Studie unterstreicht Wunsch der Kinder nach Vorlesezeit

Mehr Ohrenschmaus

Trotz Computerspielen können sich Kinder immer noch für das Vorlesen begeistern. Laut einer Studie zum Vorlesetag an diesem Freitag fordern Kinder sogar noch mehr Zeit dafür ein. Und: Kinder können Weltoffenheit lernen, wenn ihnen vorgelesen wird.

Bundesfamilienministerin Schwesig (r.) beim Vorlesetag / © Jens Büttner (KNA)
Bundesfamilienministerin Schwesig (r.) beim Vorlesetag / © Jens Büttner ( KNA )

Ob gemütlich auf dem Schoß der Mutter oder hibbelig vor dem Ohrensessel von Opa hockend, Kinder lieben das Vorlesen. Das Ergebnis einer aktuellen Studie der Stiftung Lesen unterstreicht dies: 91 Prozent der Kinder in Deutschland gefällt es gut, wenn ihnen vorgelesen wird. Und sie fordern noch mehr Ohrenschmaus, denn der Befragung zufolge wünscht sich fast jedes dritte Kind, dem vorgelesen wird, dass dies öfter geschieht.

Die Studienleiterin Simone C. Ehmig wies bei der Vorstellung der Befragung in Berlin darauf hin, dass jeder Kindern vorlesen kann. Tatsächlich seien es zwar meistens die Eltern und vor allem die Mütter, die diese Aufgabe übernehmen. Kinder schätzten die gemeinsame Zeit und vertraute Atmosphäre mit ihren Eltern.

Junge Kinder mögen Humor in Büchern

55 Prozent der 521 befragten und repräsentativ ausgewählten Fünf- bis Zehnjährigen gefällt die Gemütlichkeit beim Vorlesen, 46 Prozent schätzen tolle Geschichten. Für jüngere Kinder steht dabei der Humor im Mittelpunkt. Bei älteren rücken Spannung und die Identifikation mit den Hauptfiguren in den Vordergrund.

Ideal sei es laut der Stiftung Lesen, wenn Eltern sich mehrmals in der Woche Zeit für das Lesen nähmen, zum Beispiel 15 Minuten jeden Tag. Dann entfalte das Vorlesen seine volle Wirkung für die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern. Auch das Vorlesen außerhalb der Familie, zum Beispiel durch Ehrenamtliche, sei wertvoll.

Integrationsexperte: Büchern helfen beim Erlernen von Toleranz

Bücher können zudem Kindern Toleranz und Weltoffenheit nahebringen, wie der Berliner Psychologe Kazim Erdogan der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte. "Das ist das A und O, damit kann nicht früh genug anfangen werden", so der Integrationsexperte, der in Berlin jahrelang die "Woche der Sprache" organisierte. Dabei sollten Eltern, Kinder und Jugendliche schon früh für solche Themen sensibilisiert werden.

Die mittlerweile 10. Vorlesestudie zeigt nach Worten des Journalisten Manuel Hartung, dass fast alle Kinder das Bedürfnis haben, vorgelesen zu bekommen. Dieses Bedürfnis könnten alle Eltern erfüllen, "unabhängig von Bildung und Herkunft". Kindern aus Haushalten mit mittlerer und niedriger Bildung gefällt es laut der Befragung zu 90 beziehungsweise 86 Prozent gut, wenn ihnen vorgelesen wird. "Das bedeutet: Vorlesen ist für alle da", so der Ressortleiter der Wochenzeitung "Die Zeit", die gemeinsam mit der Stiftung Lesen am Freitag den 13. Bundesweiten Vorlesetag veranstaltet.

Stellenwert von Lesen und Schreiben

Den langfristigen Nutzen des Vorlesens unterstreicht auch eine Umfrage im Auftrag der Initiative "Vorsicht Buch!": Die Vorlesezeiten gehören für rund ein Drittel der Menschen in Deutschland zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Dass ihnen Eltern, Geschwister oder Paten vorgelesen haben, daran erinnern sich die Jüngeren (14 bis 29 Jahre) am häufigsten. Die Initiative wertete dies als "ein gutes Zeichen", das einen Trend bestätige: Immer mehr Eltern lesen ihren Kindern regelmäßig vor. Sie wüssten, dass sich dies später für den Nachwuchs auszahle.

"In Deutschland müssten Kinder geradezu ein 'Grundrecht' auf Vorlesen haben", sagte Antje Neubauer vom Fachkuratorium Bildung der Deutsche Bahn Stiftung als Mitinitiatorin der Vorlesestudie. Denn hier liege der Schlüssel zu Bildung. "Wer nicht lesen und schreiben kann, wird in unserer Gesellschaft durch das Raster fallen", erklärte sie. Deshalb müsse das Vorlesen in Deutschland, wo die Bildung einen so hohen Stellenwert habe, selbstverständlich sein. "Es gibt keinen Grund, den Kindern den Wunsch nach einer guten Vorlesegeschichte nicht jeden Tag neu zu erfüllen", so Neubauer.

Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer Stiftung Lesen, appelliert, dass Leseförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden solle, um den Anteil der Eltern, die selten vorlesen, bis 2030 auf zehn Prozent zu senken. "Dann verfügen neun von zehn Kindern über die Bildungs- und Entwicklungschancen, die ihnen gerechterweise zustehen", so Maas.

Autor/in:
Rainer Nolte
Quelle:
KNA