Telefonseelsorge führt über eine Millionen Gespräche im Jahr

"Wir sind immer ausgelastet"

Der 2. November 1953 gilt als Geburtsstunde der Telefonseelsorge. Auch heute können Anrufer noch immer auf dieses Angebot zurückgreifen. Annelie Bracke, Leiterin der katholischen Telefonseelsorge in Köln, gewährt einen Einblick.

Telefonseelsorge / © Uli Deck (dpa)
Telefonseelsorge / © Uli Deck ( dpa )

DOMRADIO.DE: Auch 70 Jahre nach der Gründung der Telefonseelsorge sind Sie nach wie vor gefragt. Sind Sie und Ihr Team ständig mit Gesprächen ausgelastet? 

Annelie Bracke, Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln / © Elena Hong (DR)
Annelie Bracke, Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln / © Elena Hong ( DR )

Annelie Bracke (Leiterin der Katholischen Telefonseelsorge Köln): Wir und alle anderen über hundert Stellen, die es in Deutschland gibt, sind 24 Stunden erreichbar. Deutschlandweit hatten wir letztes Jahr über 1 Million Gespräche. Wenn wir nach einer kurzen Pause das Telefon wieder freischalten, kommt relativ schnell das nächste Gespräch.

DOMRADIO.DE: Das ist wahnsinnig viel. Bekommen Sie mehr Anrufe, als Sie annehmen können?

Bracke: Ja, das wissen wir durch anonymisierte Hintergrundstatistiken der Telekom, die uns die Nummern und auch den technischen Support zur Verfügung stellt. Leider ist es so, dass es viel mehr Versuche und auch Anschlüsse hinter den Anrufversuchen gibt, als wir bedienen können.

Annelie Bracke

"Wir haben fast 8000 Ehrenamtliche bundesweit, wir tun unser Bestes".

Wir haben fast 8000 Ehrenamtliche bundesweit, wir tun unser Bestes. Aber wir müssen uns auch für den einzelnen Anrufenden Zeit nehmen.

DOMRADIO.DE: Den Sommer haben wir endgültig hinter uns gelassen. Ist die dunkle Jahreszeit ein Garant für noch höhere Anruferzahlen?

Bracke: Wir sind immer ausgelastet. Wir könnten eigentlich auch im Sommer noch mehr Gespräche annehmen, deswegen steigen die Zahlen nicht. Wir sind übrigens auch online präsent, per Mail und Chat.

Man muss sagen, dass die Menschen, die sich innerlich einsam fühlen, dies auch im Frühjahr tun – manchmal dann sogar besonders, weil sie um sich herum viele andere Menschen wahrnehmen, die dann aufblühen.

DOMRADIO.DE: Ist das auch an Weihnachten so, wenn manch einer vielleicht alleine zu Hause sitzt und weiß, andere Leute sitzen jetzt mit der Familie um den Tannenbaum oder gehen in Gottesdienste?

Einsame Frau an Weihnachten / © Ground Picture (shutterstock)
Einsame Frau an Weihnachten / © Ground Picture ( shutterstock )

Bracke: Es fängt sogar vor Weihnachten schon an, dass sich Menschen dann auch Sorgen machen, wie die Festtage wohl werden.

Einige haben auch Angst vor dem Zusammentreffen mit der Familie, wenn die Beziehungen vielleicht nicht harmonisch sind.

Andere fürchten sich vor dem Alleinsein, da sie denken, es beträfe nur sie. Das ist manchmal sehr bedrückend oder kann auch zu Schamgefühlen führen.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade schon einmal einen Einblick in die Gründe gegeben, aus denen Leute anrufen.

Manchmal geht es um Einsamkeit, Liebeskummer oder einen Trauerfall zu verarbeiten. Führen Sie auch Gespräche, in denen es um Suizidgedanken geht?

