Stadt Gießen plant Führungszeugnispflicht

Vorreiterrolle oder Schnellschuss?

Die Stadt Gießen will ab Oktober von ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendarbeit polizeiliche Führungszeugnisse verlangen. Die Kommune gilt damit bundesweit als Vorreiter. Ziel ist es, sexuelle Gewalt gegen Kinder zu verhindern. Ein Schnellschuss, sagen Kritiker.

Autor/in:
Stefanie Walter
 (DR)

Wenn viele seiner Mitschüler am Strand oder am Baggersee liegen, wird es für Paul Schünke richtig anstrengend. Der 16-Jährige fährt als Betreuer mit einer Jugendgruppe aus seiner Oberurseler Kirchengemeinde auf Sommerfreizeit. Dass er dort eine große Verantwortung trägt und sich einwandfrei verhalten muss, etwa wenn ein Kind oder ein Jugendlicher um ein vertrauliches Gespräch bittet, hat er in der Teamer-Schulung gelernt: "Wenn wir mit einer Situation nicht klarkommen oder unsicher sind, sollen wir sofort mit dem Pfarrer Rücksprache halten."

Paul hält das umstrittene Führungszeugnis für überflüssig: Der Pfarrer brauche kein solches Papier, "er kann uns ganz gut selber beurteilen". Zudem suche er die Teamer persönlich aus "und kennt uns alle ziemlich gut, da passieren keine Überraschungen."

In der Kinder- und Jugendarbeit ist sexuelle Gewalt an Kindern schon lange ein Thema. Dabei geht es auch um die "Täter in den eigenen Reihen". "Denn nicht wenige, die Kinder und Jugendliche sexuell ausbeuten, versuchen sich dort einzuschleichen, wo sie Kontakt und Beziehungen zu ihren Opfern aufbauen können", stellt der Bayerische Jugendring fest. Der Verband bietet eine bundesweit einmalige Fortbildung für Leitungskräfte in der Kinder- und Jugendarbeit an. Das Modellprojekt "PräTect" hilft Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, Strategien zur Verhinderung von sexueller Gewalt zu entwickeln.

"Ein Baustein zur Verhinderung von sexueller Gewalt"
Die Stadt Gießen möchte einen anderen Weg einschlagen und ab Oktober von ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendarbeit polizeiliche Führungszeugnisse verlangen. Die Pflicht gelte für Helfer ab 14 Jahren, sagt Sprecherin Claudia Boje. Künftig sollen nur diejenigen Verbände Zuschüsse bekommen, die Führungszeugnisse vorlegen. "Es ist ein Baustein zur Verhinderung von sexueller Gewalt", betont Boje. Gießen spiele eine Vorreiterrolle, werde damit aber nicht allein bleiben.

Auch auf Bundesebene werde die Diskussion über Führungszeugnisse für Ehrenamtliche geführt, berichtet der Grundsatzreferent beim Deutschen Bundesjugendring in Berlin, Christian Weis. Viele Städte und Gemeinden warteten die Entscheidungen allerdings ab. Trotzdem erklärt Weis: "Wir halten von einer Pflicht für Ehrenamtliche gar nichts." Die Gießener Planung sei ein "Schnellschuss". Allein die Frage, wer zum Kreis der ehrenamtlichen Helfer gehöre, sei kaum zu klären.

"Generalverdacht"
Weis nennt als Beispiel den Ausflug des Schul-Fördervereins, bei dem ein Elternteil mitfährt. "Müsste da ein Führungszeugnis vorliegen?" "Und was ist mit der Vorlese-Oma im Kindergarten. Braucht die ein Führungszeugnis?", fragt der evangelische Gießener Stadtjugendpfarrer und Vorsitzende des Stadtjugendrings, Martin Schindel. Der Zusammenschluss aus 41 Verbänden und Vereinen lehne die Führungszeugnispflicht ab. Stadt-Sprecherin Boje stellt hingegen klar, dass die Pflicht nur für Helfer gelten solle, die alleinverantwortlich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

"Wir gehen davon aus, dass die Führungszeugnispflicht viele Ehrenamtliche abschreckt", erklärt Weis. Die Freiwilligen gerieten unter einen "Generalverdacht". Auch liefere ein Führungszeugnis nur "scheinbare Sicherheit", ergänzt Schindel.

Statt allein auf Führungszeugnisse zu bauen, spricht sich der Bundesjugendring für ein Gesamtkonzept aus, um Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen. "Die meisten Träger erarbeiten schon Maßnahmen", erzählt Weis. Dazu gehören zum Beispiel ein Verhaltenskodex und Vorkehrungen für konkrete Fälle, etwa eine Vertrauensperson im Verein oder eine Notfall-Telefonnummer.