Es sei an der Zeit, dass Weißrussland im deutschen Bewusstsein aus dem Schatten der Sowjetunion heraustrete und als ein "Staat mit eigener Geschichte, Gegenwart und Zukunft" wahrgenommen werde, sagte er am Freitag in Malyj Trostenez am Stadtrand der weißrussischen Hauptstadt Minsk.
Bei der Eröffnung der dortigen Gedenkstätte zur Erinnerung an den größten nationalsozialistischen Vernichtungsort in der damaligen Sowjetunion. In das historische Gedächtnis der Europäer, vor allem das deutsche, gehöre zwingend auch die Geschichte Weißrusslands.
Tiefe Demut und Dankbarkeit
"Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm lebten, auszulöschen", so Steinmeier. "Umso tiefer ist meine Demut, umso dankbarer bin ich den Menschen in Weißrussland für die Bereitschaft zur Versöhnung." Es habe in Deutschland viel zu lange gedauert, bis an die deutschen Verbrechen in Weißrussland erinnert worden sei.
Der Bundespräsident betonte: "Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen." Heute bestehe die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschehen sei, lebendig zu halten. Er versicherte, dass diese Verantwortung auch gegen jene verteidigt werde, die meinten, sie werde durch verstrichene Zeit abgegolten.
Eröffnung von Gedenkstätte
Steinmeier eröffnete die Gedenkstätte gemeinsam mit Weißrusslands Staatsoberhaupt Alexander Lukaschenko und Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen. Es ist der erste Besuch eines deutschen Bundespräsidenten in dem Land. In Malyj Trostenez ermordeten die deutschen Besatzer zwischen 1942 und 1944 laut Schätzungen zwischen 50.000 und 250.000 Menschen, vor allem Juden.
Der Gedenkort gehe auf gemeinsame Anstrengungen von weißrussischen und deutschen Historikern und Bürgern zurück, hob Steinmeier hervor. Malyj Trostenez stehe heute auch für ein gemeinsames Erinnern. Die gemeinsame europäische Verantwortung für das "Nie wieder Krieg!" gründe auf dem Wissen um das, was Menschen an diesem Ort ihren Mitmenschen angetan hätten.
"Lernen Geschichte jeder Generation neu zu vermitteln"
"Wenn wir uns auch fortan, ohne die Hilfe von Zeitzeugen, daran erinnern wollen, warum uns dieses auf Menschlichkeit gegründete Europa so wichtig ist, müssen wir seine Geschichte lehren und lernen und sie jeder Generation neu vermitteln", so der Bundespräsident. "Komm und sieh! Diese Aufforderung - so schmerzhaft sie ist - gilt uns, den nachgeborenen Generationen." Die deutschen Besatzer töteten mehr als ein Viertel der Bevölkerung Weißrusslands. Rund 600 Dörfer wurden samt ihrer Bewohner ausgelöscht.
Zuvor würdigte er in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Anstrengungen, Malyj Trostenez zu einem Ort des Gedenkens an die Opfer zu machen. Diese Entwicklung habe man einem "unermüdlichen zivilgesellschaftlichen Engagement" zu verdanken.
Öffnung auf der weißrussischen Seite
"Trostenez beschäftigt mich schon lange", sagte Steinmeier im Interview mit der FAZ. "Weil es vergessen schien, aber auch, weil es über Jahre auf weißrussischer Seite wenig Bereitschaft gab, insbesondere für die dort ermordeten Juden Europas eine Erinnerungsstätte zu schaffen, die der Größenordnung des Schreckens angemessen ist".
Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass es unter den Weißrussen "unvorstellbare Opfer" gegeben habe. Er sei "froh, dass wir seit 2008 eine Öffnung auf der weißrussischen Seite erleben, die die Errichtung einer solchen Gedenkstätte für all diese Opfer, wie wir sie jetzt besuchen, schrittweise möglich gemacht hat". Der Opfer der NS-Verbechen in Malyj Trostenez gedachte lange fast niemand. In der Zeit der Sowjetunion wurde an dem Ort des Grauens sogar eine Müllhalde angelegt.
"Weg des Todes"
Fünf begehbare Eisenbahnwaggons erinnern ab sofort an den größten nationalsozialistischen Vernichtungsort in der damaligen Sowjetunion. Das Mahnmal im Wald von Blagowschtschina am Stadtrand der weißrussischen Hauptstadt Minsk entwarf der 2014 verstorbene weißrussische Künstler und Architekt Leonid Lewin, der bis zu seinem Tod die jüdische Gemeinde von Minsk leitete.
Lewin wollte den Besuchern die letzten 100 Meter zum Erschießungsplatz vor Augen führen. An die 34 Massengräber erinnern gepflasterte Grabfelder und Bögen, die eine Verbindung von Himmel und Erde symbolisieren sollen. Die Nationalsozialisten erschossen hier vor allem weißrussische, deutsche, österreichische und tschechoslowakische Juden oder brachten sie in mobilen Gaskammern um.
Erinnern an Krieg und Diktatur verändert sich
Insgesamt verändere sich das Erinnern an Krieg und Diktatur. "Meine Generation hatte die Möglichkeit, im Gespräch mit Überlebenden immer wieder zu hören, mit welcher Brutalität und Barbarei Menschen verfolgt, gefoltert und ermordet worden sind", betonte Steinmeier.
"Und auch zu erfahren, dass es Deutsche waren, die den politischen Beschluss zur Auslöschung der Juden Europas gefasst und daraus folgend eine unvorstellbare industrielle Tötungsmaschine installiert haben." Diese "unmittelbare Erzählung" durch Augenzeugen werde immer mehr fehlen.