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Angebote der Telefonseelsorge haben sich immer weiter spezialisiert / © Markus Scholz (dpa)
Die Angebote der Telefonseelsorge haben sich immer weiter spezialisiert / © Markus Scholz ( dpa )

Bracke: Ja, auf jeden Fall. Dafür wurde dieses Angebot 1953 auch gegründet, weil es zu einer Selbsttötung eines 13-jährigen Mädchens kam, das ein gewisser anglikanischer Pfarrer dann beerdigen musste. Dieser Pfarrer gelangte zu der Einsicht, dass dies nicht passiert wäre, wenn sie mit jemandem hätte sprechen können.

Heute sind es etwa acht Prozent der Gespräche, in denen das Thema Suizid vorkommt, allerdings nicht immer ganz akut, aber auch das kommt vor.

Bei vielen sind es Suizidgedanken, die sie immer wieder begleiten, und die irgendwann dann natürlich auch umgesetzt werden können. Da erfüllen wir auch eine sehr wichtige Funktion.

Wir sprechen diese angedeuteten Gedanken immer an, wenn wir sie hören. Da muss man keine Angst haben, diese Gedanken mit der Ansprache zu verstärken.

Man kann auf Andeutungen eingehen, denn dann kann die betroffene Person durchatmen, offen darüber sprechen und es einschätzen, vielleicht kann man Perspektiven auch anders ausleuchten.

DOMRADIO.DE: Die Telefonseelsorge ist gerade auch für solche Fälle gewappnet. Erfahren Sie auch, wie es für diese Menschen weitergeht?

Bracke: Es gibt manchmal Menschen, die sich am Ende eines Gesprächs bedanken. Zum Jahresende gibt es Menschen, die anonym anrufen und betonen, dass die Telefonate in diesem Jahr sehr wichtig für sie waren.

Wir haben auch in einer Region eine Botschaft erhalten, dass eine Person durch die Anrufe bei der Telefonseelsorge ihre Suizidgedanken überwunden und sich bedankt hat.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie kriegen auch Wertschätzung zurück. Das ist natürlich schön für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denn die machen das alle ja ehrenamtlich.

Bracke: Aber man muss natürlich aushalten, dass man meistens dieses Feedback nicht bekommt, sondern einfach den Wert des Gesprächs und der Begegnung in dem Moment wertschätzen muss.

Annelie Bracke

"Es ist die Bereitschaft, sich den Menschen vorbehaltlos zuzuwenden".

Die Ehrenamtlichen werden ein Jahr lang sehr gut ausgebildet und auch begleitet während ihrer Tätigkeit, mit Supervision sowie gemeinschaftlichen und spirituellen Angeboten.

In jeder Stadt gibt es in der Nähe zumindest eine Telefonseelsorge, bei der man sich bewerben kann, wenn man Lust hat, mitzumachen

DOMRADIO.DE: Sie sind in der katholischen Telefonseelsorge tätig. Was ist für Sie das Christliche an dieser Arbeit?

Bracke: Es ist die Bereitschaft, sich den Menschen vorbehaltlos zuzuwenden. Die erste Telefonseelsorge in England wurde ja von dem anglikanischen Pfarrer, den ich bereits erwähnt hatte, Chad Varah, gegründet und benannt.

Er hat sie "Samaritans" genannt und so heißt die Telefonseelsorge in England auch heute noch. Der Name rührt von der Bibelgeschichte des barmherzigen Samariters.

Das Interview führte Michelle Olion.

Katholische Telefonseelsorge Köln

Die Katholische Telefonseelsorge Köln bietet Menschen in Notlagen rund um die Uhr und kostenfrei Beratung und Seelsorge am Telefon an. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden vor dem Einsatz am Telefon zehn Monate lang von hauptamtlichen Fachkräften ausgebildet. Nach der Ausbildung leisten sie monatlich 15 Stunden Dienst am Telefon, auch regelmäßig Nachtdienste. Sie werden weiter qualifiziert durch regelmäßige Fortbildung und Supervision.

Symbolbild Telefonseelsorge / © Gajus (shutterstock)
Quelle:
DR