Täglich setzen 120 US-Amerikaner ihrem Leben ein Ende

Die "Suizid-Epidemie" in den USA

Jeden Tag beenden durchschnittlich rund 120 US-Amerikaner ihr Leben. Forscher sprechen von einer "Epidemie" und beklagen mangelnde staatliche Unterstützung. Sie fordern eine Kraftanstrengung wie etwa im Kampf gegen Aids.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Debatte um Suizidbeihilfe / © Friso Gentsch (dpa)
Debatte um Suizidbeihilfe / © Friso Gentsch ( dpa )

Am 5. Juni setzte Kate Spade ihrem Leben ein Ende - mit 55 Jahren. Ihr Mann kannte ihre Stimmungsschwankungen, doch es habe keinerlei Anzeichen für die Katastrophe gegeben. Die in der Modeszene weltweit bekannte Gründerin des Labels "Kate Spade New York" hat durch ihren Promi-Status ein Thema in die öffentliche Debatte gebracht, das weitgehend tabuisiert ist - die Selbsttötung.

Als drei Tage später auch der Autor, Dokumentarfilmer und TV-Starkoch Anthony Bourdain sich das Leben nahm, rückte die "Suizid-Epidemie" endgültig in den Fokus. Spade und Bourdain sind zwei von durchschnittlich 120 US-Amerikanern pro Tag, die Selbstmord begehen. Im Jahr 2016 waren es laut offiziellen Zahlen der US-Gesundheitsbehörde CDC fast 45.000 Personen – rund ein Viertel mehr als 1999.

Zeiten sozialer Unruhen

Statistiken zeigen, dass in Zeiten großer sozialer Unruhen die Suizid-Quote besonders hoch ist. In den 1930er Jahren, während der Großen Depression, lag sie bei 17,4 pro 100.000 US-Einwohner. Zuletzt kletterte sie in den USA über die 13-Prozent-Marke bei insgesamt rund 325 Millionen US-Bürgern.

Der Pharma-Unternehmer Jonathan Javitt beobachtet viele falsche Annahmen über den Suizid. Er werde vor allem als Versagen der Psyche gesehen, schrieb er in der "Washington Post". Dabei seien "selbstmörderische Depressionen so behandelbar wie Diabetes". Die Zahl der Selbsttötungen könnte bedeutend niedriger sein, glauben auch Experten. 90 Prozent der Betroffenen hätten eine psychische Störung, die diagnostizier- und behandelbar sei.

Elektroschocks vs. Anti-Depressiva

Nach Einschätzung von Javitt helfen gegen schwere Depressionen Elektroschocks besser als Anti-Depressiva. Der Fachmann diente bereits mehreren US-Präsidenten als Berater für das Gesundheitswesen.

Zwar seien die Nebenwirkungen einer Elektroschock-Therapie teils beträchtlich (Gedächtnisverlust), räumt er ein. Doch bei vergleichbaren Fällen nähmen sich derart behandelte Patienten nur halb so oft das Leben wie Depressive unter Tabletten.

Eine spielerische Methode

Mangelhafte Diagnosen und falsche Behandlungen sind auch für den Psychiater Richard A. Friedman vom Weill Cornell Medical College die Hauptgründe für den Anstieg der Suizidrate in den Vereinigten Staaten. Betroffenen werde Charakterlosigkeit oder moralische Schwäche unterstellt, schrieb er in der "New York Times". Dabei ließe sich vielen Gefährdeten schon mit wenigen Therapiegesprächen helfen, so Friedman. Eine Studie der Johns Hopkins University in Baltimore habe gezeigt, dass schon bei sechs bis zehn Therapiesitzungen die Suizidwahrscheinlichkeit um ein Viertel abnehme.

Erfolgreich verlief offenbar auch eine spielerische Methode, um Selbstmordgedanken zu vertreiben. Psychologen der Universität Harvard haben eine App entwickelt, die Versuchspatienten immer dann aktivieren sollten, wenn sie Todesgedanken hatten. Schon nach einer Nutzungszeit von nur einem Monat gab fast die Hälfte an, ihre Pläne zur Selbsttötung aufgegeben zu haben.

Ursache lokalisieren und Heilmittel finden

Mithilfe von speziellen Computerprogrammen will auch das Militär gegen die gestiegene Suizidrate unter Soldaten vorgehen. Gerade nach Kriegseinsätzen und besonders nach ihrer Entlassung aus dem Dienst schnelle die Quote nach oben.

Javitt fordert, gegen die "Epidemie" endlich so entschlossen vorzugehen wie etwa gegen Aids. Verglichen mit den 26 Milliarden US-Dollar, die Washington jedes Jahr für den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit ausgebe, seien die rund 100 Millionen Dollar für die Suizidprävention nicht ausreichend.

Der Pharmakologe will auch aus persönlichen Gründen, dass mehr getan wird. 2008 verlor er einen guten Freund, der seinem Leben ein Ende setzte. Es sei wie bei einem Herzinfarkt gewesen, sagt Javitt, eine Art chemischer Kurzschluss im Gehirn. "Jetzt liegt es an uns, die Ursache zu lokalisieren und das Heilmittel zu finden."


Quelle:
KNA