Universität Bamberg): Der ist selbstverständlich erstmal in Ordnung, weil wir in der Gesellschaft in der wir leben, natürlich familiäre Konstruktionen haben. Jeder von uns entstammt einer Familie. Der ist aber insofern nicht in Ordnung, weil eben in vielen Gegenden, vor allen Dingen in Städten in Deutschland, viele Menschen alleine leben, entweder bewusst oder schicksalhaft. Deswegen meine ich, dass die Kirche hier die ganz wichtige Aufgabe hat auch diese Menschen in den Blick zu nehmen.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, die Kirche hat dieses Bewusstsein zu wenig im Blick. Woran liegt das?

Thomas Weißer, Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich Universität Bamberg

"Alles andere wird lange als defizitär, als unvollkommen dargestellt und wahrgenommen."

Weißer: Das kann man sicherlich historisch begründen. Historisch gibt es zwei zentrale Lebensformen, die wir in der katholischen Kirche und Theologie erkennen. Ehe und Familie einerseits und andererseits eine alleinstehende Lebensform, jungfräulich, zölibatär, zum Beispiel Ordensschwestern oder Priester. Das sind sozusagen die beiden Wege, die man kennt.

Alles andere wird lange als defizitär, als unvollkommen dargestellt und wahrgenommen. Was es aus meiner Sicht nicht ist, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der ganz unterschiedliche Lebensformen auch nebeneinander existieren. Menschen entscheiden sich zum Teil auch bewusst dafür alleine zu leben und ihr Leben zu gestalten. Alleine heißt dabei nicht unbedingt, dass sie solitär wären, dass sie ohne Beziehung leben, sondern sie suchen vielleicht ganz andere Beziehungsformen zu anderen Menschen.

DOMRADIO.DE: Was im Umkehrschluss ja nicht unbedingt auch bedeutet, dass Kirche das gutheißen muss, oder?

Weißer: Nein, das bedeutet es nicht. Aber wenn wir von einer Vorstellung von Zeichen der Zeit ausgehen, von einer Gesellschaft, die sich entwickelt und auf die Kirche reagieren muss, dann ist es erst mal, so denke ich, zentral und wichtig, wahrzunehmen und anzuerkennen, dass Menschen so leben.

DOMRADIO.DE: Was muss angeboten werden, um auch Singles anzusprechen und sie nicht auszugrenzen in der Kirche?

Weißer: Wenn man an Angebote für Kinder und Jugendliche denkt, dann wird sehr schnell an die Familie mitgedacht, mittlerweile auch in den verschiedenen Familienformen, ganz grundsätzlich.

Thomas Weißer, Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich Universität Bamberg

"Hier mit Abwertung oder sozusagen mit Defizit-Kommentaren drauf zu reagieren, halte ich für grundfalsch."

Hier wahrzunehmen, dass Menschen auch einfach alleine sein können, das neu zu berücksichtigen, finde ich einen wichtigen Punkt. Menschen können auch alleine sein nach Beziehungsphasen, zum Beispiel weil sie ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben. Hier mit Abwertung oder sozusagen mit Defizit-Kommentaren drauf zu reagieren, halte ich für grundfalsch. Deswegen brauchen wir Angebote.

DOMRADIO.DE: Es gibt solche Angebote zum Beispiel auch hier im Erzbistum Köln, eine eigene Singlepastoral. Es werden Gottesdienste für Alleinstehende angeboten. Sie sagen, das werde gerne als Dating-Aktion missverstanden. Wie kommen Sie zu dieser Beobachtung?

Weißer: Da bin ich etwas missverstanden worden. Ich sage nicht, die werden da immer falsch verstanden. Ich sage nur, das könnte ein Problem sein, wenn die Kirche etwas für Alleinstehende anbietet, dass das so verstanden werden kann, dass dort sich dann wieder Paare zusammenfinden.

Ich finde einfach zentral, dass man sagt, hier gibt es eine Lebensform und ich nehme Menschen in dieser Lebensform ernst, Alleinstehende wie zum Beispiel Witwen oder Witwer. Die suchen oft gar nicht nach einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin, sondern sie wollen einfach in ihrem Leben wahr und ernst genommen werden. Ich halte es für zentral hier nicht in erster Linie nur nach neuen Partnerschaften zu gucken, sondern Lebenssituationen ernst zu nehmen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensfragen im Erzbistum Köln

Das Beratungsangebot der zwölf Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensfragen (EFL) im Erzbistum Köln (www.efl-beratung.de) richtet sich an Paare und Einzelpersonen mit persönlichen, familiären und partnerschaftlichen Krisen und Konflikten. Anliegen ist es, in schwierigen Lebenssituationen für Gespräche zur Verfügung zu stehen und in vertraulichen Gesprächen Lösungswege zu finden. Fachinformationen und aktuelle Publikationen stehen ebenso zur Verfügung wie die Möglichkeiten der Onlineberatung per E-Mail und Chat.

Eva-Maria Ritz, Leiterin der Ehe-, Familie- und Lebensberatung in Leipzig / © Karin Wollschläger (KNA)
Eva-Maria Ritz, Leiterin der Ehe-, Familie- und Lebensberatung in Leipzig / © Karin Wollschläger ( KNA )
Quelle:
DR