Tag gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern

"Bei uns müssen sich die Frauen nicht erst erklären"

Obwohl Sexarbeit in Deutschland seit 2002 gesetzlich geregelt ist, erleben Prostituierte immer noch Stigmatisierung und Gewalt. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Köln versucht ihnen zu helfen.

Prostitution / © Caro Bastian (epd)
Prostitution / © Caro Bastian ( epd )

DOMRADIO.DE: Von wem erfahren Sexarbeiterinnen bzw. Prostituierte Gewalt?

Rene Pieper (Leiter der Prostituiertenhilfe des Sozialdienstes katholischer Frauen in Köln): Die Menschen, die der Sexarbeit nachgehen, erfahren von unterschiedlichen Menschen Gewalt. Das können Freier sein, Familienangehörige, etc. Da muss den Frauen geholfen werden. Es braucht Ansprechpersonen und unterschiedliche Beratungsangebote.

Rene Pieper  (Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Köln)

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt dabei die illegale Prostitution?

Pieper: Die spielt insofern eine Rolle, weil genau die Frauen, die in der Illegalität arbeiten, wenig Zugriff und wenig Vertrauen zum Hilfesystem haben. Hier gilt es einfach eine Vertrauensbasis aufzubauen, damit die Frauen sich Hilfe holen, wenn sie Hilfe benötigen.

DOMRADIO.DE: Wie erreichen Sie als Sozialdienst diese Frauen?

Pieper: Auf unterschiedliche Weise. Wir betreuen einmal einen Straßenstrich in Köln mit direkter Beratung vor Ort. Wir machen aufsuchendes Streetworking im Stadtgebiet. Wir haben zwei Mal in der Woche einen offenen Treff als Café. Durch diese Angebote erreichen wir die Frauen mit unterschiedlichem Infomaterial und Flyern auf verschiedenen Sprachen, um sie so auf das Hilfesystem aufmerksam zu machen.

DOMRADIO.DE: Wird Ihre Hilfe von den Frauen angenommen oder eher gemieden, weil sie misstrauisch sind?

Pieper: Die Angebote werden angenommen, weil wir diese Angebote auch schon sehr lange machen. Das ist auch wichtig, um Vertrauensaufbau zu gestalten, damit die Frauen wissen: Bei uns werden sie nicht diskriminiert, sondern zu uns können sie kommen mit dem Thema Prostitution und müssen sich gar nicht erst erklären, weil wir den Frauen und Männern offen gegenübertreten.

DOMRADIO.DE: Was bekommen Sie da für ein Feedback?

Pieper: Die Menschen sind froh, dass sie Beratung in Anspruch nehmen können und sich für die Prostitution nicht rechtfertigen müssen, sondern das eigentliche Thema zur Sprache kommen kann. Normalerweise müssen sie sich ganz oft erst mal erklären, warum sie der Prostitution nachgehen. Wir sind da in der Beratung schon einen Schritt weiter.

DOMRADIO.DE: Trotz ihrer Hilfe - sollte Prostitution bzw. Sexarbeit verboten werden?

Pieper: Ganz klar nein. Um Hilfen für die Menschen in der Prostitution zu gestalten, ist es erstmal wichtig, mit den Menschen, die in der Prostitution tätig sind, zu sprechen und nicht über sie. Prostitution verbieten - die Coronakrise hat gezeigt, wie schwierig das ist: Prostitution wurde auf die Schnelle verboten, aber sie ging weiter. Und mit einem Gesetz ist die Vermutung einfach sehr hoch, dass die Prostitution trotzdem weitergehen würde, auch wenn sie verboten wäre. Das macht es dann wiederum schwieriger für die Frauen, gerade wenn sie Gewalt erfahren, sich Hilfen zu holen, weil sie dann der Illegalität nachgehen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Sozialdienst katholischer Frauen

Die Gründung des Sozialdienstes katholischer Frauen e. V. Köln geht zurück auf die Initiative zweier Frauen, Agnes Neuhaus in Dortmund und Marie Le Hanne Reichensperger in Köln, die sich unabhängig voneinander um 1899/1900 herum entschlossen, Frauen und Mädchen in Not Hilfe zu leisten.

Sozial-caritatives Leben entsprach zwar durchaus den gesellschaftlichen Moralvorstellungen und dem Frauenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, allerdings nicht in der Form, wie es dann von den Frauen dieses Vereins gelebt wurde.

Sozialdienst Katholischer Frauen (DR)
Sozialdienst Katholischer Frauen / ( DR )
Quelle:
DR